Gardelegen l Es sei eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag für ihn gewesen, der 25. Juni 1990. Eigentlich, denn etwas anders war dieser Tag schon für Karl-Heinz Pielmeier aus Gardelegen. Er war damals als Abteilungsleiter für die Postbeförderung und Zustellung bei der Post in Gardelegen tätig. Und seine Abteilung organisierte auch Geldtransporte. Und die Post sollte auch den Devisen-Transport übernehmen. Vom damaligen Leiter der Post, Heinz Pieper, kam der Sonderauftrag für Pielmeier. Er sollte die D-Mark von Magdeburg abholen und nach Gardelegen bringen. Alles war streng geheim. Nicht einmal seiner Frau durfte er etwas sagen, erinnert sich Pielmeier im Volksstimme-Gespräch. Und so ging er an diesem 25. Juni auch ganz normal morgens zur Arbeit ins Postgebäude an der Bahnhofstraße.

Transport mit strenger Bewachung

Mit einer Staatsbankangestellten fuhr er dann zur Deutschen Bank nach Magdeburg. „Dort haben wir einen Konvoi zusammengestellt mit vier Geldtransportfahrzeugen“, erzählt Pielmeier. Für Gardelegen, Klötze, Salzwedel und Haldensleben, strengstens bewacht von der Polizei mit kugelsicheren Westen und schwerer Bewaffnung. „So was kannten wir damals ja gar nicht“, so Pielmeier. Aber auch kein Wunder, immerhin hatte Pielmeier 36 Millionen D-Mark an Bord, verpackt in mehreren Säcken. Ziel war die Bank an der Marktstraße. Die war komplett abgeriegelt. Die Polizei hatte sich an den Eingängen postiert. Einsatzfahrzeuge, damals übrigens noch Ladas, standen an der Sandstraße und am Rathaus quer. Pielmeier lud die Säcke aus, die von Bankmitarbeiterinnen in Empfang genommen wurden.

Monate später übrigens, im Oktober 1990, war Karl-Heinz Pielmeier erneut als Geldkurier im Einsatz. Dieses Mal war es das DDR-Geld, das er von der Bank abholte und nach Krakau brachte. Dort wurde es in einem alten Militärobjekt eingelagert. „Allerdings ohne große Bewachung, nur mit einem Fahrzeug mit Blaulicht“, erinnert sich Pielmeier schmunzelnd.

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Alu-Chips hatten ausgedient

Welche Gedanken gingen ihm damals durch den Kopf mit 36 Millionen Westmark im Auto? Flucht und ab in die Karibik mit dem Geld? „Nein. Das war auch gar nicht meine Einstellung“, sagt Pielmeier. Außerdem wäre eine Flucht auch unmöglich gewesen bei der strengen Bewachung. Da wäre er vermutlich nicht weit gekommen. „Aber das war für mich auch überhaupt kein Thema“, so Pielmeier.

Monatelang waren die Menschen im Herbst 1989 auf die Straße gegangen unter anderem für mehr Freiheit und für freie Wahlen. „Wir sind das Volk“, hieß es. Die Proteste endeten am 9. November mit der berühmten Pressekonferenz, als Günter Schabowski, damals Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung von Ost-Berlin, die Reisefreiheit verkündete mit dem ebenfalls in die Geschichte eingegangenen Halbsatz „Das tritt nach meiner Kenntnis... ab sofort, unverzüglich...“ Die Grenzen waren offen. Doch die Proteste gingen weiter. Die Menschen wollten die DDR-Mark und die Alu-Chips nicht mehr. Und wieder prägte ein Satz die Demos: „Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!“

Vor drei Jahrzehnten

Alles weitere ist bekannte Geschichte. Die D-Mark kam am 1. Juli 1990. Bereits ab Juni 1990 ließ die Bundesbank 600 Tonnen Banknoten und 400 Tonnen Münzgeld aus dem Westen in die neuen Bundesländer transportieren – rund 25 Milliarden D-Mark waren seinerzeit unterwegs. Damit begann allerdings auch die Ära der Treuhand, der Ausverkauf oder die Schließung der DDR-Betriebe, einhergehend mit hoher Arbeitslosigkeit. Am 3. Oktober 1990 wurde mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrages die deutsche Einheit besiegelt. Beide historischen Ereignisse jähren sich in diesem Jahr zum 30. Mal.

„Heute, 30 Jahre später, denke ich, es war alles richtig so. Es konnte uns nichts besseres passieren“, sagt Pielmeier. Nach der Wende arbeitete er noch einige Jahre bei der Post. Heute ist der 75-Jährige Rentner und genießt mit seiner Frau den Ruhestand. Sein erstes Westauto hat er übrigens im Juli 1990 gekauft: einen gebrauchten Ford Granada.