Stadtgeschichte

Bei den Genthinern ist Sattlermeister Hugo Uhlemann immer noch bekannt

Handwerker kam mit Anfang 20 in die Stadt und war mehr als 75 Jahre in seinem Beruf aktiv.

Von Mike Fleske
Der Genthiner Sattlermeister Hugo Uhlemann an seinem 90. Geburtstag im Jahr 1992
Der Genthiner Sattlermeister Hugo Uhlemann an seinem 90. Geburtstag im Jahr 1992 Archivfoto: Mario Kraus

Genthin

„Mir wäre es ja lieber, die neun umzudrehen und eine sechs daraus zu machen, doch ich habe viele Gründe, mit meinem Alter zufrieden zu sein.“ Humorvoll und mit einem Augenzwinkern, begrüßte der Genthiner Sattlermeister Hugo Uhlemann die zahlreichen Gäste, die ihm zu seinem 90. Geburtstag gratulierten.

1992 war das und der beliebte Genthiner Handwerker wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er noch acht Jahre in der familiären Sattlerei aktiv sein würde.

Mit Ende 90 noch regelmäßig in der Werkstatt

Denn die Werkstatt, das war die Welt von Hugo Uhlemann bis ins ganz hohe Alter. Werkstatt: Der Geruch von Leder, das Arbeiten mit den eigenen Händen, ein funktionsfähiges Werkstück am Ende der Arbeit. Noch mit Ende 90 trafen Kunden ihn in seinem Refugium an. Dort reparierte er Taschen oder wechselte Schlösser an Ledermappen aus.

Dass er einmal so etwas wie ein Genthiner Original werden würde und mit über 70 Jahren Berufszeit ein Unikat in Sachsen-Anhalt, an der Wiege gesungen, war ihm das nicht. 1902 kam er auf die Welt und ein Inserat brachte ihn 1923 nach Genthin. Kurz zuvor hatte er seine Meisterprüfung in Riesa bestanden.

Dabei hatte kaum jemand Notiz von dem jungen Sattlergesellen genommen, als er damals in seine künftige Heimat kam. Die Menschen hatten mit anderen Problemen zu kämpfen. „Es herrschte Inflation. Das Geld war nichts mehr wert. Ein Paar Schuhe kosteten 1600 Mark.

Retter des Genthiner Bieres

Daran kann ich mich noch erinnern, weil ich so viel wöchentlich verdient habe“, blickte er einmal zurück. Zwei Jahre arbeitete er bei Sattlermeister Bergemann, dann machte er sich selbstständig und übernahm dessen Werkstatt. Ein langes Arbeitsleben begann.

Und noch eine Geschichte aus seinem Mund kennen die älteren Genthiner noch: „Es muss in den 30er Jahren gewesen sein, da wurde ich zum Retter des Gerstensaftes.“ In der Genthiner Brauerei war der Hauptantriebsriemen einer Dampfmaschine gerissen.

Die gesamte Produktion geriet ins Stocken. Hugo Uhlemann musste ran. Er behob die Havarie, indem er den Lederriemen wieder zusammenflickte. Als Dankeschön gab es neben der Bezahlung einen Kasten Bier gratis.

Im langen Arbeitsleben viele Lehrlinge ausgebildet

Uhlemann wurde zu einem bekannten Mann in der Stadt, gründete eine Familie, förderte die Sangeskunst, war passives Mitglied und auch Sponsor des Männerchores „Liedertafel“, der ihn später zum Ehrenmitglied ernannte. In den Jahrzehnten seiner Tätigkeit sorgte er außerdem für den guten Ruf des Genthiner Handwerks, sowohl als Selbstständiger, aber auch als Obermeister und als Lehrer.

Viele Lehrlinge, darunter auch sein Enkel Edward, sind von ihm ausgebildet worden. „Was er noch im hohen Alter auf dem Kasten hatte, war bewundernswert“, sagte Uhlemanns Enkel einmal. Ratgeber und Unterstützer war ihm der Großvater viele Jahre.

Uhlemann war über die Jahre der Wende hinaus aktiv, trotz seines fortgeschrittenen Seniorenalters. 1999 beging Uhlemann sein 75-jähriges Meisterjubiläum. Das war seinerzeit ein solches Ereignis, dass sich nicht nur die Volksstimme, sondern auch eine Boulevard-Zeitung, Radio und Fernsehen dafür interessierten.

Meisterjubiläum war scherzhaft „Theater“

„So ein Theater deswegen zu machen“, murrte Uhlemann nicht ganz ernst, um gleich darauf einen Haarschneidetermin vorzuverlegen. Er wolle nicht ins Fernsehen, ohne beim Friseur gewesen zu sein.

Es muss wohl diese Mischung aus Humor, Beharrlichkeit und Schaffenskraft gewesen sein, die den Sattlermeister in der Stadt beliebt und bekannt machten. Als er im Jahr 2000 mit 98 Jahren starb, nahmen die Genthiner Anteil. Sein Betrieb wurde danach von seinem Enkel Edward Kurth weitergeführt.