Gardelegen l Sie nahm Gardelegen mit ins ferne Jerusalem. Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher weilte über den Jahreswechsel mit ihrem Mann in Jerusalem. Sie besuchten Yad Vashem, die Internationale Holocaust Gedenkstätte, berichtete sie während des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Montag, zu dem die Stadt Gardelegen und die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe eingeladen hatten. Und an jeder Station in Yad Vashem wusste sie, so Schumacher, das hat auch mit Gardelegen zu tun.

Sie nahm die über 100 Frauen, Männer und Jugendlichen, die der Einladung gefolgt waren und am Ende mit unzähligen Lichtern ein sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, rechte Hetze, Hass, Gewalt und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit setzten, mit nach Jerusalem, ging mit ihnen durch die Ausstellung, so zum Beispiel auch in die riesige Halle der Namen, die einen fast „erschlagen“ hat. Denn die Wände des kuppelförmigen Raumes seien gefüllt mit Aktenordnern, in denen die Millionen Namen der ermordeten Juden verzeichnet sind – so auch die der 35 ermordeten Gardelegener Juden, an die vor Jahren Gisela Bunge mit ihrem Büchlein „Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen“ erinnerte. Auch das hatte sie mit im Gepäck.

Ergebnisse der Wahl

Die Bürgermeisterin hatte den Rundgang in ihrer Rede von hinten begonnen, so dass sie am Ende an den Eingang von Yad Vashem ankam. Dort ist unter anderem die Entwicklung der Wahlergebnisse der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933 dokumentiert. Und sie habe nachgesehen, so Schumacher. Im Jahr 1933 wurde am 5. März mit einer Wahlbeteiligung von 91 Prozent in Gardelegen gewählt. 60,5 Prozent der Gardelegener stimmten für eine Partei, die einfache Lösungen anbot und immer die Schuld den anderen gab. Das war der Anfang vom Ende der Demokratie. „Am Anfang war eine Wahl, erinnern Sie sich immer daran“, mahnte Mandy Schumacher.

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Und auch Dr. Hans-Joachim Becker, Kreisvorsitzender des Kriegsbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Mitglied des Fördervereines Gedenkstätte Isenschnibbe, erinnerte in seiner Gedenkrede am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee unter anderem daran, „dass die Nationalsozialisten 1933 nicht durch einen Putsch an die Macht gekommen sind“. Aus diesem Grund bereite ihm die Wahl im vergangenen Jahr in Thüringen Sorge. „Insbesondere deshalb, weil 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen bei dieser Wahl Höckes Partei gewählt haben“, so Becker.

Mit Blick auf die Aktivitäten der Jugendlichen, auf die AG Stolpersteine hier vor Ort, könne er das eigentlich gar nicht glauben. Doch es zeige ihm, dass man gegen den Trend des Vergessens und für den Bestand der Demokratie etwas tun müsse, um das Gedenken für die nachfolgenden Generationen nachhaltig zu gestalten. Dafür müsse die Geschichte objektiv aufgearbeitet und erklärt werden, wie es zu diesen Geschehnissen kommen konnte. Und es muss, so mahnte Becker, „darauf hingewiesen werden, dass sich so etwas wiederholen kann“. Am Ende zitierte Becker einen Satz Steinmeiers, den er am 23. Januar in Yad Vashem sagte: „Es darf keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben.“

Umgang mit der Erinnerung

Den unterschiedlichen Umgang mit der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus thematisierte auch der Gardelegener Gedenkstättenleiter Andreas Froese. Er machte deutlich, dass heute viel beschönigt, verharmlost und gar verleugnet wird, dass historische Fakten durch Täter- Opfer-Umehrungen verdreht, der Holocaust relativiert und den „Relativierern lautstarker Beifall gespendet“ werden. Bei derzeitigen aktuellen Angriffen auf die Erinnerungskultur sei es wichtig, das Wort zu ergreifen und klare Gegenworte zu finden, Fragen nach Täterschaft und Mittäterschaft zu stellen, aber auch die Menschen nicht zu vergessen, die trotz allem Menschlichkeit zeigten und Leben retteten.

Froese machte deutlich, dass das Wissen darum, wie die NS-Gesellschaft tatsächlich funktionierte, gepaart mit Neugier auf historisches Lernen und ein kritisches Geschichtsbewusstsein, es ermögliche, den Blick auf die Gegenwart zu schärfen, politische und gesellschaftliche Prozesse kritisch zu betrachten und manche propagierte Geschichtsbilder zu widerlegen.

75 Jahre danach

Einen wichtigen Beitrag dazu würden die Gedenkstätten leisten, die in den vergangenen Jahren einen enormen Zulauf erfahren haben. Das habe viel mit einigen aktuellen Diskussionen zu tun, die zeigen, dass es auch nach 75 Jahren immer noch keinen gesellschaftlichen Konsens über die Bewertung der nationalsozialistischen Verbrechen gibt.

Vor den drei Gedenkreden hatten die Vertreter von Stadt und Stadtrat, die Fraktionen der SPD, Südliche Altmark und Feuerwehr, AfD und Linke, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Förderverein Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Kränze am Denkmal für die Opfer des 13. April 1945 niedergelegt.

Schüler des Gardelegener Geschwister-Scholl-Gymnasiums hatten die Gedenkstunde zudem mit Gedichten und der Gardelegener Postchor mit Liedern umrahmt.