Gardelegen l Es waren keine leeren Worthülsen, keine pathetischen Phrasen, als Dr. Volkmar Lischka, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Fachklinikums Uchtspringe, am Sonnabend vor rund 130 Besuchern über das schrecklichste Kapitel der Geschichte der psychiatrischen Einrichtung Uchtspringe berichtete. Lischka manifestierte den Schrecken, der sich zur Zeit des Nationalsozialismus im nur circa 14 Kilometer von Gardelegen entferntem Uchtspringe ereignete, mit Zahlen, Fakten und Details.

„Unser Bekenntnis ist, nicht zu verdrängen“, so Lischka. Er erinnerte an die 800 Zwangssterilisationen, die in Uchtspringe in Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses ab 1934 erfolgten. Lischka erinnerte auch an die 350 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren mit geistiger Behinderung oder schwerwiegenden körperlichen Einschränkungen, die im Rahmen der Euthanasie durch Ärzte und Schwestern der Einrichtung ermordet wurden, „teils durch Injektionen, teils durch Nahrungsentzug“. Weitere 7787 Patienten wurden nach Bernburg geschickt und fanden dort in einem Duschraum, aus dessen Duschköpfen Kohlenmonoxyd strömte, den Tod. Deutschlandweit gab es sechs solcher Todeseinrichtungen, erklärte Lischka. Über 200.000 Men- schen wurden so vernichtet. „Es ist erschütternd, dass eine radikale, rohe Ideologie eine zivilisierte Gesellschaft so durchdringen kann“, sagte Lischka. Dieser Todesmaschinerie war der Einstieg in die Vernichtungsstrategie, die in den Konzentrationslagern folgte, wie Lischka hinzufügte.

Besondere Verantwortung

„Das Erbe unserer Geschichte legt uns eine besondere Verantwortung auf“, mahnte Lischka. So werde am Gedenktag an die Opfer in den Konzentrationslagern, in Einrichtungen, aber auch der vielen Unbeteiligten, die den Tod fanden, der Soldaten, die auf dem Schlachtfeld umkamen, und an das Leid derer Witwen und Waisen erinnert, so Lischka.

Bilder

Der Gedenktag am 27. Januar geht auf den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zurück. Aber bereits im Vorfeld dieser Befreiung wurden zahlreiche Häftlinge in andere Lager Richtung Westen gebracht. Und von dort, als auch dort die befreienden Truppen immer näher rückten, auf Todesmärsche getrieben, bei denen sie aus Erschöpfung umkamen oder ermordet wurden. Und das auch in Gardelegen, in der Feldscheune Isenschnibbe. „So ist die Geschichte des Lagers Auschwitz auch mit unserer in der Altmark verbunden“, erklärte Andreas Froese-Karow, Leiter der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe. Er erinnerte an die Geschehnisse vor 73 Jahren in Gardelegen. „Am 27. Januar 1945 ist zwar das Lager Auschwitz befreit worden, aber der überwiegende Teil der Häftlinge nicht“, sagte Froese-Karow.

Nachdenk-Dialog der Gymnasiasten

Marcel Domenz, Elisabeth Schönegge, und Annika Leue, allesamt Zwölftklässler des Gymnasiums Geschwister Scholl in Gardelegen, machten in einem Nachdenkdialog auf die Geschehnisse zur Zeit des NS-Regimes aufmerksam. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Postchor des Hansestadt Gardelegen und vom Chor der Lebenshilfe Mieste.

Auf dem Ehrenfriedhof der Gedenkstätte legten die Besucher zahlreiche Kränze und Blumen nieder.