Kalbe l Eine Stunde sollte die Sondersitzung des Stadtrates zum Thema Einstellung der Buslinie 100 in Kalbe dauern. Am Ende waren es zwei Stunden. Zahlreiche Einwohner hatten Gesprächsbedarf und machten ihrem Ärger Luft. Der Andrang war so groß, dass nicht jeder Teilnehmer einen Stuhl abbekam. Zu Beginn der Sitzung stellte Bürgermeister Karsten Ruth den Antrag, dass sich die Bürger äußern dürfen, denn normalerweise ist es den anwesenden Einwohnern nicht gestattet, zu Themen der Tagesordnung Fragen zu stellen. Dem Antrag stimmte der Stadtrat zu.

Das Wort hatten zunächst die Gäste. Tobias Jensch von der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt GmbH (NASA) erinnerte an die 2016/2017 ausgeführte Evaluierung des Bus-Landesnetzes. Dabei wurde festgestellt, dass die Relation Gardelegen-Salzwedel zu wenig genutzt wurde. „Es saßen einfach zu wenige im Bus.“ Auf der anderen Seite wurde die Richtung Wolfsburg bisher nicht bedient. Letzteres solle sich ab August 2020 ändern. Die Linie 100 werde zum Januar 2020 neu strukturiert. Anstelle von Kalbe soll Klötze angefahren werden. Kalbenser sollen eine Verbindung von Kalbe zur B 71 nach Wiepke nutzen und dort in die Linie 100 zusteigen.

Fühlen uns nicht ernst genommen

Wie Ronald Lehnecke, Geschäftsführer der kreislichen Personenverkehrsgesellschaft (PVGS) mbH, sagte, werde der Zeitverzug keine zehn Minuten ausmachen. Die Umstiegszeiten betragen etwa fünf bis sieben Minuten. Das Umsteigen sei notwendig, „aber es ist auch zulässig“, erklärte er.

Diese Ausführungen ärgerten die Bürger. Die kaufmännische Leiterin der Median-Klinik, Jana Weinhold, machte deutlich, dass von dieser Änderung auch Arbeitsplätze abhängen. Als größter Arbeitgeber in der Stadt sieht sie das Unternehmen betroffen. Jährlich kommen 3000 Patienten mit Begleitpersonen. Diese übernachten auch in der Stadt, nutzen den Nahverkehr. „Aber kommen die noch, ohne attraktive Verkehrsanbindung?“ Ein weiterer Stichpunkt war für Weinhold der Fachkräftemangel. Stets versuche sie, Ärzte in die Stadt zu holen, die sich mit ihren Familien niederlassen. Aber die Infrastruktur verfalle mehr und mehr. Die Patienten haben Gepäck, sind gesundheitlich beeinträchtigt. Für sie sei eine Reise mit Umsteigen schwierig. Probleme sah sie auch für Fahrgäste, die mit Rollator, Kinderwagen oder Fahrrad mit dem Bus mitfahren. Weinhold machte auf Schüler aufmerksam. „Was ist, wenn ein Anschlussbus nicht kommt? An der B 71 in Wiepke ist kein Handyempfang, die Kinder können niemanden anrufen.“ Sie sagte: „Wir haben Angst um unsere Kinder, um unsere Arbeitsplätze. Und wir fühlen uns nicht ernst genommen.“

Lebensqualität geht verloren

„Der Schülerverkehr ist nicht betroffen“, machte Inga Otte-Sonnenschein, Leiterin des Amtes für Kreisentwicklung, deutlich. Schüler des Gymnasiums Gardelegen sahen dies aber anders. Sie meldeten sich zu Wort und erklärten, dass sie regelmäßig die 100er-Linie nutzen, wenn sie zu einer späteren Unterrichtsstunde erscheinen brauchen oder bereits nach der fünften Stunde Unterrichtsschluss haben. Sie können sich nicht vorstellen, dass alle Schüler unter den Unterstand an der B 71 passen. Und es seien auch Fünftklässler dabei, und die schubsen sich manchmal.

„Ich bin pappesatt und stinksauer“, erklärte Nicole Wernecke, Ortsvorsteherin in Wernstedt. „Im Klimapaket unserer Bundesregierung ist mir ein wichtiger Aspekt aufgefallen, der da lautet: Der öffentliche Nahverkehr, Radwege und der Schienenverkehr sollen ausgebaut und modernisiert werden. Grandiose Idee, finde ich.“ Wie sie sagte, sinke mit Wegfall der Buslinie die Lebensqualität in den Orten.

Ein Stück Ignoranz

So sah es auch Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth. Er verwies auf Ausführungen des Landesministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Energie, in denen es heißt, dass der Erhalt der Infrastruktur im ländlichen Raum wichtig sei und erhalten werden müsse. Er sehe eine augenscheinlich Diskrepanz zwischen diesen Ausführungen und dem Wegfall der Buslinie. „Es ist eine deutliche Schlechterstellung für unsere Bürger.“ Hierbei gehe es nicht nur um den Wegfall einer Buslinie, vielmehr werde die Herabwürdigung des Grundzentrums Kalbe deutlich. Vor allem ärgere ihn, dass der Stadtrat vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Dass es im Vorfeld keine Diskussionen gab. Es ist „ein Stück Ignoranz“.

Für die Ausführungen des Bürgermeisters gab es Beifall. Das Gefühl der Ignoranz verstärkte sich bei den Zuhörern, als aus Reihen der Einwohner Kenntnisse laut wurden, dass in Klötze der Ausbau eines Drehkreuzes für den Nahverkehr geplant sei. Von diesen Plänen berichteten die Gäste von NASA, PVGS und aus dem Altmarkkreis allerdings nichts.

Diskussion geht weiter

Das letzte Wort ist in Sachen Wegfall Buslinie 100 in Kalbe noch nicht gesprochen. „Es ist noch nichts in Sack und Tüten“, so Lehnecke.

Einstimmig sprach sich der Stadtrat zum Abschluss dafür aus, dass von der CDU-Fraktion verfasste Schriftstück, das unter anderem an Altmarkkreis und Landesregierung adressiert ist, zu unterstützen. Darin wird vorgeschlagen, dass Klötze und Kalbe im Wechsel angefahren werden (Volksstimme berichtete). Mit dem Erhalt der Buslinie möchte die Stadt das Grundzentrum Kalbe stärken.