Kalbe l Gustav Palis war nicht nur stellvertretender Direktor und Deutschlehrer an dieser Schule (siehe 1. Teil). Er hat uns auch als Sportlehrer begeistert, zumal er selbst ein guter Sportler war. Sport war in der damaligen Zeit ein Hauptfach. Und in einem Hauptfach durfte es keine Fünf geben. Schwimmen war für alle Pflicht. Bei den Sportarten war die Leichtathletik dominierend. Für das Laufen gab es keine guten Bedingungen. Der 1000-Meter-Lauf wurde auf der Chaussee von Werneckes Wassermühle Richtung Neuendorf absolviert. Die 100-Meter-Strecke war ein Fuß- und Radweg – beiderseits von dicken Kastanienbäumen gesäumt – parallel zum Gebäude der Badeanstalt (Weißer Wall).

Gustav Palis legte groß Wert darauf, dass alle Schüler das Sportabzeichen erwerben. Dazu waren anspruchsvolle Leistungen zu erfüllen. Neben der theoretischen Prüfung waren als Pflichtprüfungen Fußmarsch, Gymnastik, Schwimmen mit Kopfsprung und Klettern Pflicht. Als Wahlübungen waren 1000-Meter-Lauf, 100-Meter-Lauf, Kugelstoßen und Weitsprung zu absolvieren. Es klappte nicht bei allen auf Anhieb.

Mit nur einem Bein und einem Arm geschwommen

Vor allem beim Schwimmen gab es Schwierigkeiten, denn etliche Bewerber trauten sich nicht, vom Startblock zu springen. Dann half Klassenlehrer Walter Jennrich nach und stieß die Schüler mit seinem Stock ins Wasser. Er selbst war trotz seiner schweren Kriegsverletzung ein guter Schwimmer und Taucher. Nachdem er seine beiden Prothesen – eine Arm- und eine Beinprothese– abgenommen hatte, musste ich ihn mit einem Mitschüler ihn stützend an den Schwimmbeckenrand bringen. Er hüpfte auf einem Bein. Und bevor ins kühle Nass per Kopfsprung ging, sagte er zu uns : „Wenn ich nicht mehr auftauche, dann holt Ihr mich heraus.“ Das versetzte uns einen mächtigen Schreck. Wie froh waren wir, als er wieder auftauchte, einige Runden schwamm und dann mit unserer Hilfe das Becken wieder verließ.

Schüler, die keine gute Zugverbindung nach Kalbe hatten – die Schüler kamen aus den Schulbereichen Kalbe, Kakerbeck, Badel und Winterfeld – konnten im Schülerheim wohnen, dem einstigen Wohnhaus der Familie von Alvensleben. . Heimleiterin war Frau Rieger, eine freundliche aber energische Frau, die keine Mühe scheute, um „ihren“ Schülern einen angenehmen Heimaufenthalt zu gewährleisten. Um 6 Uhr morgens hörten wir sie immer rufen: „Jungens, der Sportlehrer ist schon da.“ Für alle gab es dann eine halbe Stunde Frühsport.

Durch Gespensterspiel die Nachtruhe gestört

Nach der Morgentoilette war Frühstückszeit. Und danach wurde zur Schule „marschiert“. Die Schule war rund 600 Meter entfernt. In einer ledernen Aktentasche wurde das Heimbuch mitgeführt, das täglich Direkt Helmut Lübke vorgelegt wurde. In diesem Buch standen gute aber vor allem weniger gute Meldungen, wie etwa Disziplinverstöße, Meckern über das Essen oder Störung der Nachtruhe (Gespensterspielen) drin. Wir Schüler durften nicht wissen, was gemeldet wurde, deshalb war die Aktentasche mit einem Vorhängeschloss gesichert. Bei negativen Meldungen mussten die Verantwortlichen, ich war auch mehrmals darunter, zur Auswertung. Dann gab es schon einmal Ausgangsverbot. Wir Jungen besuchten gern unsere Schülergaststätte „Friedenseck“. Diese Gaststätte gibt es unter gleichem Namen noch immer. Nachmittags zur Schulaufgabenzeit war auch ein Lehrer im Schülerheim, um bei Problemen mit den Aufgaben behilflich zu sein. Das wurde von allen sehr geschätzt.

Um das Klassenkollektiv zu festigen, gab es im Juni 1955 eine Klassenfahrt in den Harz. Diese führte nach Thale, Treseburg, Festung Regenstein und in die Herrmanns-Höhle.

Abruptes Ende nach neunten Schuljahr

Zum Schuljahresende wurden aller Schüler der neunten Klasse versetzt. Und dann kam die Meldung: Die Oberschule Kalbe wird aufgelöst. Die Schüler wurden auf die Oberschulen Salzwedel, gardelegen und Bismark verteilt. So endete unsere Oberschulzeit in Kalbe abrupt, aber die Erinnerungen sitzen tief im Gedächtnis.

Meine Kalbenser Erinnerungen sollen eine Würdigung der damaligen Lehrer sein, zu denen wir ein respektvolles Verhältnis hatten.