Jerichow l Neugierig drehten sich Passanten des Topfmarktes in Jerichow um. Auch manch Autofahrer stoppte kurz und staunte, als am 10. März Christopher Braunschweig im Kostüm einer „Baywatch-Nixe“ den Topfmarkt fegte. Damit folgte er einer Tradition, die es gebietet, dass Männer, die es mit 30 noch nicht vor den Traualtar geschafft haben, mit Überraschungen rechnen müssen.

Dieser Brauch sei in der Jerichower Region nicht üblich, sagt Johannes Liebig, ein Freund des Geburtstagskindes. Wie vorgehen, bei dem außergewöhnlichen Wunsch des Jubilars? „Wir setzten uns zusammen und überlegten“, so Liebig und kommt darauf zu sprechen, dass so mancher aus dem Freundeskreis solch Neckerei schon erlebt habe, sei es im Urlaub oder beim Arbeiten auf Montage. Wichtig war den Gratulanten, dass keine Schablone angelegt wird und das Geburtstagskind mit seinen „ganz persönlichen Eigenheiten auf die Schippe genommen wird.“ Lokalkolorit sollte ebenfalls eine Rolle spielen.

Eine Runde mit dem Boot unterwegs

Freunde schmückten dazu ein Sportboot aus, versahen es mit einem 30-iger Hinweisschild und koppelten es an einen Pkw „Bootsführer“. Braunschweig genoss in dem Gefährt eine Runde durch Jerichow und das bei strömenden Regen.

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„Er wollte es so haben“, sagte ein Freund. Der Landmaschinenschlosser und Handballtrainer Braunschweig mag es gern mit „viel Tamtam“ und er selbst ist immer für einen Spaß zu haben. Verwandte und Freunde wussten, dass Braunschweig den Schalk hinter den Ohren trägt und ließen sich jede Menge einfallen. Cousin Michael Braunschweig füllte die Schaufel seines Radladers mit Kronkorken, die dann später aus zehn Meter Höhe über das Pflaster des Topfmarktes ausgeschüttet wurden. „Dafür wurde lange für gesammelt“, erzählt Cousin Braunschweig und verschmitzt fügt er hinzu, „und viele haben mitgeholfen.“

Tanz mit Holzpuppe

Für das Treppenfegen, so nennt sich dieser Brauch, entwickelten die Freunde eine richtige Choreografie: Fahrt mit dem Boot durch den Ort, danach Tanzen mit einer selbstgebastelten Holzpuppe, kleine Denksportaufgaben lösen und zu guter Letzt das Zusammenfegen der Tausenden Kronkorken.

Das Treppenfegen ist ursprünglich in Norddeutschland zu Hause. Die Tradition stammt aus Bremen, wo früher die Domtreppe von den unverheirateten Männern gefegt werden musste. Fegen müssen alle Männer, die zum Zeitpunkt ihres dreißigsten Geburtstages ledig sind, dazu gehören alle Männer, die nicht verheiratet oder verlobt sind. Unerheblich ist es, ob der Fegende eine Partnerin hat oder verlobt ist, allein die rechtsgültige Eheschließung und die offizielle Verlobung verhindern den Brauch des Fegens. Frauen mussten die Klinke der Dom-Türen putzen. Beide Bräuche erinnern an eine Strafe, die einem alten Glauben zufolge Menschen erteilt wird, die sich nicht fortpflanzen: Man glaubte, sie müssten später im Jenseits sinnlose Tätigkeiten verrichten.

Bisher keine Heiratspläne

„Topfmarktfeger“ Braunschweig macht da keine Ausnahme. Partnerin Mareike Lehmkühler schmunzelte über die Tradition und gesteht: „Es gibt erstmal keine Heiratspläne.“ Erst im Februar wurden Mareike und Christopher Eltern, zudem trainiert der Jerichower in Güsen die Herrenmannschaft – da bleibt nicht viel Zeit, um sich zu vermählen. Viel Applaus gab es für den fleißigen Feger, als er Fragen beantwortet wie: „Warum fliegen Vögel im Winter in den Süden – weil es zu Fuß zu weit wäre“ oder „Was hört alles und sagt doch nichts – das Ohr.“ Cousine Claudia Braunschweig hat das Ganze initiiert: „Christopher ist der einzige, den ich kenne, der sich zu seinem Geburtstag immer Spiele wünscht.“ Jetzt, zum dreißigsten Geburtstag, hatte sie sich Gedanken gemacht, wie man diesen ganz besonders feiern könne und da lag es nahe, so die Steinitzerin, „auf die norddeutsche Tradition zurückzugreifen.“