Eichenprozessionsspinner

Im Drömling wird gegen den Eichenprozessionsspinner gekämpft

Von Stefanie Brandt
Helfen diese Nisthilfen für Kohlmeisen am Friedrichskanal bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners? Die Hansestadt Gardelegen, die Hochschule Anhalt und das Biosphärenreservat Drömling wollen es herausfinden.
Helfen diese Nisthilfen für Kohlmeisen am Friedrichskanal bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners? Die Hansestadt Gardelegen, die Hochschule Anhalt und das Biosphärenreservat Drömling wollen es herausfinden. Foto: Hansestadt Gardelegen

Gardelegen

Die Hansestadt Gardelegen beschreitet den Weg der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners in diesem Jahr erstmals mit wissenschaftlicher Begleitung. „Wir freuen uns sehr, dass die Hochschule Anhalt auf uns zugekommen ist. Wir betrachten das als Chance und unterstützen das Projekt in jeder Hinsicht“, sagt Florian Kauer, Fachdienstleiter im Bereich Sicherheit und Ordnung.

Das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie des Landes Sachsen-Anhalt hat das Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Hochschule Anhalt auf den Weg gebracht. Projektinhalt ist der wissenschaftliche Vergleich unterschiedlicher Bekämpfungsvarianten gegen den Eichenprozessionsspinner im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt.

Innovative Maßnahmen

Es sollen insbesondere innovative, nachhaltige, alternative Bekämpfungsmaßnahmen wie beispielsweise Heißschaum oder Nematoden (Fadenwürmer) und zudem nachhaltige Präventivmaßnahmen (Erhöhung der Biodiversität durch Nistkastenangebot) in ihrer Wirksamkeit und deren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt untersucht werden. All das passiert in enger Zusammenarbeit mit den Kommunen und der Biosphärenreservatsverwaltung Drömling. Ziel der Wissenschaftler: fundierte Daten und Schlussfolgerungen, um in betroffenen Regionen nachhaltige sowie sachgerechte Lösungen zu finden.

Die Gewässernähe ist das große Problem

Die Hansestadt Gardelegen unterstützt das Projekt intensiv. So wurden im Vorfeld etliche Strecken im Drömling herausgesucht, an denen in der Vergangenheit noch nicht bekämpft wurde, die jedoch stark befallen sind. An diesen Strecken werden nun unterschiedliche Versuche gestartet. Unter anderem das Anbringen von Meisenkästen erfolgte am Friedrichskanal zwischen Kahnstieg und dem Schleusentempel. „Gerade in diesem Bereich ist die Bekämpfung mit dem Biozid durch die Gewässernähe unmöglich“, erläutert Florian Kauer.

Zweiter Aspekt: Nach umfangreicher Planung hat die Hansestadt Gardelegen mit der Hochschule Anhalt nun bestimmte Strecken abgestimmt, „die wir im Rahmen dieses Projektes chemisch bekämpfen“, so der Fachdienstleiter. Dies wird zwischen Peckfitz und Lenz II der Fall sein.

Kein Heißschaum

Weiterer Teil des Projektes ist die Heißschaummethode. Daran wird sich die Hansestadt Gardelegen aufgrund der wenig überzeugenden Erfahrungen im vergangenen Jahr nicht beteiligen. Noch offen ist die Beteiligung am Projekt der mechanischen Bekämpfung. „Wir warten zunächst die diesjährige Befallsdichte des Eichenprozessionsspinners ab und entscheiden dann im Juli, wo abgesaugt wird“, blickt Florian Kauer voraus. Und weiter: „Wir hoffen, dass wir von den Erkenntnissen der Wissenschaftler profitieren können, denn der Eichenprozessionsspinner wird uns noch lange begleiten.“

Auf Erkenntnisse hoffen auch die Wissenschaftler. Aktuell gehe es darum, mit ornithologischen Beobachtungen zu starten. Die Fragestellung: Hat die Förderung der Vogelpopulation einen positiven Einfluss? „Wir gucken, wie die Nisthilfen angenommen werden, aber auch die Populationen im Umfeld werden angeschaut“, erklärt Henrike Wild von der Hochschule Anhalt. Aufgehängt wurden die Nistkästen von Mitarbeitern des Biosphärenreservates. Da der Eichenprozessionsspinner erst vor drei Wochen geschlüpft ist und die Eichen noch nicht ausgetrieben haben, sei eine chemische Bekämpfung noch nicht möglich.

Haben kleine Würmer eine große Wirkung?

„Nematoden sind das nächste Mittel. Ich denke, sie werden in den nächsten Wochen angewendet“, blickt Wild voraus. Die kleinen Fadenwürmer werden in Wasser mit einem feuchtigkeitsspendenden Gel vermischt und dann mittels Technik nachts auf den Bäumen ausgebracht. Nachts deshalb, weil die Tiere eigentlich im Boden leben und licht- und trockenheitsempfindlich sind. „Das Gel ist biologisch abbaubar, da besteht keine Gefahr“, gibt die Projekt-Mitarbeiterin Entwarnung für jene, die hier doch den Einsatz von Chemie fürchten. Die kleinen Würmchen dringen in die Raupen ein, welche dadurch sterben. Sie werden zweimal angewendet. Das sei momentan die gängige Anwendung.

Untersucht werden ganze Baumreihen an unterschiedlichen Orten im Drömling. Nach alternativen Möglichkeiten zum Einsatz von Chemie, die gut funktioniert, wird deshalb gesucht, „weil Biozide natürlich negative Auswirkungen auf die Natur haben. In Eichen leben wahnsinnig viele andere Insekten, die geschädigt werden. Das ist das, wovon wir wegwollen“, begründet Wild. Das Aufhängen von Nistkästen für die Kohlmeise, die die Raupen fressen soll, findet sie deshalb für das Projekt „wahnsinnig spannend“.

Warum werden eigentlich nur die Raupen und nicht die Schmetterlinge bekämpft? „Das könnte man auch, aber als schädlich werden die Raupen empfunden, weil diese ab dem dritten Larvenstadium Brennhaare haben, die dem Menschen schaden – biologisch gesehen sind es allerdings nicht wirklich Haare. Der Falter selbst lebt weit oben in den Bäumen und ist schwer zu fangen“, weiß Wild.

Die Falter selbst sind schwer zu erwischen

Die Hochschul-Mitarbeiterin kennt sich deshalb so gut mit den Tieren aus, weil sie ihre Masterarbeit über den Eichenprozessionsspinner im Drömling geschrieben hat. Dass das entwickelte Versuchsdesign jetzt umgesetzt wird, „ist schon ein bisschen was Besonderes“, erklärt sie bescheiden und mit ein wenig Stolz. Dass gerade dem Drömling eine so große Aufmerksamkeit gewidmet wird, liege daran, dass die chemische Bekämpfung dort an vielen Stellen aufgrund des vorgeschriebenen Abstandes zu Wasserflächen nicht möglich sei. „Da ist es wichtig, andere Handlungsmöglichkeiten zu erproben.“ Das Projekt läuft noch bis Ende nächsten Jahres, um zu sehen, wie die Langzeitauswirkungen sind.