Letzter Arbeitstag für Ursula Isenberg, Leiterin der Stadt-, Kreis und Gymnasialbibliothek

Engagierte Buchexpertin im Ruhestand

Von Gesine Biermann 22.02.2012, 05:23

Zum letzten Mal begrüßte sie gestern viele Gäste in der Gardeleger Bibliothek. Die waren diesmal gekommen, um sie zu feiern. Nach 36 Jahren verabschiedete sich Bibliotheksleiterin Ursula Isenberg in den Vorruhestand, mit guten Wünschen, neuen Plänen und ein bisschen Wehmut.

Gardelegen l Sie musste viele Hände schütteln, gestern im Veranstaltungsraum der Bibliothek. Das ist sie eigentlich gewohnt - immerhin begrüßte sie genau hier schon unzählige Autoren, Künstler, Botschafter, Kinder, Eltern, Politiker und vor allem ganz viele Leser. Gestern indes war alles ein bisschen anders als sonst. Zum letzten Mal nämlich war die zierliche Gardelegerin die Gastgeberin in "ihrer" Bibliothek. Gestern war der letzte Arbeitstag von Ursula Isenberg.

Und natürlich waren sie gekommen, die Mitstreiter der vergangenen Jahre. Neben ihrem Team auch die Kollegen aus anderen Bibliotheken der Region, dem Landesverwaltungsamt, dazu Vertreter des Fördervereines der Bibliothek und natürlich Bürgermeister Konrad Fuchs und Hauptamtsleiter Klaus Richter. Denn Ursula Isenberg ist schließlich Mitarbeiterin der Stadt. Und zwar eine ganz besondere, wie Fuchs in seiner Rede an die Bibliotheksleiterin betonte.

"Das Bibliothekswesen in der Stadt und im Altkreis Gardelegen trägt Ihre Handschrift"

"Es ist die Stunde und die Zeit, heute mal einige Worte mehr zu sagen", so der Stadtchef, "Ihr Arbeitsleben war schließlich gekennzeichnet durch markante Leistungen, die untrennbar mit Ihrem Namen verbunden sind." So trage das "Bibliothekswesen in der Stadt und im Altkreis Gardelegen Ihre Handschrift", versicherte Fuchs. Und selbst "dieses wunderschöne Gebäude, in dem wir jetzt stehen, wäre nicht zustande gekommen, wenn Sie sich nicht so eingebracht hätten". Isenberg habe in der Region "eine Kultur und qualifizierte Bibliotheksbetreuung in der Fläche" aufgebaut, die "landesweit und darüber hinaus Anerkennung findet."

Fuchs erinnerte aber auch an die zahlreichen Lesungen und Veranstaltungen, die durch Ursula Isenbergs Engagement zustande gekommen waren. Damit, so betonte er, "haben Sie maßgeblich die kulturelle Szene der Stadt mitgeprägt." Dank gelte dabei aber natürlich auch dem Förderverein, so Fuchs, der in der Vergangenheit "wirklich gefördert und nicht etwa nur gefordert" habe.

In der Einrichtungsleiterin verliere die Stadt indes auch eine streitbare Mitarbeiterin, so Fuchs schmunzelnd. "Es war nicht immer leicht mit Ihnen". Das allerdings sei schließlich auch wichtig. "Widerspüche, die man sachlich ausstreitet, sind oft die Triebfeder der Entwicklung."

"Und deshalb werden Sie uns fehlen", garantierte der Bürgermeister in seiner Rede, "Sie haben es sich verdient, sich Ihr Leben neu auszurichten." Mitgebracht hatte er ihr dafür ein "ganz besonderes Tröpfchen". Davon, so Fuchs augenzwinkernd in Richtung von Ursula Isenbergs Ehemann Hans, "kannst du natürlich auch ein Schlückchen abkriegen."

Ihrem Mann schließlich galten denn auch Ursula Isenbergs erste Worte, nachdem sie die vielen guten Wünsche entgegengenommen hatte. Er habe, so versicherte sie den Anwesenden, "in seinem Berufsleben meines immer toleriert. Und daneben haben wir zwei Kinder großgezogen."

An die schönsten Momente und Erfolge ihrer beruflichen Karriere erinnerte sie sich gestern auch noch einmal zurück. "Eine ganz tolle Zeit war der Bau unserer neuen Bibliothek", versicherte sie, "die Chance, so etwas machen zu können, hat schließlich nicht jeder in seinem Leben." Denn zwischen 1992 und 1995 war unter Federführung und nach den Ideen von Gardelegens Architekt Gerd Kraußhaar und einer erstaunlichen Bausumme von "nur 2,63 Millionen D-Mark" der innovative Bibliotheksbau in Gardelegen entstanden, "in dem es bis heute Freude macht, zu arbeiten." Beeindruckende Zahlen wie 625000 Besucher, 1600 Veranstaltungen und 950000 Entleihungen zeigen zudem, dass auch die Menschen gern hierher kommen.

Eine Anekdote aus der Zeit vor dem Bau gab Isenberg allerdings noch zum Besten. Kurz nachdem die Entscheidung zum Neubau gefallen war, habe sie Hauptamtsleiter Klaus Richter nämlich persönlich zum Bauplatz gefahren, erinnerte sie sich gestern. Damals standen an der Stelle, wo heute das modernste Bibliotheksgebäude der Altmark steht, noch "ein Umspannhäuschen und eine Bürobaracke." Angesichts dieser hässlichen Ansicht - "und dazu sollte ich auch noch ja sagen" - habe sie Richter ganz entgeistert gefragt, "ob das sein Ernst ist".

"Sie können sich sicher vorstellen, wie es ist, Frau Isenberg entsetzt zu sehen"

Und an die Begebenheit konnte sich schließlich auch Richter noch gut erinnern. "Sie können sich sicher vorstellen, wie es ist, Frau Isenberg entsetzt zu sehen", so Richter schmunzelnd an die Gäste gewandt, bevor er sich von Ursula Isenberg einfach mal herzlich in den Arm nehmen ließ.

Ebenso herzlich bedankte diese sich gestern aber natürlich auch bei Fuchs und allen Mitstreitern, Weggefährten und natürlich bei ihrem Team. Das hatte sich zuvor bereits mit einem riesengroßen Blumenstrauß und einem Gutschein von seiner Chefin verabschiedet. Und der wird ihr - zusammen mit dem Gutschein des Fördervereines - wohl in den kommenden Monaten noch viel Freude machen. Denn er soll ihr eine "Reise ihrer Wahl" ermöglichen, wie Kollegin Cornelia Schön erklärte. "Wir wissen ja, dass das Dein größtes Hobby ist."

Und dafür wird die Gardelegerin, die eigentlich aus Leipzig stammt und 1973 der Liebe wegen nach Gardelegen kam, nun gemeinsam mit Ehemann Hans viel Zeit bleiben. Und ein Reiseziel ist wohl schon gewiss. Denn im August erwarten Isenbergs ihr erstes Enkelkind. Das Kind ihres Sohnes wird allerdings in Frankreich bei seinen Eltern groß. Und so wird gerade dieses Land wohl oft eine Reise wert sein.

Einer ihrer größten Reiseträume sei außerdem noch Kenia, verriet Ursula Isenberg gestern. Ob er sich irgendwann erfüllt, wisse sie allerdings noch nicht. Langeweile indes werde mit oder ohne Reisen in ihrer neuen Freizeit nicht aufkommen, versicherte sie. "Ich wurde oft gefragt, ob ich es überhaupt ohne Arbeit aushalte", so Isenberg, "aber seien Sie versichert, es gibt auch ein Leben nach der Bibliothek."

"Einen Roman von David Foster Wallace habe ich mir als allererstes Buch vorgenommen"

Zum Beispiel Zeit zum Lesen. Es gibt nämlich tatsächlich noch Bücher in "ihrer" Bibliothek, die sie im Laufe ihrer Karriere noch nicht mit auf ihr Wohnzimmersofa genommen hat. Eines davon hat David Foster Wallace geschrieben.

Der Titel klingt wie ein Zukunftsmotto. Der dicke Wälzer, den sich Ursula Isenberg als allererstes Buch für die nächsten Wochen vorgenommen hat, heißt nämlich "Unendlicher Spaß".