Zabakuck/Genthin l Sie nennen sich selbst voll Stolz Trassniks. Die schon legendären Trassenbauer der „Drushba-Trasse“, „Trasse der Freundschaft“ und der „Erdgastrasse" trafen sich über das verlängerte Wochenende um den Himmelfahrtsfeiertag im Touristenzentrum Zabakuck.

Gemeinsame Erinnerung

Über vierhundert Kollegen, Gefährten und mittlerweile Freunde saßen, erzählten und feierten zusammen. Aus Sachsen-Anhalt und der halben Welt reisten die Gäste an, die eines verbindet: am ersten Auslandsprojekt der DDR beteiligt gewesen zu sein. „Umso älter wir werden desto enger rücken wir zusammen“, so Olaf Münchow, der Organisator des Treffens. Angefangen hatten die Treffen am Seddiner See im benachbarten Brandenburg.

Den Organisatoren dort wurden die jährlichen Treffen zu viel. So kamen viele Trassniks auf Münchow zu: „Olaf, kannste nich mal – du kannst das doch.“ Olaf Münchow ist leidenschaftlicher Camper, er zieht auf den Zeltplätzen der Republik regelmäßig seinen Zündschlüssel aus dem Schloss seines Wohnmobils.

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Optimale Bedingungen

Auf der Suche nach einem Veranstaltungsort für die ersten Trassentreffen außerhalb Seddins fiel ihm sofort Zabakuck ein. „Hier sind die Bedingungen einfach optimal und mit Frau Hörschel wurden wir uns schnell einig.“ Seit 2006 treffen sich alle zwei Jahre die Trassenbauer auf dem Gelände des Touristenzentrums – und fühlen sich wohl. Münchow war einst „Kulturnik“ – eine humorvolle Entstellung der Bezeichnung des „Verantwortlichen für Kulturwesen an der Trasse“.

Er hat das Organisieren im Blut. Menschen zusammenzubringen, Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, war seine tägliche Aufgabe in den für Mitteleuropäer unvorstellbaren Weiten der Ukraine, „Da waren wir schon mal Stunden unterwegs, egal bei welchem Wetter - Kultur war immer vorn dabei.“

Folklore am Eingang

Jetzt trifft man sich zum siebenten Mal in Zabakuck und bietet hier eine Folklore, die fast allen hartgesottenen Männern und ihren nicht weniger resoluten Frauen das Herz erweichen lässt. Schon an der Zufahrt stehen zwei Damen in bunt besticktem Leinen und einem geflochtenen Kranz im Haar – in typisch ukrainischer Landestracht und begrüßen die Gäste. Es tritt auch ein russischer Volkschor auf und über dem Platz schallen die Lieder der Trassenzeit. Die einzelnen Gewerke finden sich in Gruppen zusammen, bauen Zelte auf, stoßen das erste Mal an.

Die Arbeitsbereiche, im Sprachgebrauch der Trassniks Gewerke genannt, erkennt man an ihren Maskottchen und Symbolen. So steht am Areal der Kraftfahrer, Baumaschinisten und Schlosser selbstredend ein Lenkrad und aufgestellt auf einem Raupenkettenglied, mehrere Miniaturausführungen von Kränen, Lkw und andern Baumaschinen. „Wir wurden die Schwarzen genannt“, erzählt Karl-Heinz Kieschnick. Seine Truppe habe für „Bewegung“ gesorgt.“

Bei jedem Wetter gearbeitet

Versorgungsfahrten zwischen Baustellen, die Arbeiter von den Stützpunkten zu den einzelnen Bauabschnitten bringen und abholen und das alles im Schichtsystem. „Unser größter Feind war das Klima. Bodenloser Morast nach Regen und über 30 Grad Kälte im Winter. „Es wurde immer gearbeitet“, sagt er voller Stolz. „Bin ich mit meinem Lkw doch mal steckengeblieben, dann zündete ich einen alten Autoreifen an. Meist kam wenig später ein Raupenschlepper und zog mich wieder raus.“ Autoreifen als Signalgeber, dass man in Not geraten war, führten die Kraftfahrer immer mit – Funkgeräte oder gar Mobiltelefone gab es nicht.

Nachdem 1966 bei Urengoi im nördlichen Sibirien eines der gewaltigsten Erdgasvorkommen der Welt entdeckt worden waren, beschloss die damalige Sowjetunion, diesen Reichtum gewinnbringend zu veräußern - und schloss einen Vertrag mit der BRD.

An 550 Kilometern gearbeitet

Von Sibirien im Osten bis zu den Karpaten im Westen sollte, die rund 2750 Kilometer lange Erdgasleitung führen. Um sie zu erbauen, rief die Sowjetunion DDR-Bürger ebenso wie Polen, Tschechen, Ungarn und Bulgaren auf den Plan. Jede Nation bekam einen Streckenabschnitt zugewiesen.

Für den Bau erhielt sie kostenlose Erdgaslieferungen. „Drushba-Trasse“, hieß der Streckenabschnitt, den die DDR zu erbauen hatte. An den 550 Kilometer zwischen Ost- und Westukraine arbeite die Elite der DDR-Facharbeiter. Das Projekt war so bedeutend, dass es als „zentrales Jugendobjekt der Freien Deutschen Jugend“ eingestuft wurde.

Hilfe für frühere Kollegen

Die Trasse bot für mehr als 25.000 Erbauer beides – Arbeit und Abenteuer. Das schweißt zusammen. In Internetforen oder Facebook-Gruppen pflegen die ehemaligen Trassenbauer, regen Kontakt. „Es war schon etwas ganz Besonderes, an der Trasse mitgearbeitet zu haben, es war meine Jugend und die schönste Zeit meines Lebens“, so Andreas Heinze aus Raguhn.

Die Jahre gehen nicht spurlos an den Trassniks vorbei. Mancher Hilfe und Zuwendung, wenn Krankheit und Alter zuschlägt. Darum haben die Organisatoren um Olaf Münchow eine Aktion ins Leben gerufen „Trassenerbauer hilft Trassenerbauer“. Hier werden Souvenirs und Bücher verkauft. Mit den Erlösen werden Kollegen und Freunde unterstützt, denen es nicht so gut geht, erklärt Münchow.