Angst im Altmarkdorf

Zeitungszustellerin in Roxförde im Altmarkkreis von drei Wölfen bedrängt

Diese Nacht wird Evelin Drüsedau aus Roxförde so schnell nicht vergessen. Die 69-jährige Zeitungszustellerin wurde in der zurückliegenden Woche bei ihrer Arbeit bedrängt – von drei Wölfen. Sie hätten sie regelrecht durch den Ort verfolgt, sagt sie. Gestern gab es dort einen Termin mit dem Wolfskompetenzzentrum Iden.

Von Conny Kaiser und Elke Weisbach
Sie sollen im Wald bleiben, was sie aber nicht tun. Vor einigen Tagen bedrängten drei Wölfe eine Zeitungszustellerin in Roxförde. Diese hat nun Angst.
Sie sollen im Wald bleiben, was sie aber nicht tun. Vor einigen Tagen bedrängten drei Wölfe eine Zeitungszustellerin in Roxförde. Diese hat nun Angst. Foto: dpa

Roxförde - „Das geht jetzt eindeutig zu weit“, sagt Birgit Matthies. Die frühere Leiterin des Fachbereiches Ordnung in der Stadtverwaltung Gardelegen lebt im beschaulichen Roxförde. Doch was ihr dort nun von einer Mitbewohnerin geschildert wurde, das lässt nicht nur sie beunruhigt zurück. Deshalb hat Birgit Matthies das Wolfskompetenzzentrum Iden eingeschaltet. Und dessen Leiter Andreas Berbig hat sich gestern vor Ort mit Evelin Drüsedau getroffen. Die 69-jährige Zeitungszustellerin hatte nämlich in der vergangenen Woche eine Begegnung der besonderen Art mit Wölfen. Eine, an die sie nur sehr ungern zurückdenkt.

Wie sie gegenüber der Volksstimme schilderte, habe sie sich bei ihrer nächtlichen Arbeit, mitten in Roxförde, mit drei, offenbar ausgewachsenen Raubtieren konfrontiert gesehen. Dass es sich um Wölfe gehandelt habe, das sei auch für sie als Laiin unschwer zu erkennen gewesen, so Evelin Drüsedau. „Eins der Tiere, ein Rüde, war so groß wie ein Kalb“, berichtete sie.

Während ein Wolf sie von der Fahrerseite des Autos her bedrängt habe, hätten sich die anderen beiden auf die Beifahrerseite begeben. „Sie haben mich förmlich umzingelt.“ Sie sei natürlich nicht ausgestiegen, sondern erst einmal weitergefahren. „Aber die Wölfe kamen hinter mir hinterher. Sie haben mich regelrecht verfolgt“, berichtete die Roxförderin. Dass sie ordentlich aufs Gas getreten sei, habe die Tiere nicht gestört. Ihre Arbeit habe sie in dieser Nacht nur mit deutlicher Verzögerung verrichten können.

Eins der Tiere, ein Rüde, war so groß wie ein Kalb.

Evelin Drüsedau, Zeitungszustellerin

Seit 13 Jahren stellt sie nun schon Zeitungen zu. Aber so etwas sei bislang noch nicht vorgekommen. „Ich wollte in der Nacht noch einen Kollegen warnen“, sagte sie. Der sei ihr aber erst einen Tag später wieder begegnet. „Und auch er berichtete, dass er hier schon Wölfe gesehen hat“, so Evelin Drüsedau.

Birgit Matthies weiß ebenfalls, dass die Region Roxförde, wohl auch wegen der Nähe zur Colbitz-Letzlinger Heide, wo es nachweislich Wölfe gibt, immer mal wieder von diesen Tieren heimgesucht wird. Einwohner würden öfter von Sichtungen sprechen. „Und nachts, wenn die Hunde so eigenartig jaulen, dann wissen wir, es sind wieder Wölfe in der Nähe“, so Matthies.

Sie sieht den aktuellen Vorfall mit großer Sorge und hat sich deshalb nicht nur mit dem Wolfskompetenzzentrum, sondern auch mit der Unteren Jagdbehörde beim Altmarkkreis Salzwedel in Verbindung gesetzt. Auch wenn die Zuständigkeit woanders liege, sei es wichtig, dass es auch dort Kenntnis von diesen Vorfällen gebe, sagte sie. Und wenn es vielleicht in naher Zukunft eine Informationsveranstaltung des Wolfskompetenzzentrums vor Ort geben werde, so wie es von dort angeboten worden sei, dann hoffe sie, dass diese von der Bevölkerung auch gut angenommen werde. Denn in diesem Rahmen könne auf die immer wiederkehrenden Vorfälle aufmerksam gemacht werden.

Sie habe, so Matthies, in den vergangenen Tagen mit mehreren Leuten im Dorf gesprochen. Und die seien wie sie der Meinung, dass es bald für die Kinder im Ort gefährlich sei. „In den Wald gehen wir schon gar nicht mehr“, machte sie deutlich. Mit Blick auf den bevorstehenden Herbst und Winter, wenn die Jüngsten im Dunklen zur Bushaltestelle gehen müssten, „haben wir Angst um die Gesundheit und das Leben unserer Kinder.“ Dass die Wölfe seit Jahren in der Region und rund um Roxförde seien, das sei bekannt, berichtete auch der ortsansässige Jäger Friedhelm Schoof . Die Sache, die Evelin Drüsedau passiert sei, die habe jedoch eine neue Qualität. „Ich jedenfalls“, sagte die Zustellerin, „gehe nur noch mit Angst raus.“

Wölfe sehen den Menschen nicht als Beute.

Andreas Berbig, Leiter des Wolfskompetenzzentrum

Und die konnte ihr Andreas Berbig vom Wolfskompetenzzentrum gestern auch nicht nehmen, obwohl er erklärte, dass es in den mehr als 20 Jahren, in denen es wieder Wölfe in Deutschland gebe, keinen Vorfall gegeben habe, bei dem ein Mensch angegriffen worden sei. Auch aus anderen Teilen Europas, in denen der Wolf nie weg gewesen sei, sei nichts Derartiges bekannt. Das würde aufgrund der sozialen Medien nicht verborgen bleiben. Deshalb, so Berbig, „gibt es keinen Grund, nicht in den Wald zu gehen. Wölfe sehen den Menschen nicht als Beute, sind aber neugierig und manchmal auch dreist.“ Doch mit viel Krach und Lärm ließen sie sich verjagen, erklärte er.

Auch dass Wölfe durch die Dörfer gingen, komme nicht selten vor, denn sie würden ihr Revier durchstreifen. Problematisch werde es allerdings, wenn Wölfe das öfter tun und Futter fordern würden. Aus diesem Grund richtete er an Evelin Drüsedau seine Bitte, bei weiteren Vorfällen das Wolfskompetenzzentrum darüber zu informieren. Dann müsse über weitere Maßnahmen nachgedacht werden. Die erste Möglichkeit wäre beispielsweise die Überwachung der Bereiche mit Kameras.