Jerichow l Der amerikanische Lebensweg beherrschte am Sonnabend das zehnte Oldtimertreffen auf dem Domänenhof des Klosters Jerichow. Hunderte Oldtimerfreunde stellten ihre Fahrzeuge vor. Vom Kinderfahrrad bis zum Cadillac, von der NSU bis zur ETZ - was in der DDR gebaut wurde und mindestens zwei Räder hatte, war zu beschauen.

Auf dem Höhepunkt des Treffens staunten etwa 1500 Oldtimer-Liebhaber, Besucher und befreundete Vereine über so manch Unikat. „Es werden von Jahr zu Jahr mehr“, freut sich Gerold Giese, Vereinsvorsitzender der Jerichower Oldtimerfreunde.

Zweiräder

Auffällig ist die hohe Anzahl an Zweirädern. Organisator Gerold Giese: „Wir haben den Ruf, ein Motorradclub zu sein, dabei sind wir Oldtimerfreunde ohne Spezialisierung.“ Dass der Verein in der Szene als motorradlastig gilt, sei Zufall.

Bilder

Einer, der dem Ruf des Jerichower Vereins Vorschub leistet, ist Uwe Kemnitz. Mit dem Mikrofon in der Hand geht er von Motorrad zu Motorrad, stellt den Eigentümer vor, lässt sich die Geschichte der Restauration und die wechselvollen Besitzverhältnisse erklären. Mit fachmännischem Blick und präzisem Ausdruck weist Kemnitz auf jede noch so kleine Besonderheit der Maschinen hin. „So gab es bei dem beliebten Motorrad ETZ 250 auch eine Exportversion“, erklärt er, „die unterschied sich unter anderem in der Verwendung eines anderen Vergasers und der Motor lief mit einer Getrenntschmierung.“ Auch gibt er Antwort, warum die Ost-Motorräder immer noch so beliebt sind: „Es gibt einfach noch für alles Bauteile, selbst in den Motoren wurden Standard-Lager, Schrauben oder Dichtungen verarbeitet.“ Und die bekomme man immer zu kaufen.

Bier und Brause

Viele Vereinsmitglieder wirkten im Hintergrund, nur erkennbar an den Vereins-T-Shirts. Sie zapften Bier und Brause, verkauften Kuchen, standen an der Gulaschkanone oder wiesen neu ankommende Oldtimerfreunde in ihre Stellflächen ein.

Auch die Unterstützer der Jerichower Oldtimerfreunde trugen das Nikki des Vereins. „Ohne unsere Helfer und vor allem unsere Frauen und Freundinnen wäre so eine Veranstaltung gar nicht möglich“, so Gerold Giese. Verwundert guckt er immer wieder über den Domänenhof, wo sich die Aussteller wie Ameisen tummeln: „Was manche für Raritäten mitbringen, wundert mich jedes Jahr erneut.“ Einige Oldtimerfreunde kamen mit Anhängern, auf denen sie gleich mehrere Gefährte fest gezurrt hatten, darunter verschiedene Motorräder aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Raritäten

Zu den Besitzern solcher Raritäten gehört unter anderem Peter Lott aus Stendal. „Ich bin mit meinem IFA F9 Roadster hier, er ist einer von zwei Nachbauten des Prototyps.“ Der F9 Roadster, also die Sport-Ausführung des F 9, hat eine bewegte Geschichte. „Der F 9 wurde 1948 auf der Frühjahrsmesse in Leipzig offiziell vorgestellt“, so Lott. Es war für seine Zeit ein modernes und formschönes Auto – der „Traumwagen des Osten“. Doch die Parteiführung sah in dem Sportwagen „ein Gefährt für Snobs“, erzählt Lott, die DDR brauchte Limousinen und keine Sportwagen. Der Prototyp wurde offiziell verschrottet, verschwand jedoch unter einer Plane und der Cheffahrer des Generaldirektors der Vereinigten Volkseigenen Betriebe (VVB) erwarb das Fahrzeug als Privatperson. Der F9 brachte es danach auf insgesamt 10 Besitzer. Peter Lott baute den F9 Roadster mit Hilfe von Originalzeichnungen und Fotos neu auf.

„Neun Jahre habe ich gebraucht“, so der Bastler, „dann stand der F9 wieder auf der Straße – wie vor 66 Jahren.“