Mieter haben viele Fragen zum Neubau eines Penny-Marktes im Schlüsselkorb / Peter Selent:

"Wir haben Angst um unsere Wohnqualität"

Von Gesine Biermann

Sie sind verunsichert und fühlen sich nicht genügend informiert: Einige Mieter der Wohnungsgenossenschaft Gardelegen (WGG) befürchten Einschnitte in ihre Wohnsituation durch den geplanten Penny-Markt, der direkt vor ihrem Block entstehen soll.

Gardelegen. Es ist mittlerweile fast ein idyllisches Fleckchen Erde. Der Platz gegenüber der Gardeleger Bibliothek ist grün, Rasen und Bäume wachsen darauf. Vor rund sieben Jahren stand noch ein Neubaublock auf dem Areal. Den hatte die Wohnungsgenossenschaft Gardelegen2004 allerdings zurückbauen lassen. Zu hoch war der Leerstand im Schlüsselkorb. Doch immer noch leben im Wohngebiet rund 2000 Menschen. "Wer hier wohnt, hat nicht viel Geld", sagt Mieter Peter Selent. Und doch hängen viele Mieter an ihren Wohnungen. "Teilweise leben wir hier seit 30 Jahren. Die Bäume hier vor unserem Block, die haben wir selber gepflanzt." Dazwischen sind Trockenplätze angelegt. "Es ist ein kleiner Ausgleich für alle, die kein eigenes Haus haben", beschreibt Selent. Alle Umstehenden nicken. Insgesamt acht Mieter des Wohnblockes Straße der Befreiung 15-23 haben sich gestern vor ihrem Haus versammelt.

Kurz zuvor saßen sie allerdings noch im Büro ihrer Wohnungsgesellschaft. Dort hatte Horst Lang, ebenfalls Mieter einer der Neubauwohnungen im Block, mit Vorstand Henri Schulz einen Termin ausgemacht. Doch er und seine Nachbarn warteten gestern eine Stunde lang vergebens auf ihn. Und so blieben ihre Fragen vorerst unbeantwortet.

"Bislang haben wir es nur hinten rum gehört." Selbst auf der WGG-Versammlung vor wenigen Tagen sei darüber nicht informiert worden: "Hier soll nämlich ein neuer Penny-Markt entstehen", sagt Selent und zeigt auf den Platz vor dem Wohnblock. Einen solchen Markt gibt es zwar schon in unmittelbarer Nachbarschaft. Doch der Betreiber will den Standort aufgeben. Die Marktfläche ist dem Discounter zu klein. Zudem sei der Standort, direkt unter einer Seniorenresidenz ungünstig. Die älteren Mieter dort fühlen sich gestört, berichtet eine der Mitarbeiterinnen gestern.

"Die Geschäfte führen nicht die Mieter"

Und eben dieses Problem beschäftigt nun auch die Mieter in unmittelbarer Nähe des geplanten Neubaus: "Wir haben einfach Angst um unsere Wohnqualität", sagt Selent. Dabei sei keiner gegen den Neubau, der hier geplant ist, versichert er. Allen sei klar, dass das Wohngebiet eine Einkaufsmöglichkeit braucht. "Doch was wird mit uns?" Ein Markt, so Selent, bedeute schließlich Lärm durch Be-und Entladeverkehr, laufende Kühlaggregate, parkende Kunden und "vielleicht sogar durch Müll oder Trinkgelage". Wie sollten sie dagegen geschützt werden? Genau diese Frage hatten die acht Mieter gestern nämlich ihrem Vorstand stellen wollen. Doch Henry Schulz sei just zu diesem Zeitpunkt zu Gesprächen in Sachen Penny-Markt unterwegs, erklärt seine Mitarbeitern auf Anfrage der Volksstimme und der wartenden Mieter.

Henri Schulz selbst bestätigt das wenig später am Telefon. Ein kurzfristig anberaumtes Gespräch mit dem Bürgermeister habe ihn abgehalten. Ja, sagt Schulz, ein Markt sei geplant. Dass er seiner Informationspflicht gegenüber seinen Mietern nicht nachgekommen sei, will er aber so nicht stehen lassen. "Wenn es losgeht", würden die Bewohner selbstverständlich benachrichtigt. "Aber die Geschäfte führen nicht die Mieter", stellt er klar. Denn noch sei gar nichts entschieden. Das Grundstück sei noch nicht verkauft. Und selbst wenn es so komme, gebe es schließlich Auflagen hinsichtlich des Schallschutzes. "Penny baut da ja nicht einfach so einen Markt hin."

Der WGG sei aber natürlich viel daran gelegen, die freigewordene Fläche wieder zu vermarkten, bestätigt Schulz. Zudem erhalte man für den Stadteil, in dem viele alte Leute leben, die Einkaufsmöglichkeit. "Penny würde sich sonst zurückziehen", sagte er.

Das will Verkaufsleiter Karsten Schöne von Penny gestern so indes nicht bestätigen: Möglicherweise hätte Penny, wäre kein Ausgleichsareal zu finden, "auch noch einmal mit dem derzeitigen Eigentümern in Sachen Mietpreis verhandelt". Allerdings entspräche der Markt derzeit tatsächlich nicht mehr den modernen Standards, die Penny an seine Objekte anlege. "Er ist nicht mehr zeitgemäß", so Schöne. "Zu dunkel, zu klein" und zudem durch die darüber befindlichen Wohnungen ungünstig gelegen.

Die Lösung mit dem Bau eines neuen Marktes sieht auch Siegfried Bärhold, ebenfalls Vorstand der WGG, als optimal an: "Es soll attraktiv für alle Seiten sein", so Bärhold gestern im Gespräch mit der Volksstimme. Der neue Standort sei zentral gelegen und gut erreichbar. Und es sei sogar ein Café geplant, was sicher auch im Sinne der älteren Bewohner sei.

Die Ängste der Mieter im angrenzenden Block kann Bärhold aber trotzdem nachvollziehen. Und auch der geplatzte Termin sei "nicht in Ordnung". Heute will sich der Geschäftsführer der Allgemeinen Wohnungsgenossenschaft Wolmirstedt (AWG) - die seit Jahren die Geschäfte der Gardeleger Genossenschaft führt - deshalb auch selbst mit den beunruhigten Mietern zusammensetzen, ihnen vor allem ihre Fragen beantworten und sie möglicherweise schon einmal dahingehend beruhigen, dass die Zufahrt für Kunden und Lieferanten von der Straße der Freundschaft aus erfolgen soll und dort auch der Parkplatz geplant sei. Entsprechende Pflasterung, Einkaufswagen mit schalldämpfenden Gummierungen oder Carports für die Kunden könnten eine mögliche Lärmbelästigung zudem weiterhin einschränken.

"Ich kann schon das Eröffnungsdatum nennen"

Die Bäume indes, die derzeit noch wie ein grüner Raumteiler zwischen Block und Hauptstraße stehen, werden wohl gefällt werden müssen, so Bärhold. Doch auch hier seien Ausgleichsmaßnahmen (auch die Pflanzung neuer Bäume) und eine Begrünung der Zaunanlagen geplant. Heute finde ein Treffen mit den Investoren statt, so Bärhold, mit denen die Auflagen, vor allem in Sachen Schallschutz, besprochen werden sollen. Der Kaufvertrag enthalte nämlich eine "Rückentwicklungsklausel". Sollte die Baugenehmigung nicht erteilt werden - derzeit liegt der Antrag noch im kreislichen Bauordnungsamt - oder sollten die Auflagen nicht erfüllbar sein, könnte der Investor auch noch abspringen.

Eine Gefahr, die Karsten Schöne von Penny indes nicht sieht: "Meines Wissens ist alles klar", sagt er gestern. "Ich kann Ihnen sogar schon das geplante Eröffnungsdatum (Anfang März 2012) nennen."