Gardelegen l Wer über die Straßen des Altkreises Gardelegen fährt, den schauen weiße Steine an, Steine, auf denen ein Dreieck rot leuchtet und in die die Zahlen 13. 4. 1945 eingegraben sind. Diese Steine erinnern an die Todesmärsche von Häftlingen aus den Konzen­trationslagern des Nationalsozialismus. Es war im April 1945, als sie von den Bahnhöfen Letzlingen und Mieste bis zur Feldscheune Isenschnibbe getrieben worden waren. Dort angekommen, wurden die meisten von ihnen auf bestialische Weise ermordet.

68 Steine sind es laut Konrad Fuchs, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Isenschnibbe, in und um Gardelegen insgesamt. 47 von ihnen sind bisher in Pflege. Das heißt, Privatpersonen, aber auch Parteien und Institutionen haben die Patenschaft über einen oder mehrere Gedenksteine übernommen, kümmern sich um deren Aussehen und die würdevolle Gestaltung des Umfeldes. Nun erhielt der letzte Gedenkstein an der Bundesstraße 71 bei Wiepke ebenfalls Paten. Es handelt sich um das Ehepaar Schneider aus Rogäsen, einem Ortsteil der Stadt Coswig.

28 Jahre pendeln zwischen Rogäsen und Lünebur

Doch wie kam es zu diesem Engagement? Darüber gaben Annette und Hans-Peter Schneider bei einem Vor-Ort-Termin Auskunft. Sie trafen sich mit Fuchs, um „ihren“ Stein zur Pflege in Empfang zu nehmen und sich auch einige andere Gedenksteine für Gestaltungsideen anzusehen. Dabei erzählte Annette Schneider, dass sie vor 28 Jahren aus ihrer Geburtsstadt Lüneburg mit ihrem Mann nach Rogäsen gezogen sei und sie seitdem regelmäßig nach Lüneburg fahren, um ihre Eltern zu besuchen, und zwar immer auf der B 71 – erst durch Gardelegen durch, seit dem Bau der Umgehung an der Hansestadt vorbei.

Dabei haben sie zwar auch schon immer den Hinweis auf die Gedenkstätte Isenschnibbe gesehen, sich aber erst damit beschäftigt, nachdem ihnen im November vergangenen Jahres die Gedenksteine an der Bundesstraße aufgefallen sind. „Sie waren damals wohl gerade freigeschnitten worden und wir haben sie zum ersten Mal richtig wahrgenommen. Das sie etwas mit dem Krieg zu tun haben müssen, war uns schon klar.“

Gedenken an die Opfer ist ihnen wichtig

Das Interesse des Ehepaares war geweckt. Sie recherchierten im Internet und stießen auf das Massaker von der Feldscheune Isenschnibbe, die vorherigen Todesmärsche und den Gedenkstätten-Förderverein. Von ihm erhofften sie sich mehr Informationen. „Zu der Zeit war aber schon der Wille da, das zu unterstützen“, machte Hans-Peter Schneider deutlich.

Gesagt, getan. Das Ehepaar nahm Kontakt zu Konrad Fuchs auf, der ihm den letzten, noch verfügbaren Stein auf seiner Strecke zur Pflege anbot. Das Ehepaar griff zu, denn auch ihre Familien haben durch die Nazizeit und den Krieg Schlimmes durchgemacht, sodass ihnen das Gedenken an die Opfer und die Mahnung, die von ihnen ausgeht, wichtig sind. Ihre Mutter musste aus Ostpreußen fliehen. Sein Uropa, Gustav Schulenburg, starb im Dezember 1944 im KZ Dachau. Er war ein deutscher Kommunist, Gewerkschafter und Widerstandskämpfer, der verfolgt und 1940 verhaftet wurde.