Naturschutz in der Forst

Luise Eichhorn vom Betreuungsforstamt Letzlingen über Naturschutz und Forstwirtschaft im Einklang am Beispiel des Colbitzer Lindenwaldes

Ein Drittel Deutschlands ist von Wald bedeckt. Dessen Bewirtschaftung ist eine ständige Gratwanderung, denn er liefert den wertvollen Rohstoff Holz, ist aber mindestens genauso wichtig als Lebensraum, Luftfilter und Wasserspeicher. Forstwirtschaftliche Arbeit ist deshalb immer eng mit Naturschutz verbunden.

Von Stefanie Brandt
Lindenwald bei Colbitz im Frühling.
Lindenwald bei Colbitz im Frühling. Stefanie Brandt
Ein Schild weist auf das Naturschutzgebiet hin.
Ein Schild weist auf das Naturschutzgebiet hin.
Foto: Stefani Brandt

Colbitz - Ein Urwald direkt vor der Haustür liegt im Süden der Colbitz-Letzlinger-Heide. Aus einem weißen Blütenmeer aus Lichtnelken und Buschwindröschen, die im Frühjahr den Boden bedecken, erheben sich Baumriesen. Winterlinden, hunderte Jahre alt, streben dem Himmel entgegen. Eine Etage darunter sind junge Hainbuchen zu finden, deren Laub alles in ein hellgrünes Licht taucht. Wenn Ende Juni die Linden blühen, wird statt des Blätterrauschens ein einziges Summen tausender Bienen erklingen. Auch der weiße Schwalbenwurz, der Fingerhut und später die Glockenheide locken die Insekten.

Rund 200 Hektar groß ist das Naturschutzgebiet Colbitzer Lindenwald, knapp 26 Hektar davon sind Totalreservat, also vor menschlichen Einflüssen weitestgehend geschützt und der natürlichen Entwicklung überlassen.

Nur dringend notwendige Eingriffe

Natürliche Entwicklung und Erhalt des Zustandes – das passt nicht immer zusammen. Hier müssen Forstmitarbeiter schwere Entscheidungen anhand etlicher verschiedener Richtlinien treffen. Zum Beispiel ist im Colbitzer Lindenwald auch die spätblühende Traubenkirsche zu finden. Die „Waldpest“, wie sie teils von den Förstern genannt wird, wird in Amerika, wo sie herkommt, ein stattlicher Baum. Hierzulande bedeckt sie als sich invasiv ausbreitender Strauch den Boden und nimmt jungen Linden das Licht. Auch gegen die Hainbuchen können sich die Linden kaum durchsetzen. „Der Zweck dieses Naturschutzgebietes liegt aber im Erhalt des Lindenwaldes – also muss man doch eingreifen, sonst würden Hainbuche oder Traubenkirsche zunehmen“, weiß Luise Eichhorn vom Betreuungsforstamt Letzlingen.

Für die forstwirtschaftliche Nutzung werden in diesem Gebiet allerdings keine Bäume entnommen. Selbst Baumriesen, die zum Beispiel durch Sturm umfallen, bleiben liegen und verrotten langsam. Der Weg für Touristen wird dann deshalb sogar neu geleitet.

Das Totholz ist Lebensraum für etliche Insekten. In absterbende Stämme hämmern Spechte ihre Höhlen, unter der Rinde suchen sie nach Nahrung. Hier verstecken sich aber zum Beispiel auch Fledermäuse. Bemerkenswert in Colbitz ist zudem die Baumbrüterpopulation des Mauerseglers, auch Baumfalken und Wespenbussard sind zu finden.

Totholz, Altholzinseln und Biotopbäume wichtig

Zu einem stabilen Ökosystem gehören eben auch stehendes und liegendes Totholz, Altholzinseln und Biotopbäume. So ein Stückchen Wildnis findet sich in fast jedem Wald. Das Förderprogramm des Landes Sachsen-Anhalt zu den sogenannten Waldumweltmaßnahmen hilft, solche und ähnliche Trittsteine für bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu schaffen und auszubauen. „Bäume, beziehungsweise ganze Bestände, werden dann aus der Nutzung genommen und dienen als Lebensraum. Dafür gibt es Fördergeld“, informiert Eichhorn. Wobei alle forstlichen Maßnahmen – vom aus der Nutzung nehmen über Holzernte bis hin zur Verjüngung – immer im Einklang mit der „guten fachlichen Praxis“, also unter Einhaltung gewisser Grundsätze des Tier- und Umweltschutzes, geplant und durchgeführt werden. Kahlschlagsverbot, Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und eventuell fremdländische Baumarten in Verjüngung bringen – alles geschieht nach Rücksprache beziehungsweise jeweiligem Passus aus der Schutzverordnung.

„Naturschutz heißt im Falle eines Försters, eben auch mal nichts zu tun“, fügt die Jercheler Revierförsterin hinzu. Wobei „nichts tun“ nur auf den direkten Eingriff im Wald bezogen ist. Denn bevor Waldbesitzer Fördergelder dafür erhalten, dass sie ihr Holz eben nicht ernten und verkaufen, stehen Kosten-Nutzen-Rechnungen und Anträge. Bei den aktuell niedrigen Holzpreisen kann es sich durchaus lohnen, kein Holz zu entnehmen, sondern den Wald einfach der Natur zu überlassen. Für Beratung dazu können sich Waldbesitzer an ihr jeweiliges Betreuungsforstamt wenden.