Engersen l Wenn in der Altmark die großen Karnevalsvereine zu ihren Veranstaltungen einluden, war für Bärbel Weber in Engersen Hochbetrieb. Die 59-Jährige verlieh von Januar bis März und manchmal sogar bis in den April hinein Kostüme. Und das 25 Jahre lang. Doch zum Monatsende ist damit Schluss. Der Kostümverleih, übrigens der einzige in der Region, schließt zum Monatsende. Der Grund: Das Geschäft rentiert sich nicht mehr. Die verbliebenen Kostüme werden derzeit veräußert.

Angefangen hatte alles in den 1990er Jahren. Damals besorgte Bärbel Weber für ihre drei Kinder (zwei Söhne, eine Tochter) Kostüme für das Faschingsfest. Über die Jahre hatte sie bereits ein Dutzend im Schrank. Von Bekannten, Freunden und Nachbarn kam dann die Anfrage, ob sie ihnen nicht ein Kostüm ausleihen könnte. Klar ging das, die Kostüme sollten ja nicht sinnlos den Schrak füllen. Als die Nachfrage nach Leihkostümen wuchs, entschied sich die gelernte Krankenschwester, die zu dieser Zeit eine Ausbildung zur medizinischen Fußpflegerin absolvierte, nebenberuflich einen Kostümverleih zu betreiben.

Über 3000 Kostüme

Gesagt, getan. Weber besorgte weitere Kostüme. Diese hatte sie in Geschäften gekauft oder bestellte sie auf der Nürnberger Spielzeugmesse. Andere bekam die Sammlern auch geschenkt. „Zu den besten Zeiten hatte ich um die 3000 Kostüme“, erinnerte sich Weber. Einen Teil hat sie davon schon veräußert, andere aussortiert. Nun sind es noch 1600 Exemplare, die beim Ausverkauf angeboten werden. Dazu gibt es diverse Perücken, Hüte, Gürtel und sonstige Accessoires.

Über 3000 Kostüme. Verliert man da nicht den Überblick? Bärbel Weber keineswegs. „Ich kenne jedes Kostüm. Ich weiß, zu welchem Kostüm welcher Gürtel gehört“, erzählte die 59-Jährige im Volksstimme-Gespräch.

Leute standen einst Schlange

Ihre Verkleidungen gibt es für jedes Alter und für jede Körperstatur. Für Kinder geht es mit der Konfektionsgröße 92 los. Für Erwachsene gibt es Verkleidungen sogar bis zur Größe 60.

Diese Auswahl wussten die Menschen aus der Altmark zu schätzen. „Aus Osterburg, Bismark, Calvörde kamen die Leute. Von überall dort, wo die großen Karnevalsveranstaltungen stattfanden“, erinnerte sich Weber. Die Leute liefen ihr die Bude ein oder besser gesagt die Scheune. Angefangen hatte die Engersenerin nämlich im Erdgeschoss der Scheune auf dem Gehöft. Später wurde dort die obere Etage ausgebaut und die Clownskostüme, Mönchskittel und vieles mehr fanden dort Platz. „Die Leute standen Schlange auf der Treppe. Sie standen zu den besten Zeiten bis auf die Straße.“ Zu schätzen wussten sie, dass Weber auch darauf achtete, dass auf keiner Veranstaltung die selben Kostüme aufeinandertrafen beziehungsweise die Anzahl von beispielsweise Piraten überhand nahm. Für Gruppen hatte sie auch immer Kostüme zu einem Motto parat,

Zeit des Anstehens ist vorbei

Der große Andrang ist aber seit einigen Jahren vorbei. „Die Leute bestellen wohl lieber im Internet“, so Webers Fazit. Mit dem Kauf im Geschäft sparen sich die Leute wohl auch Wege. Kunden, die ein Kostüm ausliehen, waren mindestens zweimal unterwegs. Einmal zum ausleihen und dann um alles wieder abzugeben. Und wer beim ersten Besuch auf Anhieb nichts fand, der kam vielleicht sogar ein weiteres Mal wieder. Auch dies sei vorgekommen, so Weber. „Sicher werden viele Leute bedauern, dass ich nun schließe. Aber viele sind ja auch nicht mehr gekommen.“ Die wenigen Nutzer wiegen die Kosten nicht auf. Der Fundus musste geheizt werden, damit die Kleider nicht stocken. „Und es bringt ja auch nichts, wenn ich hier sitze und warte, dass jemand kommt.“

Fehlen werden ihr die Kostüme bestimmt, ist sich Bärbel Weber sicher. Einige Kinderkostüme hat sie für die Enkelkinder schon beiseite gelegt. Diese werden in den kommenden Jahren beim Fasching also noch ausgeführt.

Nun wird verreist

Ohne Kostümverleih bleibt der Engersenerin, die mittlerweile im Betrieb ihre Mannes als Buchhalterin tätig ist, während der Wintermonate Zeit zum verreisen. „Das blieb ja auf der Strecke. Gerade zum Anfang des Jahres, wenn es bei meinem Mann im Betrieb etwas ruhiger war und er Zeit dazu hätte, war ich ja im Kostümverleih beschäftigt.“ Nun soll es also endlich einmal auf Reisen gehen.