Gardelegen/Wiepke l Die Originaltafel, die US-Soldaten der 102. Infanteriedivision mit Kommandeur Frank A. Keating im April 1945 am Friedhof der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe hatten aufstellen lassen, um der 1016 ermordeten KZ-Häftlinge zu gedenken, ist wieder da. Offiziell wurde sie der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Träger der Gardeleger Gedenkstätte, als Dauerleihgabe übergeben. Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr sie eine wechselvolle Geschichte. Stellten die Amerikaner sie am Eingang der Gedenkstätte auf, wurde sie Mitte der 1960-er Jahre in Verbindung mit dem 20. Jahrestag des Massakers vom 13. April 1945 abgebaut und durch eine DDR-zeitliche Tafel ersetzt. Lange Zeit diente das Original als Rückwand für einen Schuppen auf dem Gardeleger Friedhof. Und dann war sie plötzlich weg.

Volksstimme-Artikel war Anlass

Den Volksstimme-Artikel über die Übergabe der lange als verschollen geltenden Originaltafel las auch Friedrich-Wilhelm Gille. Er wusste genau, was mit der 3,08 mal 2,50 Meter großen Tafel passiert war, nachdem der Schuppen auf dem Friedhof abgerissen wurde. Dass die Tafel als Rückwand eines Schuppens diente, davon wusste auch der Gardeleger Karl-Heinz Reuschel. Seine Schwiegermutter, die Pfarrersfrau Gisela Bunge, bat ihn, diese Tafel zu fotografieren, insbesondere so, dass man die komplette Schrift lesen kann. So ging er im Frühsommer 1988 mit seinem Fotoapparat zum Friedhof. Dort waren gerade einige Arbeiter mit der Pflege des Friedhofs beschäftigt. Er erklärte ihnen, dass er den Auftrag hätte, diese Tafel zu fotografieren. Der Schuppen war eingezäunt, das Zauntor verschlossen. „Da der Schlüssel zu dem Tor nicht griffbereit war, bot mir der Arbeiter an, mir beim Überklettern des Tores behilflich zu sein. So entstanden dann diese Fotos“, erinnerte sich Reuschel.

Viele Jahre später entdeckte Reuschel diese Fotos in der Zeitschrift „After the Battle“ Number 111 auf der Seite 27, erschienen im Jahr 2001. Diese Zeitschrift widmet sich in englischer Sprache komplett den Ereignissen in Gardelegen zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Da diese Zeitschrift Reuschel als Urheber dieser Bilder benennt, vermutet er nun, dass seine Schwiegermutter diese nach der Wende in die USA geschickt habe. Gisela Bunge engagierte sich in der Aufarbeitung der Geschichte jüdischer Familien in Gardelegen und pflegte in diesem Zusammenhang auch Kontakte in die USA. Wenn Reuschels Besuch hatten und sich diese Gäste für dieses dunkle Kapitel der Gardeleger Geschichte interessierten, zeigte Reuschel ihnen die Gedenkstätte und später auch die umfunktionalisierte Tafel auf dem Friedhof. Doch bei einem solchen Besuch im August 1989 war diese Tafel nicht mehr dort. „Ich befürchtete, dass sie jetzt vernichtet sei“, sagte er im Volksstimme-Gespräch.

Tafel als Schuppenrückwand

Erst später erfuhr er, dass sich Friedrich-Wilhelm Gille der Tafel annahm. Auch er wusste von der Tafel auf dem Friedhof als Schuppenrückwand. Als der baufällige Schuppen abgerissen werden sollte – Gille vermutet, dass dies im Spätherbst 1988 war – , holte er, der sich gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen darum kümmerte, denkmalgeschützte Gebäude in Gardelegen zu erhalten, die Tafel. „Ich fuhr einfach zum Friedhof und sagte dort, dass ich den Auftrag habe, die Tafel abzuholen“, erzählte Gille. Niemand zögerte, ihm diese herauszugeben. „Der Schuppen war zu diesem Zeitpunkt schon zu einem Teil abgerissen. Die Tafel lag bereits unter freiem Himmel auf dem Boden.“ Gille vermutete aber, dass die Arbeiter auf dem Friedhof wussten, wobei es sich handelte und Scheu davor hatten, die Tafel einfach so wegzuwerfen oder zu zerstören.

Vor Ort war er mit seinem Wartburg und einem Autoanhänger. Mit den vier Arbeitern, genau genommen Arbeiterinnen, packte er an, um die übergroße Tafel aufzuladen. Mit Schraubzwingen befestigte er diese am Anhänger und zurrte sie mit Gurten für den Transport fest. Ein Abenteuer. Zu Hause in Wiepke angelangt, hievte er sie hinunter und verstaute das historische Zeitzeugnis in seiner Scheune. Dort stand sie viele Jahre sicher und trocken. Somit bewahrte er sie vor einer eventuellen Vernichtung. Als Retter der Originaltafel sieht Gille sich dennoch nicht. „Retter der Tafel sind diejenigen, die sie damals nach dem Abbau an der Gedenkstätte auf dem Friedhof vorsorglich in Sicherheit brachten“, sagte er.

Die Odyssee der Tafel war damit aber noch nicht zu Ende. „In der Stadt hatte es sich wohl herumgesprochen, dass Gille sie hat“, erzählte der Wiepker. So meldete sich Wilfried Brickenkamp, damals Leiter der Gedenkstätte, bei ihm und wollte für einen Nachbau der Originaltafel die Maße wissen. Anfang der 1990-er Jahre wurde sie zu einer Ausstellung nach Braunschweig gebracht. „Und dabei wurde sie in zwei Hälften zersägt. Vermutlich aus pragmatischen Gründen“, so Gille. Aus Braunschweig kehrte sie aber nicht wieder in Gilles Scheune zurück. Sie kam ins Depot des Stadtarchivs. Geriet dort aber auch wieder in Vergessenheit. Zumindest wusste in denn zurückliegenden Jahren kaum jemand, dass sie sich dort befand. Nun konnte der Archivar aufklären. Das Original soll künftig in der geplanten Dauerausstellung im Besucher- und Dokumentationszentrum auf dem Gelände der Gedenkstätte gezeigt werden.