Gardelegen l Man kann es schon als Lebenswerk bezeichnen, denn gut 20 Jahre Arbeit stecken in einem besonderen Projekt des Kultur- und Denkmalpflegevereines Gardelegen: das Tafelprojekt mit 271 Namen von Männern aus Gardelegen, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Zumeist an der Ostfront, etliche sind bis heute als vermisst gemeldet. Die Angehörigen wissen oftmals nicht, wo sich die letzte Ruhestätte befindet. Mit diesem Tafelprojekt haben diese Männer einen Namen bekommen, für nachfolgende Generationen ist die Nikolaikirche somit auch ein Ort der Trauer.

„Eine Frau kommt jedes Jahr hierher mit einem Rosenstrauß, weil es kein Grab gibt“, erzählt Anette Bernstein, Vorsitzende des Kultur- und Denkmalpflegevereines. Wohl aber die Tafel mit dem Namen des Angehörigen dieser Frau.

In einer Woche zwei Söhne im Krieg verloren

Dieses Tafelprojekt ist ein Lebenswerk von Wally Schulz, langjährige Leiterin des Gardelegener Museums und Gründungsmitglied des Kultur- und Denkmalpflegevereines, der 1993 in Kloster Neuendorf gegründet worden ist.

1998 wurde das Tafelprojekt gestartet mit einem Aufruf in der Presse, dass sich Angehörige von Gefallenen und Vermissten, die in Gardelegen geboren und ihren Wohnsitz hier hatten, melden können. Ziel war es, die Namen auf einer Granitplatte eingravieren zu lassen. Doch begonnen hatte alles viel früher. „Das hatte durchaus auch familiäre Gründe. Meine Großmutter hat in einer Woche zwei Söhne im Zweiten Weltkrieg verloren“, erzählt Wally Schulz. Der Jüngste sei gerade mal 19 Jahre alt gewesen. Insgesamt habe die Familie drei Kriegstote zu beklagen gehabt. Als Kind – ihre Familie stammte aus dem Waldenburger Bergland im damaligen Schlesien – habe sie die Beerdigung des 19-Jährigen, der schwer verletzt in einem Lazarett gestorben war, noch erlebt. Zu DDR-Zeiten sei sie mit ihrer Familie nach Schlesien gefahren, um ihren Kindern alles zu zeigen. „Die Gräber waren weg“, sie sei völlig entsetzt gewesen.

Von amtlicher Stelle abgewehrt

Während im westlichen Teil Deutschlands der Volksbund der Kriegsgräberfürsorge gleich nach Kriegsende mit der Aufarbeitung des Themas begonnen hatte, spielten in der DDR die Kriegstoten, Vermissten und die Gräber der deutschen Soldaten keine Rolle. „Die Älteren von uns haben oft schmerzlich erfahren müssen, dass eine Suche nach Kriegsgräbern von amtlichen Stellen abgewehrt wurde“, so Schulz.

Nach der Wende weitete der Volksbund der Kriegsgräberfürsorge seine Arbeit auch auf den Osten Deutschlands aus. Auch in Gardelegen gab es den Wunsch vieler Angehöriger, einen Platz des Gedenkens mit den Namen der Gefallenen oder Vermissten zu schaffen. Wally Schulz entwickelte die Idee des Tafelprojektes, das 1998 seinen Anfang nahm. „Damals war ich noch Museumsleiterin. Zum Glück hatten wir einige ABM-Leute, die alles mit aufgenommen haben“, erinnert sich Wally Schulz. Denn einen Computer gab es damals noch nicht.

Das war eine Riesenarbeit

Nach dem ersten Presseaufruf konnten 70 Namen notiert werden. 2008 wurde die erste Tafel in der Nikolaikirche an die Wand gebracht. Die Daten dazu hat Wally Schulz auf Einzelblättern notiert, die heute mit 271 Einträgen einen dicken Ordner füllen. Notiert wurden unter anderem Geburtsdaten, Sterbedaten, Orte der Begräbnisstätten, Fotos, Dokumente, alles was zu den Namen in Erfahrung gebracht werden konnte.

In den Folgejahren konnte Wally Schulz gemeinsam mit Angehörigen und dem Online-Dienst der Kriegsgräberfürsorge weitere 201 Namen von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus Gardelegen ermitteln. Zwei neue Granittafeln wurden angefertigt. Sie wurden jetzt links und rechts neben der ersten Tafel an die Wand gebracht. Das gesamte Werk wurde mit Spenden von Privatleuten und Unternehmen, mit Zuschüssen der Stadt und Eigenmitteln des Vereines finanziert. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf etwa 18 000 Euro. Angefertigt hat die Tafeln der Gardelegener Steinsetzmeister Jürgen Seidler. „Ich bin froh, das geschafft zu haben. Das war schon eine Riesenarbeit“, räumt die 84-jährige, agile Historikerin ein.

Nachmeldungen sind noch möglich

Das Tafelprojekt wird komplettiert mit einer kleinen Ausstellung in Vitrinen vor den Tafeln. Da finden sich zum Beispiel Dokumente und Briefe zu einem Einzelschicksal, Lebensdaten von Walter Gerhard Scheibe, der am 15. August 1921 im Haus Nummer 242 an der Wächterstraße geboren wurde und am 4. November 1942 an der Ostfront fiel – mit gerade einmal 21 Jahren. Präsentiert werden unter anderem sein Ausweis, die Heiratsurkunde und der Brief an die Ehefrau mit der Mitteilung, dass Ehemann Walter Gerhard an der Ostfront gefallen ist.

So richtig abgeschlossen ist das Tafelprojekt aber dann doch noch nicht. Denn mit den 271 Namen seien noch längst nicht alle gefallenen Soldaten erfasst, so die Initiatorin. Nachmeldungen sind also noch möglich. Ansprechpartnerin ist Anette Bernstein, Telefon 03907/28 68.