Hottendorf l Sie trägt Silberschmuck, langes schwarzes Haar und ist tätowiert, und wenn es in Sachsen-Anhalt irgendwo einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg oder Munition zu entschärfen gibt, dann ist Kerstin Kramp zur Stelle. Kramp ist Truppführerin beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in Sachsen-Anhalt, der der Polizeidirektion Zentrale Dienste in Magdeburg unterstellt ist. Auch beim Transport, bei der Lagerung und Vernichtung von Kampfmitteln ist sie dabei. Aus dem Bürosessel ist sie in die Lagerhalle vom Munitionszerlegebetrieb im Wald am Rande der Colbitz-Letzlinger Heide gewechselt. Und schließlich fährt sie sogar zu den Fundorten von Munition und Bomben im ganzen Land hinaus.

Doch wie kommt eine Frau zu einem solchen Job? Seit 1992 ist Kerstin Kramp bei der Polizei angestellt. Zunächst saß sie im Verwaltungsdienst beim Technischen Polizeidienst im Büro. „Aber immer nur im Büro sitzen, das wollte ich nicht“, erinnert sich die Altmärkerin. Mit Mitte 30 entschloss sie sich, ihren Bürojob aufzugeben. „Ich wollte etwas anderes machen. Ich wollte auch körperlich arbeiten.“ Und so bewirbt sie sich 2007 beim Kampfmittelbeseitigungsdienst und dringt damit in eine reine Männerdomäne vor. Kurzentschlossen. Denn nach einem Probetag vor Ort weiß sie schon, dass sie das machen möchte. Als Arbeiterin beginnt sie kurz darauf, im Zerlegebetrieb in Hottendorf aktiv zu werden.

In ihrer Familie waren allerdings längst nicht alle mit der neuen Berufswahl einverstanden. Vor allem ihre Mutter habe diesen Wechsel nicht begrüßt, gibt Kramp zu. Nachvollziehen kann es die heute 47-Jährige, denn ganz ungefährlich ist der neue Beruf natürlich nicht. Für ihre beiden Kinder war der Berufswechsel aber kein Thema. Wenn jemand ihre jüngste Tochter damals gefragt hatte, was ihre Mutter eigentlich arbeitet, habe sie „Bombenlegerin“ gesagt, erinnert sich Kramp schmunzelnd. Sie selbst hat den beruflichen Wechsel aber nie bereut.„Ich bin viel an der frischen Luft. Meine Arbeit ist abwechslungsreich. Und ich habe viel Technik zu bedienen.“ Mittlerweile hat sie den Lkw-Führerschein in der Tasche, und auch den Gabelstapler-Führerschein hat sie gemacht. „Alle Fahrzeuge, die man mitnehmen kann, nehme ich mit.“

Sprengschule in Dresden

Als Kramp beim Kampfmittelbeseitigungsdienst anfing, musste sie natürlich zunächst einige Lehrgänge absolvieren. Und dabei blieb es nicht. 2009 wollte sie es noch einmal wissen. Die zweifache Mutter und mittlerweile auch Großmutter ließ sich zur Truppführerin ausbilden. Sieben Männer und ein Frau hören nun auf ihre Anweisungen. Während des Truppführer-Lehrgangs an der Dresdner Sprengschule war sie übrigens die einzige Frau, die sich beteiligte. „Das war eine Herausforderung für mich. Man will sich ja beweisen“, erzählt sie im Volksstimme-Gespräch. Und beweisen konnte sie sich. Zwar gab es skeptische Stimmen von Leuten, die sich eine Frau auf diesem Posten nicht vorstellen konnten, aber Kramp erfuhr in den zurückliegenden Jahren auch viel Unterstützung: „Ich packe vor Ort genauso mit an, hebe bis zu 40 Kilogramm“, macht sie klar. Die Männer unterstützen sie vor Ort aber auch, helfen beim Anpacken. Und zwar auf Augenhöhe, sagt die couragierte junge Frau stolz, nicht, weil sie es ihr nicht zutrauen würden, sondern einfach nur um zu helfen.

2012 durfte Kramp dann ihre erste große Bombe entschärfen. Sie wog 125 Kilogramm und wurde auf einem Acker bei Dessau entdeckt. Ein erfahrener Kollege unterstützte sie. Geblieben ist das Gefühl, es geschafft zu haben. „Am liebsten sprenge ich vor Ort“, erzählt die 47-Jährige. Lächelnd fügt sie hinzu: „Das sind die Sachen, die ich gerne mache.“ Die Arbeit beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Sachsen-Anhalt ist abwechslungsreich. Neben dem Sprengen vor Ort, was nicht allzu häufig stattfindet, hat Kramp auch Büroarbeiten zu erledigen. So dokumentiert sie die gelagerten Kampfmittel und protokolliert deren Zerstörung. Regelmäßig gibt es auch zweimal in der Woche Sprengtermine für die Bundeswehr in der Heide.

Neben dem regulären Arbeitstag sind schließlich auch Bereitschaftsdienste nötig, jeweils von Montag, 15 Uhr, bis zum Montag der darauffolgender Woche, 6 Uhr. Da kann es auch passieren, dass Kramp zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett heraus zu einem Fundort gerufen wird. Vor allem im vorigen Jahr gab es für sie während der Sommermonate zahlreiche Einsätze. Der Trockenheit wegen wurde viel Munition im ausgetrockneten Flussbett der Elbe gefunden. „Manchmal hatten wir drei Einsätze an einem Bereitschaftstag“, erinnert sich die Altmärkerin. Eingesetzt werde sie dabei zwischen Seehausen und Zeitz. „Da kann es auch schon mal passieren, dass man schon so gut wie wieder zurück ist und plötzlich gleich wieder zum nächsten Einsatz umdrehen muss.“ Frauen im Kampfmittelbeseitigungsdienst sind in Sachsen-Anhalt rar. Landesweit gibt es nur zwei. Prinzipiell werde es begrüßt, dass sich Frauen auch auf diesen Posten bewerben. „Im Rahmen der Chancengleichheit werden Frauen bei Bewerbungen nicht benachteiligt“, betonte Grit Märker, bei der Polizeidirektion Zentrale Dienste verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit. Gleichberechtigung hat viele Facetten. Kerstin Kramp hat ihren persönlichen „Bombenjob“ jedenfalls gefunden.