Genthin l Der zierliche alte Herr mit dem schütteren weißen Haar versinkt nahezu hinter einem großen Tisch, der reichlich Platz bietet für jene Obstsorten, die er auf Wunsch der Kundschaft bestimmen will. Ein Stuhl, der dem betagten Senior für ein Momentchen ein Verschnaufen ermöglichen soll, ignoriert der eifrige Pomologe hartnäckig. Das körperlich schwere Arbeitsleben eines Gärtners ist ihm nicht unbedingt anzumerken.

Tischdecke mit roten Äpfeln

Dass von den Mitarbeitern der Baumschule eine Tischdecke für diesen Tisch ausgewählt wurde, deren Motiv viele rote Äpfel zeigt, ist an diesem Tag mit Sicherheit kein Zufall.

Der inzwischen 87-jährige Sigurd Schossig, diplomierter Gartenbauingenieur und langjähriger Chef einer Baumschule bei Magdeburg, ist ein erfahrener Experte auf dem Gebiet der Obstbaukunde und hat in seiner beruflichen Laufbahn auch viele Baumschulen beraten. Sein Rat und seine Vorträge sind in ganz Deutschland von Schleswig-Holstein bis zum Bodensee sowie in den europäischen Nachbarländern geschätzt.

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Ehrenamtlich im Dienst

Heute betreibt er die Pomologie nur noch als Hobby, ehrenamtlich reist er im Auftrag des NABU zur Obstbestimmungen durch die Lande. Ganz zur Freude derjenigen, die endlich einmal wissen möchten, welchen Namen ihr Apfel- oder Birnbaum eigentlich trägt und wie man den Baum behandelt, um eine ertragreiche Ernte einzufahren. Dazu gehöre auch die „persönliche Hygiene“, die Zufuhr von Kalk für die Gesunderhaltung des Baumes, lässt Sigurd Schossig am Sonnabend nicht unerwähnt.

Als ehemaliger Chef der renommierten Otterslebener Baumschule kennt sich Schossig mit 450 Apfel- und 196 Birnensorten, 96 Pflaumensorten, 220 Süßkirsch- und 110 Sauerkirschsorten bestens aus. Bis zur Wende beriet er hauptsächlich Gärtner der Kleingartenanlagen, heute kämen Leute aus ganz unterschiedliche Motivationen zu ihm, darunter auch Hobbygärtner, die sich einen Obstgarten neu anlegen wollen und dafür Beratung suchen.

Ein alter Bekannter

Auch in der Genthiner Baumschule an der Magdeburger Straße ist Schossig für Ratsuchende ein guter alter Bekannter. „Eigentlich weiß ich gar nicht, wie oft ich hier schon Beratertage durchgeführt habe. Zwölf, 13, 14, 15 mal oder mehr?“, winkt er ab. In diesem Jahr werden, bedingt durch die Fröste im Frühjahr, nicht so viele Obstsorten wie in den Vorjahren zur Bestimmung vorgelegt, bedauert Sigurd Schossig.

Trotzdem bot der Tag in den Genthiner Baumschulen auch etwas Besonderes. Ein Besucher aus Stendal legte dem Pomologen ein Exemplar der Apfelsorte Zabergäu vor, eine regionale Sorte, die es sonst nur in Baden-Württemberg gibt.

Fachsimpeleien am Tisch

Jemand, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen will, mit Sigurd Schossig stets aufs Neue zu fachsimpeln, ist Karl-Heinz Petzold aus Güsen. „Gespräche mit Sigurd Schossig sind immer wieder eine Bereicherung, die ich nicht missen möchte“, gesteht er. Der Güsener kommt nicht nur mit Obst aus dem eigenen Garten. Ihm nicht namentlich bekannte Äpfel und Birnen, die an Straßen oder Feldrändern meist unbeachtet heranreifen, wecken seine Neugier, so dass er den Rat des gestandenen Fachmanns sucht. Zwei Apfel- und eine Birnensorte hat er am Sonnabend mit in die Baumschule gebracht.

Sigurd Schossig kommt schon bei einer ersten Inaugenscheinnahme des Obstes, übrigens ganz ohne Sehhilfe, zu einem Bestimmungsergebnis. Bei den Äpfel handelt sich um die Sorten Starking und Zuccalmaglio, bei der Birne um die Sorte Alexander Lucas. Kein Problem für Sigurd Schossig, der seinem Gegenüber gleich noch etwas Geschichtliches zu den Sorten nachreichen kann, während er in seiner mitgebrachten Literatur nach Abbildungen der Sorten sucht und schnell fündig wird.

Dass das Internet einer persönlichen Beratung den Rang abläuft, befürchtet Sigurd Schossig in keinster Weise. Das Internet käme erfahrungsgemäß erst bei der Bestellung der Ware zum Zuge.