Gardelegen l Nach teils heftiger Kritik in den sozialen Medien äußert sich der Noch-Eigentümer des Volkshauses, Dirk Wischeropp, im Volksstimme-Gespräch zu seinen Beweggründen, das Haus zu verkaufen, zu Plänen und Träumen, aus denen nichts wurde. Und zu Baugenehmigungen mit Auflagen, die gleichzusetzen seien mit denen für den Bau eines Kleinbahnhofes.

Vorwürfe sind unberechtigt

 Ja, es ging heiß her auf einer privat geführten Gardelegen-Seite bei Facebook, als die Volksstimme über den geplanten Abriss des Volkshauses berichtete. Eigentümer Dirk Wischeropp sieht sich zu Unrecht den Vorwürfen ausgesetzt. Und er geht damit auch offensiv in die Öffentlichkeit, will nicht jede harsche Kritik kommentarlos hinnehmen. Denn er habe sich die Entscheidung schließlich nicht einfach gemacht.

Doch der Reihe nach. Dirk Wischeropp ist Koch von Beruf, hat die Meisterstufe drei und vier absolviert und kann Lehrlinge ausbilden. Seine Ausbildung bekam er vom Küchenmeister Harald Storz aus Gardelegen. Die Prüfungen bestand er mit einer Eins. Er ging zunächst aus Gardelegen weg, kam aber zurück in die Heimat und wollte sich als Gastronom selbstständig machen. 2002 kaufte er ein Gebäude an der Ernst-von-Bergmann-Straße, das er zum Wirtshaus umbaute.

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"Du musst das Volkshaus retten"

„Damals boomte das alles geradezu. Tanzveranstaltungen im Wirtshaus. Das war jedes Mal hoffnungslos überfüllt. Das platzte aus allen Nähten“, erinnert sich Wischeropp. Eine Zeitlang wich er sogar in die Turnhalle an der Schillerstraße aus. Irgendwann wurde er dann von etlichen Leuten angesprochen. „Das Volkshaus steht in der Zwangsversteigerung. Du musst das Volkshaus retten, wurde mir gesagt“, so Wischeropp.

Denn schon damals, im Jahr 2009, drohte der Abriss. Während die Gastronomie mit Tanz rings um boomte, herrschte schon seit siebeneinhalb Jahren Ruhe im einst legendären Tanz- und Partytempel. „Ich war aber mutig geworden“, erzählt Wischeropp. 2009 ersteigert er das Volkshaus – und er wollte sich damit einen Jugendtraum erfüllen. Denn schon als Jugendlicher arbeitete er im Volkshaus als Tellerwäscher. Da würden ganz viele Erinnerungen aus seiner Jugendzeit dran hängen. „Ich war geradezu fanatisch, das Volkshaus wieder aufzubauen. Dafür habe ich auch hohe Schulden aufgenommen“, sagt der heute 49-Jährige. Etliche Jahre versuchte Wischeropp, den Tanztempel mit seinem angebauten Saal wieder mit Leben zu erfüllen, richtete Pensionszimmer und die Gaststätte ein. Allerdings habe es auch fünf Jahre gedauert, bis er eine Baugenehmigung bekam, „aber mit Auflagen, die gleichzusetzen waren mit denen für den Bau eines Kleinbahnhofes“. Vor allem die Brandschutzauflagen waren enorm.

Ratten als Bewohner

„Eine Ausgangstür kostete 17 000 Euro. Und davon brauchte ich zehn Stück“, so Wischeropp. Der Saal sei mit Asbest eingedeckt. Türen, ein neues Dach – damals Investitionskosten von etwa 250 000 Euro. „Da waren noch keine Fenster, keine sanitären Anlagen dabei“, so Wischeropp. Eine Sanierung heute würde mindestens 1,5 Millionen Euro kosten. „Das war für mich als Einzelunternehmer einfach nicht machbar“, betont Wischeropp. Das Gebäude sei völlig marode. Insbesondere die Statik sei das größte Problem. Das Dach sei undicht. Nässeschäden in allen Räumen. Mittlerweile haben Ratten ihre Wohnstatt im Volkshaus gefunden. „Das Objekt fällt zusammen. Was von außen zu sehen ist, ist nicht maßgeblich. Die großen Schäden sind im Inneren vorhanden“, schildert Wischeropp die Situation und weiter: „Mir blutet das Herz. Wir haben Tag und Nacht in dem Haus gearbeitet.“ Die Fassade beispielsweise habe er allein mit seinem mittlerweile verstorbenen Onkel saniert. „Ich kann nur eines sagen. Ich muss mir nichts vorwerfen“, reagiert Wischeropp auf die Anfeindungen.

Im Laufe der Jahre wurde der Zuspruch immer weniger. Die Gästeschar immer kleiner, ebenso die Einnahmen. Seit drei Jahren findet nichts mehr statt im Volkshaus. Die Ausgaben aber laufen weiter.

Ein Investor fehlt

Wischeropp setzte das Volks­haus ins Internet zum Verkauf. „Ich habe immer einen Investor gesucht, der mit mir gemeinsam das Volkshaus wieder aufbaut“, so Wischeropp. Gefunden hat er keinen, wohl Interessenten, die alles mögliche machen wollten, wie Wohnsiedlung, neues Pflegeheim oder einfach nur Parkplatz, nicht aber einen Wiederaufbau des Gebäudes mit Saal, Hotel und Gaststätte. „Das hatte ich vor, das war mein Plan. Aber keiner wollte das mit mir machen“, sagt Wischeropp.

Jetzt gibt es einen anderen Plan. Er will die Immobilie an Edeka verkaufen. „Die sind im Internet darauf aufmerksam geworden und haben sich bei mir gemeldet“, erzählt Wischeropp. Die Edeka-Kette wird dort einen neuen Markt errichten. Und das sei aus Sicht Wischeropps für Gardelegen West auch sehr sinnvoll. Denn für diesen Bereich mit der Innenstadt gebe es nur den Lidl-Markt am Klammstieg. Und schön soll er auch werden, dekoriert mit Erinnerungsstücken aus dem Volkshaus.

Erinnerungen werden verkauft

Erinnerungsstücke können sich übrigens auch alle Volks­haus-Fans sichern. Denn im Frühjahr ist ein Inventarverkauf geplant. Und Wischeropp will auch beruflich als Gastronom noch mal neu durchstarten. Er werde in diesem Jahr schließlich 50. „Und da fange ich noch mal richtig an. Wischeropps haben schon immer was bewegt“, stellt der 49-Jährige klar, nicht zuletzt in der Hoffnung, dass Corona bald Geschichte ist. „Ich leide geradezu, dass im Moment niemand mehr hier ist, dass keine Leute um mich herum sind. Ich bin Kneiper geworden, weil ich genau das wollte“, sagt Wischeropp und zeigt auf die leeren Stühle im Wirtshaus.