Wiepke l Sie schmückten vor über 100 Jahren die Häupter der Bräute und wurden oft als besondere Erinnerungsstücke nach den Hochzeitstagen in einem, mit einer Glasscheibe versehenen Kasten drapiert und an die Wand gehängt. Über 80 altmärkische Brautkränze hat Friedrich-Wilhelm Gille aus Wiepke bisher dokumentiert und zum Teil auch aufgearbeitet. Und das erfordert neben handwerklichem Geschick und Fingerspitzengefühl auch Einfallsreichtum.

Es waren alle einmal filigrane Schönheiten, die die Frauen zur Hochzeit oder den darauf folgenden Jubiläumshochzeitstagen schmückten und herausputzten. Allerdings sind diese Feierlichkeiten über 100 Jahre her. Und an den Brautkränzen, die zur Erinnerung an diese besonderen Tage vor dem Aufkommen der Fotografie in extra dafür angefertigten Kästen verwahrt und an die Wände gehängt wurden, nagen neben dem Zahn der Zeit auch Feuchtigkeit, Staub und zu viel Sonnenlicht. Sie sind mal mehr, mal weniger gut erhalten, weiß Friedrich-Wilhelm Gille von der Reichwald’schen Wassermühle aus jahrelanger Erfahrung zu berichten. Und keiner gleicht dem anderen. „Fast jeder Brautkranz ist anders.“ Er habe bisher nur zwei dokumentiert, die aus derselben Werkstatt kamen und sich deshalb sehr ähnelten.

Erinnerungen erhalten

Gille hat es sich zur Aufgabe gemacht, altmärkische Brautkränze zu dokumentieren, die auch heute noch auf Dachböden oder anderswo zu finden sind. Dass sie als Familienerinnerung erhalten bleiben, das liegt ihm am Herzen. Mittlerweile hat er über 80 Brautkränze, die zur grünen, silbernen oder goldenen Hochzeit getragen wurden, restauriert und dokumentiert. Auch derzeit hat Gille drei Brautkränze zur Aufarbeitung und Dokumentation im Haus, deren Zustand nicht unterschiedlicher sein kann.

Bilder

Ein besonderes Erinnerungsstück ist ein Silberbrautkranz. Elisabeth Michael, geb. Schröder, hat ihn zur Silberhochzeit mit ihrem Mann Friedrich Michael am 22. November 1892 getragen. Ein Bekannter aus Trüstedt hat ihn auf dem Boden entdeckt und Gille zukommen lassen. Das Erinnerungsstück weist zwar Schäden auf, ist ansonsten aber gar nicht so schlecht erhalten, so dessen Einschätzung. Der Kranz lag in einem Kasten auf dem Hausboden unter einer Zeitung aus den 60er Jahren. Diese hat bewirkt, dass die Verschmutzung sich Grenzen hält und keine weiteren Schäden entstehen konnten.

Die größte Herausforderung war bei diesem Exemplar allerdings, die achteckige Kastenform wieder herzustellen, denn die Verbindungen hatten sich gelöst, und er war ganz platt. Aber Gille wusste sich zu helfen. Er baute einen Extra-Kasten aus Holz, um der alten Form beim Zusammenleimen mit einem Klebstoff auf Kartoffelstärkebasis Halt zu geben.

Der Rahmen selbst sei an den Ecken beschädigt. Allerdings sind von den Eckenornamenten nur noch drei vorhanden. Sie werden wieder befestigt. Ein viertes Ornament wird Gille, wie er sagt, nicht nachmachen, denn es geht ihm um den Erhalt des Vorhandenen. Der Kranz ist etwas gröber gearbeitet. Denn die silberfarbenen Myrten sind nicht aus feinem Papier und mit den Fingern gewickelt, sondern aus silbern angemalter Pappe gestanzt, wobei die Farbe gut erhalten ist. Die Besonderheit liegt in dem Gras mit den langen Grannen in der Mitte, die an Rohrkolben erinnern. Sie wurden, wie es aussieht, aus Aluminiumplatten herausgeschnitten. Drei Grannen lagen noch lose im Kasten, was Gille freute. So konnte er das Gebilde wieder vervollständigen. Auch für die Schäden am weißen Untergrundpapier hat er schon eine Idee. Er wird dafür eine unbedruckte Seite aus einem alten Gesangbuch aus dieser Zeit verwenden.

Papier ist schwer zu bekommen

Schwerer zu beheben seien dagegen die Schäden am preußisch-blauen Papier, denn das sei schwer zu bekommen. Zudem gibt es das, wie er jüngst feststellen musste, auch in verschiedenen Schattierungen. Einige kleine Schnipsel lagen noch im Kasten, die mit der Pinzette wieder an die Fehlstellen gepuzzelt wurden. Auch vom äußeren Kastenrand könne er noch einiges von dem Papier entnehmen, da diese Stellen hinter dem Rahmen verschwinden.

Warum das Trüstedter Paar den Silberkanz in einem besonderen Kasten aufbewahrt hat, kann er, so Gille, nur vermuten. Vielleicht hatte die Braut bei der Hochzeit keinen Brautkranz, da diese sehr teuer waren. Sie haben um die fünf Goldmark gekostet, so der Heimatforscher. „Das konnte sich nicht jeder leisten.“ Zur Zeit der Silberhochzeit war die Wirtschaft schon besser aufgestellt. Die Leute hatten mehr Geld, als sie zum Leben benötigten, und konnten sich somit auch etwas leisten.

Nicht viel Arbeit hat Gille dagegen mit einem Brautkranz aus Packebusch, der an die Hochzeit von August Ferchau und Friederike Thiede am 8. November 1878 erinnert. Der sei noch sehr gut erhalten. „Hier habe ich ein relativ leichtes Spiel“, so Gille. Es sei ein wunderschönes Stück, der breite Rand komplett in Preußisch-Blau. Der Myrtenkranz ist noch gut erhalten. Als Besonderheit wird er auch noch mit Myrten eingerahmt. Kurios ist das verwendete Papier unter dem Kranz und auf der Unterseite des Kastens, denn es scheint Tapete zu sein. Ein kleines Muster ist zu erkennen.

Viel Arbeit

Noch viel zu tun hat Gille dagegen mit einem Brautkranz aus Schinne, der an die Hochzeit von Albert Holz und Wilhelmine Lindecke am 25. November 1892 erinnert. Das sind die Urgroßeltern des heutigen Besitzers. Allerdings war der Brautkranz, wie er erzählte, in einem „ganz schlimmen Zustand“. Alles war verdreckt, da der Kasten kein Glas mehr hatte. Auch Feuchtigkeit konnte eindringen, was zu welligem Papier und Stockflecken führte. Die Spiegel waren defekt. Der Kranz, der mit den Jahren eine schmutzig grün-graue Farbe angenommen hat, war schon ganz plattgedrückt. Die Blüten waren kaum noch zu erkennen. „Da stecken jetzt schon 30 Stunden Arbeit drin, und noch ist kein Ende abzusehen“, so Gille. Mittlerweile hat er dem zerdrückten Kranz wieder eine Form geben können, in dem er 52 kleine Äste herausschnitt und neu wieder zusammenleimte. Nun sei der Kasten mit seinem verzierten Rahmen selbst an der Reihe. Die defekten Spiegel habe er bereits aus einer Idee heraus mit Aluminiumfolie hinterlegt, was gelungen aussieht.

Während der Perlstab des Innenrahmens über den Spiegeln noch weitestgehend intakt ist, ist das am Rand umlaufende Schleifenband allerdings nur noch in Fragmenten und an einer Seite gar nicht mehr vorhanden. Hier wolle er, wie er erzählt, eine Abformung mit Silikon versuchen. Die Form werde dann mit Gips ausgegossen, so dass neue Schleifenbandstäbe entstehen, die dann den Rahmen wieder vervollständigen. Am Ende werde dann noch die goldbronzene Farbe aufgefrischt und ein Glas aufgesetzt, um den Brautkranz künftig zu schützen. Dann geht der Kasten als Erinnerung an die Urgroßeltern wieder zurück nach Schinne.

Und Friedrich-Wilhelm Gille ist weiterhin auf der Suche nach solchen historischen Brautkränzen, die er für die Nachwelt dokumentieren kann. Wer so etwas in seinem Besitz hat, kann sich unter der Rufnummer 039085/64 18 oder per Mail unter gille.w@wiepke.de, melden.