Gardelegen l Zerlina Hesse. Julius Hesse. Robert Hesse. Lina Rieß. Gertrud Sonnenfeldt. Walter Sonnenfeldt. Richard Sonnenfeldt. Helmut Sonnenfeldt. Acht Namen, eingraviert auf handtellergroße Messingplatten und ins Pflaster eingelassen, erinnern an die Schicksale jüdischer Familien aus Gardelegen. Schüler aus der Stolperstein AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums haben die Biographien dieser acht Personen aufgespürt. Zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig setzten sie jetzt acht Stolpersteine, die an die Angehörigen der Familien Hesse, Rieß und Sonnenfeldt erinnern sollen, an der Sandstraße und an der Ecke Bahnhofstraße/Hopfenstraße.

Namen sind wichtig, sie haben Bedeutung, erinnerte Rabbi Shlomo Sajatz. Einem Psalmwort zufolge habe Gott die Sterne nicht nur gezählt, sondern auch jedem einem Namen gegeben. „Zahlen machen nur Sinn, wenn sie in einer Reihenfolge stehen“, sagte Sajatz. Namen dagegen kennzeichneten eine Persönlichkeit, ein Individuum. Er sprach das hebräische Gebet „Kel male rachamim“, in dem Gott gebeten wird, die Verstorbenen bei sich aufzunehmen und sie zu trösten.

Schüler tragen Biographien vor

Die Schüler Jennifer Zoschke, David Wolfowski, Isabell Ehrenteich und Hannah Weber trugen die Biographien der acht jüdischen Gardeleger vor. Sie hatten auch Informationstafeln mit Dokumenten über das Leben und Schicksal der Familien erstellt. Sie erzählten von der Arztpraxis der Sonnenfeldts in der Sandstraße und dem Hopfenhandel der Hesses in der Hopfenstraße, aber auch davon, wie die jüdischen Kinder in Deutschland mehr und mehr isoliert wurden, bis zuletzt kein arisches Kind mehr mit ihnen spielen wollte oder durfte und sie sich meist im Garten des Lippstädtschen Hauses in der Bahnhofstraße trafen. Aber auch von den Schwierigkeiten der Ausreise war zu hören, so war Walter Sonnenfeldt aus Buchenwald unter der Bedingung entlassen worden, dass er sofort das Land verließ. Aber die Einreise in die USA war alles andere als einfach.

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Besonders gefreut haben sich die Schüler, dass auch 15 Gäste aus England und den USA zur Verlegung der Stolpersteine gekommen waren. Es waren Angehörige und Nachkommen der Familien Hesse und Sonnenfeldt. Unter ihnen war auch Marjorie Sonnenfeldt, die Frau von Helmut Sonnenfeldt, an den nun ein Stein in der Sandstraße erinnert. Sie war bereits mehrfach zu Gast in Gardelegen, zuerst im Jahr 1978. „Es sind schlimme Dinge passiert, aber gab auch sehr viele gute und hilfsbereite Menschen“, sagte sie. Sehr beeindruckt war sie von der Arbeit der Stolperstein AG und davon, dass in Gardelegen die Verlegung der Stolpersteine nicht von der Verwaltung oder der Kirche organisiert wird, sondern von jungen Leuten. „Sie arbeiten sehr hart“, schätzte sie die Arbeit der Schüler ein.

Nach der Verlegung der Steine gab es eine Einladung zu Kaffee, Kuchen und Gesprächen ins Rathaus, bei der sich die Gardeleger und ihre Gäste näher kommen konnten.

Die Namen auf den Stolpersteinen

Zerlina Hesse, geborene Rosenfeld, Jahrgang 1873. Sie war die Frau von Julius Hesse. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und dort am 26. Februar 1943 ermordet.

Julius Hesse, Jahrgang 1862, war Inhaber einer Hopfenhandlung und Enkel des Firmengründers. Er wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 13. Januar 1943 ermordet.

Robert Hesse, Jahrgang 1895, wurde 1938 von den Nazis in „Schutzhaft" genommen und nach Buchenwald gebracht. 1939 gelang ihm die Flucht mit dem Motorschiff St. Louis nach Kuba. Ihm wurde jedoch die Einreise verweigert. 1940 wurde er in England und danach in Kanada inhaftiert und am 16. April 1943 entlassen.

Lina Riess, Jahrgang 1882, war Musikerin und Klavierlehrerin. Sie war für die Deportation vorgesehen und beging am Tag zuvor, am 12. April 1942, Selbstmord.

Dr. Gertrud Sonnenfeldt, geb. Liebenthal, Jahrgang 1896, gebürtige Hamburgerin, war Ärztin für Orthopädie und Geburtshilfe und heiratete 1922 Walter Sonnenfeldt. Beide flüchteten 1939 nach Schweden und gelangten in die USA.

Dr. Walter Sonnenfeldt, Jahrgang 1893, gebürtiger Berliner, war Arzt und nahm am Ersten Weltkrieg als freiwilliger Armeearzt teil. Er erhielt das Eiserne Kreuz. 1920 gründete er seine Gardeleger Arztpraxis. Er wurde 1938 in „Schutzhaft" genommen und nach Buchenwald gebracht. 1939 flüchtete er nach Schweden und in die USA.

Richard Sonnenfeld, Jahrgang 1923. Sohn von Walter und Gertrud Sonnenfeldt. Er floh 1938 nach England. Als Freiwilliger in der US-Army war er an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt. Später war er Chefdolmetscher bei den Nürnberger Prozessen. Als Elektroingenieur war er an der Entwicklung des Farbfernsehens und der Vorbereitung der 1. Mondlandung beteiligt.

Helmut Sonnenfeldt, Jahrgang 1926, floh 1938 nach England und gelangte 1944 in die USA. Er gehörte von 1969 bis 74 dem nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus an, war Berater von Außenminister Henry Kissinger und wurde wegen seines Einflusses auf dessen Politik auch „Kissingers Kissinger" genannt.