Jagdschein

Lehrgänge für den Jagdschein sind im Altmarkkreis stets voll

Rund 600 Jäger hat Helmut Franke in den vergangenen 30 Jahren gemeinsam mit Mitstreitern im Altmarkkreis Salzwedel ausgebildet. Ans Aufhören denkt der 70-Jährige nicht. Der Gardelegener weiß, was einen guten Jäger ausmacht und wie man zu einem wird.

Von Stefanie Brandt
Helmut Franke bildet seit 30 Jahren Jäger aus. Foto: Stefanie Brandt

Gardelegen. Helmut Franke trägt im Altmarkkreis Salzwedel die Verantwortung für die Ausbildung der Jungjäger. Waidgerechtigkeit heißt das Zauberwort, das für ihn ausdrückt, was einen guten Jäger ausmacht. Laut Deutschem Jagdverband bezieht sich dieser Begriff auf drei Aspekte: Der Tierschutzaspekt betrifft die Einstellung des Jägers zum Tier als Mitgeschöpf, dem vermeidbare Schmerzen zu ersparen sind. Der Umweltaspekt fordert die Einbeziehung der Umwelt in ihrer Gesamtheit in sein Denken und Handeln. Der mitmenschliche Aspekt betrifft das anständige Verhalten gegenüber anderen Jägern sowie der nicht die Jagd ausübenden Bevölkerung.

200 Stunden Lerneinheiten

Im Altmarkkreis wird das Grundwissen, um diese Waidgerechtigkeit erfüllen zu können, in einem Lehrgang vermittelt. Die Unterrichtseinheiten finden donnerstags und freitags am Abend sowie sonnabends ganztätig statt. Zur Theorie kommen Exkursionen und Reviergänge. Viele angehende Jäger wundern sich, wie viel sie lernen müssen. Beginn ist im Januar. Im April oder Mai haben die Jungjäger – wenn alles gut geht – ihre Prüfung bestanden. Viele Lerneinheiten müssen sie zuvor absolvieren. „Wir liegen mit rund 200 Stunden weit oben im Vergleich“, erklärt Franke. Das zahlt sich aus. Die Durchfallrate liegt hier deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. „Der gute Ruf, den wir haben, ist schon berechtigt.“ Sogar Leute aus Niedersachsen oder den Nachbarkreisen kommen zum Lehrgang nach Gardelegen.

Bammel vor dem Schießen

Unterrichtet werden sieben Prüfungsfächer. Die Schwerpunkte liegen auf dem Schießen, der Jagdwaffenkunde und den Jagdgesetzen – alle anderen Themengebiete sind aber ebenso wichtig. „Ich bin der Meinung, wer nicht ein leidenschaftlicher Naturschützer ist, der sollte kein Jäger sein“, stellt Franke, der selbst Wildtierkunde unterrichtet, klar. „Es ist ein Anliegen von uns, dass die Jungjäger das ernstnehmen.“ Der Respekt der Auszubildenden sei aber vor dem Schießen meist am größten. Fehler in einer der drei Teildisziplinen - geschossen wird mit Büchse, Flinte und Kurzwaffe - können nicht durch gute Leistungen in anderen Fächern ausgeglichen werden. Fällt ein Prüfling hier am ersten der drei Prüfungstage durch (Tag eins: Schießen und Waffenhandhabung; Tag zwei: theoretische, schriftliche Prüfung, Tag drei: mündliche und praktische Prüfung), hat er in diesem Jahr kaum noch eine Chance, den Jagdschein zu bekommen.

Fachleute als Lehrer

Das Wissen zu den sieben Prüfungsfächern wird von mindestens zehn verschiedenen Jägern vermittelt. Dabei kann Franke auf einen wertvollen Pool an Fachleuten zurückgreifen. Führte früher jede Jägerschaft ihre eigenen Lehrgänge durch, so fragten irgendwann erst die Klötzer und schließlich die Salzwedeler an, ob es nicht einen gemeinsamen Lehrgang geben könnte. Dadurch standen Franke erfahrene Ausbilder aus dem ganzen Kreis zur Verfügung. Zum Beispiel unterrichtet Andreas Wüstenhagen, ehemaliger Amtsgerichtsdirektor in Salzwedel, das Jagdrecht. Über die Wildtierkrankheiten klärt ein Tierarzt auf, das Jagdhundewesen vermittelt ein Hundeausbilder. Auch die Thematik der Hege- und Reviertechnik, also zum Beispiel, wie man einen Hochsitz baut oder eine Jagd organisiert, wird behandelt.

Weil es zwischen Förstern und Jägern ohne Forst-Hintergrund teils etwas unterschiedliche Ansichten gibt, freut sich Franke, dass beide „Parteien“ unter den Ausbildern vertreten sind: „Bei meiner Truppe gibt es keine Konkurrenz untereinander. Horst Schulze ist zum Beispiel ein Förster, den ich sehr schätze. Er ist leidenschaftlicher Naturschützer.“

Wer von diesen Fachleuten lernen will, braucht allerdings Geduld. Die Kurse sind stets sehr gut besetzt. Für 2021 stehen 25 „Lehrlinge“ auf der Liste – das Maximum. Zehn Weitere sind auf der Warteliste und können auf 2022 hoffen. Aktuell laufen aufgrund der Pandemie allerdings keine Schulungen. „Ich hoffe, wir schaffen den Kurs in diesem Jahr noch“, weiß Franke, wie sehr die angehenden Jäger darauf warten.

Diese kommen aus allen Altersklassen. „Man muss ein halbes Jahr vor der Prüfung 15 sein, dann kann man schon den Jugendjagdschein machen“, kennt der Ausbilder die Einschränkungen. Nach oben gibt es keine Altersgrenze, man sollte aber gesund sein. Auch die Zuverlässigkeit wird zum Beispiel über die Jagdbehörde geprüft.

Die Motivation ist wichtig

Danach wählen Franke und seine Mitstreiter die Kandidaten aus. „Wir sind nicht kommerziell interessiert. Der Kurs soll voll sein, das ist er aber sowieso immer.“ Die Lehrgangsleiter können es sich also leisten, genau auf die Motivation der Anwärter zu schauen. Will jemand über den Jagdschein nur an einen Waffenschein kommen? Ist die Jagd für ihn keine Passion, sondern nur viertes oder fünftes Hobby? Für Franke machen Naturverbundenheit, das Interesse am Tierschutz und auch die jagdliche Freundschaft einen guten Jäger aus. Er habe zur Wendezeit die Nase voll gehabt vom sozialistischen Jagdwesen, sich aber damit abgefunden, dass die Funktionäre die Trophäen mit nach Hause nehmen. 1991, in diesem Jahr begann er auch damit, Jäger auszubilden, dachte er, mit dem nun geltenden deutschen Jagdrecht würde alles besser.

„Aber dann kamen neue Jäger mit dicker Marie. Die Denke kippte um. ,Wenn ich es nicht schieße, macht es mein Nachbar, also mache ich es selbst’, haben viele Jäger gedacht.“ Das entspricht nicht seiner Vorstellung von einem Jäger, so Franke.

Ein praktisches Jahr hilft

Auch mit einem Irrglauben vieler Prüflinge räumt er auf, dass sie nach dem Kurs „fertig“ seien. Wer einen Jagdschein hat, sei noch lange kein Jäger. Das Lernen höre nie auf, weiß er: „Zur Prüfung kriegst du nur einen Jagdschein, danach wirst du erst Jäger - dein ganzes Leben lang lernst du.“

Ihm selbst habe es dabei gutgetan, dass er in Salzwedel drei Jahre lang mit einem erfahrenen Jäger mitgelaufen sei, bevor er 1977 seinen Schein gemacht habe. Solche „Lehrjahre“, zumindest eines, wären auch seine Empfehlung für die heutige Zeit. „Es kommen sehr viele total Ahnungslose in die Kurse. Es ist schade, dass in Sachsen-Anhalt kein praktisches Jahr vorgesehen ist. Sonst hätten alle eine gewisse Vorbildung“, sagt Franke.

Franke hat eine Mission

Zwingend nötig ist die Vorbildung, wenn man bereit ist, viel zu lernen, aber nicht. Ebenso wenig wie ein dickes Portemonnaie. „Das Geld spielt vor allem bei den Jägern eine Rolle, die keine echten Jäger sind“, sagt Franke, „dass die Jagd etwas mit Geld zu tun hat, trifft mittlerweile zu, aber bei uns noch nicht so stark.“ Passable gebrauchte Kugelwaffen gäbe es schon für unter 1000 Euro, die Pachtabgaben seien hier auch nicht so hoch. Kosten fallen auch an für die Reviereinrichtung (wie Hochsitze), die Fahrten mit dem Pkw, Bekleidung, gegebenenfalls für einen Hund und eine Jagdhaftpflichtversicherung. Für den Jagdschein (Prüfung und Vorbereitungskurs) selbst geben laut Deutschem Jagdverband drei Viertel der Anwärter zwischen 1500 und 2000 Euro aus.

Wer Interesse an einer Ausbildung zum Jäger hat, kann sich an die Jägerschaft Gardelegen wenden. Kontaktmöglichkeiten sind im Internet unter www.jaegerschaft-gardelegen.de zu finden. In den nächsten Jahren treffen angehende Jungjäger bei der Ausbildung dann sicher auch auf Helmut Franke, denn ans Aufhören denkt er auch nach 30 Jahren als Ausbilder, in denen er rund 600 Jäger bis zur Prüfung begleitet hat, nicht: „Nach einem Kurs steht das immer mal im Raum, aber dann denken wir daran, dass wir eine Mission haben: Wir wollen vernünftige Jäger ausbilden.“