Mieste/Solpke l Über sieben Jahrzehnte ist es her, dass in der Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen hunderte KZ-Häftlinge ermordet wurden. Allein auf dem 36 Kilometer langen Weg zum Ort des Massakers starben etliche von ihnen an Hunger, Erschöpfung oder durch die Kugeln ihrer Bewacher.

Als Christa Markert anfängt, über ihre Erinnerungen aus dem Jahr 1945 zu sprechen, ist es mucksmäuschenstill in der Feldsteinkirche in Solpke. Während einige Jugendliche ihre Augen schließen, weil die Vorstellungen daran, welches Leid Menschen anderen Menschen im Zweiten Weltkrieg angetan haben, zu schrecklich sind, kullern anderen bereits einige Tränen die Wange herunter.

Zeitzeugin erzählt von Häftlingen

„16 Jahre alt war ich 1945“, erzählt sie den rund 50 Anwesenden im Solpker Gotteshaus, die zu dem Treffen gekommen waren, das im Rahmen der Veranstaltung „Geschichte erwandern“ – und „Spuren suchen“ vom Kirchenkreis Salzwedel und dem Kirchspiel Mieste organisiert wurde.

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Unter dem Motto haben sich am Dienstagmorgen – zwei Tage vor dem heutigen Jahrestag des Massakers der Feldscheune Isenschnibbe – die rund 30 Jugendlichen aus der Region Gardelegen mit sieben Betreuern auf den Weg gemacht – und zwar auf den selben, den vor 72 Jahren die Häftlinge verschiedener Konzentrationslager gingen.

„Wir wollen zusammen mit den Jugendlichen nachempfinden, wie sich im April 1945 jene Häftlinge fühlten, die zu Fuß von den Bahnhöfen in Mieste und Letzlingen zur Feldscheune in Gardelegen getrieben wurden“, erklärt Gemeindepädagogin Christel Schwerin.

Der erste große Halt ist am Abend in Solpke, wo Christa Markert mit ihren Ausführungen ein wenig tiefer ins Detail geht: „Es hat in unserer Region viele Bewohner gegeben, die unter Lebensgefahr Häftlingen geholfen haben, sei es durch Lebensmittel, Verstecken, einfach Schweigen oder falsche Antworten, wenn die Häscher nachfragten“, so Christa Markert. In Solpke hätten sogar einige Frauen versucht, den Häftlingen Kartoffeln oder Brot zu geben. Jedoch wurden sie dann oft von den SS-Wachen geschlagen und zogen sich verängstigt in ihre Häuser zurück.“

Alle Jungen ihrer Klasse sind gefallen

Ein weiteres Mal stockt den Jugendlichen der Atem, als Christa Markert davon erzählt, dass alle Jungen aus ihrer Klasse – sie wurden gerade einmal 15 Jahre alt – damals im Krieg gefallen sind: „Es ist niemand wieder nach Hause gekommen“, erzählt die Zeitzeugin.

Auf die Frage von Pfarrer Gerd Hinke – der den Abend moderiert –, was sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben würde, antwortet Christa Markert: „Ihr dürft niemals zulassen, dass das, was damals passiert ist, wieder passiert. Friede und Versöhnung, besonders in der heutigen Zeit, sind wichtig.“

Geschichte verinnerlicht

Den Jugendlichen ist nicht aber nicht nur während des Zeitzeugengesprächs anzumerken, dass sie die Deutsche Geschichte Stück für Stück verinnerlichen. Auch während der Zeit auf dem Pilgerweg, wie Regionalbischof Christoph Hackbeil bemerkt hat, denken sie viel darüber nach: „Ich muss ehrlich sagen, dass ich es sehr bewegend fand, wie ihr euch an den einzelnen Stationen verhalten habt. Ihr habt inne gehalten und der Opfern so gedacht“, sagt Hackbeil.

Die letzte Strecke führt die Betreuer, Kinder und Jugendlichen heute von Zichtau aus auf die 13 Kilometer lange Strecke nach Gardelegen. Dort werden sie ab 16.30 Uhr an der Gedenkstätte Isenschnibbe eintreffen und wie viele andere der Opfer des Massakers gedenken, die am 13. April 1945 auf schlimme Art und Weise ermordet wurden. Beginnen wird die Veranstaltung um 17 Uhr mit einer Kranzniederlegung.