Baustoffmangel

Handwerk ächzt unter hohen Materialkosten: Lange Lieferzeiten und steigende Preise auch in Gardelegen

Wer derzeit Baustoffe bestellen will, sollte sich zuvor hinsetzen, denn bei den aktuellen Preisen droht nämlich der sprichwörtliche Ohnmachtsanfall. Besteht der Stuhl aus Holz, sollte man zudem ganz pfleglich damit umgehen, denn die Preise für dieses Material haben sich teils verdoppelt bis verdreifacht.

Von Stefanie Brandt
Baustoffe sind teils rar und teuer geworden. Gerade beim Holz, wie hier im Bild verarbeitet, "schießen die Preise durch die Decke", heißt es zum Beispiel aus der Tischlerei Eggert aus dem Gardelegener Ortsteil Seethen. Symbolfoto: Inga Kjer/dpa

Gardelegen. Wer derzeit Baustoffe bestellen will, sollte sich zuvor hinsetzen, bei den aktuellen Preisen droht nämlich der sprichwörtliche Ohnmachtsanfall. Besteht der Stuhl aus Holz, sollte man zudem ganz pfleglich damit umgehen, denn die Preise für dieses Material haben sich teils verdoppelt bis verdreifacht.

„Liebe Kunden, hängen Sie bitte Ihren Handwerker nicht am nächsten Baum auf“, setzt sich Peter Osterholz, Niederlassungsleitungsleiter beim Holzkontor in Gardelegen, für Tischler, Zimmermänner und andere Handwerker ein und appelliert an den Endverbraucher. Dass die Preise der Handwerker so gestiegen sind, liege nicht daran, dass diese so viel mehr verdienen wollen, sondern an den hohen Materialkosten.

Dramatische Situation beim Holz

„Beim Holz haben wir eine dramatische Situation, in Teilbereichen gibt es eine Verdopplung bis Verdreifachung der Preise“, weiß der Fachmann. Ursächlich dafür sei zum einen, dass aktuell viel gebaut werde. Vor allem aber die Exporte deutscher Sägewerke nach Nordamerika im großen Stil führten zu einer künstlichen Verknappung des Materials und damit zu einem Anstieg des Preises. Das Rundholz im Wald kostet vergleichsweise wenig, hatte im Sommer 2020 sogar einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Sobald es durch das Sägewerk geht, ändert sich dies jedoch.

Die Amerikaner decken ihren hohen Bauholz-Konsum vermehrt in Europa. Wenn der US-Amerikaner sage, er zahle für einen Kubikmeter 500 Euro, dann müsse man nachziehen, und so würden die Preise immer weiter steigen, berichtet Osterholz. Auch der Einkauf Deutschlands im Ausland wird teurer. Osterholz: „Wir importieren viel aus Mittelamerika, Russland, Indonesien.“ Zum Beispiel beim Bangkirai, das hierzulande gern für den Terrassenbau verwendet werde, gebe es aber aktuell eine Vervierfachung der Preise, weil Container aus Südostasien knapp seien. Große Nachfrage, wenig Angebot – das verteuere nach den Gesetzen des Marktes den Preis.

Holzhändler leiden

„Als normale Holzhändler leiden wir darunter“, so Osterholz. Es gebe Situationen, in denen der Lieferant bei Bestellungen schon erkläre, dass er nichts mehr annehme, weil die Liefertermine bereits im Juli oder August liegen würden.

Das Holzkontor fungiert als Nahtstelle zwischen Sägewerk und Zimmereien, Tischlereien oder Dachdeckereien. Dadurch bekommen Osterholz und seine Mitarbeiter viel von den Problemen der Handwerker mit. „Wenn Sie heute zu einer Zimmerei gehen und einen Auftrag für den Herbst erteilen wollen, dann kann der Anbieter vielleicht noch seine Löhne kalkulieren, aber er weiß garantiert nicht mehr, wie die Materialkosten aussehen werden. Für die Handwerker ist das eine ganz, ganz schwierige Situation“, so Osterholz.

Kostete eine normale Dachlatte vor einem Jahr noch einen Euro pro Meter, könnten es jetzt drei werden. „Wenn Sie überlegen, dass Sie für ein Dach vielleicht 1000 Meter brauchen, sind das schon 2000 Euro Mehrkosten“, rechnet er vor. Dabei würden mittlerweile teils nur noch Tagespreise genannt – ähnlich wie an Tankstellen, aber in ganz anderen Dimensionen.

Mangel bei gefragten Artikeln

Nicht nur die exorbitant gestiegenen Preise, auch die unvorhersehbaren Lieferzeiten spielten eine Rolle, so Osterholz. Es gebe schon Sortimente, die nicht mehr lieferbar seien. Das beträfe zum Beispiel die gern verbauten OSB-Platten in besonders gefragten Stärken.

„Wir hoffen, dass sich die Lage im kommenden Winter entspannt, da wird weniger gebaut. Für dieses Jahr müssen wir weiter mit langen Lieferzeiten und hohen Preisen rechnen“, glaubt er.

Die dramatische Lage schildert auch Wilfried Eggert von der Tischlerei Eggert in Seethen: „Die Preise schießen durch die Decke, die Ausführung der Arbeiten verzögert sich, weil kein Material da ist.“ Man könne mit Kunden nur noch Termine machen, wenn das Material bereits auf dem Hof liege. Angebote könnten nur noch maximal eine Woche gehalten werden, weil sich der Preis dann bereits ändern könne. „Zum Teil haben die Kunden Verständnis, aber viele sind auch verärgert, weil sie dadurch nicht vorankommen“, berichtet er.

Bei Bauking in Gardelegen haben sich die Baustoffe im Schnitt um rund 25 Prozent verteuert. Um weiteren Preissteigerungen oder Lieferengpässen aus dem Weg zu gehen, würden die Kunden inzwischen schon Materialien bunkern – ähnlich der Klopapier-Panik zu Beginn der Corona-Pandemie.

Vielleicht sogar verständlich, wenn man die Mitteilung von Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe, liest: „Unsere Unternehmen registrieren bei Preisanfragen zu verschiedenen Baumaterialien seit dem vierten Quartal 2020 Preissteigerungen, insbesondere bei Stahl, Holz sowie auch Dämmstoffen, und das mit einer sehr dynamischen Entwicklung.“

Gegenüber September 2020 verzeichne die Branche nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Preiszuwächse bei Holz um etwa 15 bis 20 Prozent, bei Dieselkraftstoff um 20 Prozent, bei Mineralölerzeugnissen um 15 Prozent und bei Betonstahl um fast 30 Prozent.

„Im Zusammenhang mit der weltweiten Ausbreitung der Pandemie wurden im ersten Halbjahr 2020 infolge des Nachfrageeinbruchs weltweit Produktionskapazitäten heruntergefahren. Insbesondere mit dem Anspringen der Konjunktur in China im dritten Quartal 2020 wuchs die Nachfrage schneller, als weltweit die Produktionskapazitäten wieder hochgefahren werden konnten“, versucht Pakleppa die Ursachen zu erklären.

Für die Handwerker, nicht nur in der Altmark, bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Lage wieder entspannt, bevor sie nicht mehr arbeiten können, weil kein Material da ist.