Genthin l Eine schwere Erreichbarkeit von Krankenhäusern gerade bei akuten Erkrankungen wie etwa Schlag­anfällen oder Herzinfarkten und ein nicht flächendeckendes Angebot an ambulanten Gesundheits- und Pflegediensten. Die Mängelliste des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) in dessen „Drittem Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume“ ist mit Blick auf die Gesundheitsversorgung auf dem Land deutlich. „Krankenhäuser der Regelversorgung sind in rund 100 Landkreisen mit dem Pkw im Mit­tel erst in 20 bis 30 Minuten zu erreichen, während dies in den meisten kreisfreien Städ­ten im Mittel in 5 bis 10 Minuten möglich ist.“ Bedeutet, in einem Drittel der deutschen Landkreise sind die Wege lang, auch zu Fachärzten. Diese seien in Städten zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar. Landbewohner bräuchten stattdessen mit dem Rad gut und gerne 25 bis 50 Minuten. Ergebnisse, die auch in Genthin auf Interesse stoßen, ist man hier doch seit dem Jahr 2017, als das Krankenhaus geschlossen wurde, im Gespräch mit dem Sozialministerium und möglichen Trägern für eine Notfallversorgung.

„Ich begrüße, dass sich das Landwirtschaftsministerium mit den Belangen des ländlichen Raumes beschäftigt“, sagt etwa SPD-Stadtrat Horst Leiste. Er hat die Lage der Gesundheitsversorgung immer wieder in städtischen Gremien angesprochen. „Durch den Wegfall des Genthiner Krankenhauses sind nun die umliegenden Häuser in Burg, Stendal und Brandenburg massiv überlastet, was diese Überlastung gerade in Corona-Zeiten bedeutet, möchte ich kaum beschreiben.“

Wie schnell kommen Erkrankte ins Krankenhaus?

Er wünsche sich, dass der Rettungsdienst im Jerichower Land einmal überprüft, wie schnell Menschen bei einer akuten Erkrankung tatsächlich ins Krankenhaus gebracht werden können. „Dazu gehört auch die Anfahrt zum Patienten und die eigentliche Fahrt ins Krankenhaus.“ Für ihn bestehe die Forderung nach einer Notaufnahme in der Nähe nach wie vor. Eine Forderung, die auch der Vorsitzende der Genthiner Stadtsenioren Heinz Köppe unterstützt, Köppe ist zudem als sachkundiger Einwohner Mitglied im Medizin-Ausschuss der Stadt Genthin. „Im Moment sind viele Straßen gesperrt, eine Fahrt ins nächstgelegene Krankenhaus könnte möglicherweise sogar 30 bis 40 Minuten dauern“, findet er. Zu lange. „Wir setzen uns weiterhin für eine stationäre 24-Stunden-Notversorgung ein, keine mehrstündige Anlaufstelle, sondern rund um die Uhr.“ Es sei gut, dass die Stadt mit möglichen Trägern und Sozialministerium im Gespräch bleibe.

Kritisch bewerten die Stadträte Gordon Heringshausen (CDU) und Lutz Nitz (Bündnis 90/Die Grünen) den Ministeriumsbericht. Heringshausen, im Beruf Studiengangleiter Gesundheitspädagogik, sieht in dem Bericht nicht viel Neues. „Praktikable und zeitnahe Lösungen für die aktuellen Probleme sind nicht erkennbar. Ziel müsste es doch sein, gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland dahingehend zu schaffen, dass eine gut erreichbare, wohnortnahe Gesundheitsinfrastruktur für alle Bürgerinnen und Bürger gesichert ist.“ Er sehe derzeit keine politische Bereitschaft auf Bundes- und Landesebene, sich dieser Probleme wirklich anzunehmen. Allerdings wäre zum Beispiel eine wohnortnahe stationäre Versorgung, insbesondere für die Grundversorgung und für altersbedingte Erkrankungsbilder, dringend notwendig, denn nur so bestehe auch die Möglichkeit einer familiennahen Versorgung. Heringshausen sieht Politiker, Leistungserbringer und Kos-tenträger in der Verantwortung. „Letztendlich ist festzustellen, dass auch die von Jens Spahn angestrebte Reform der Notfallversorgung in Deutschland und das anvisierte Bundesvorhaben „Zukunftsprogramm Krankenhäuser“ für Gebiete wie Genthin keine wirkliche Entlastung bringen wird.“

Lutz Nitz, Mitglied im städtischen Medizinausschuss, sieht bei Bund und Kassen die Bestrebung bewusst, dass Kliniksystem ausdünnen zu wollen und von außen regulierend einzugreifen, „weil, das hört man sogar in unserem Stadtrat, einige Kliniken nicht leistungsfähig wären.“ Er hätte sich vor Jahren eine Spezialisierung von Krankenhäusern gewünscht, um ihnen eine Daseinsberechtigung zu ermöglichen. „Könnte man sich noch einigen, dass der Ansatz von Schließungen und Zusammenlegungen in und um Großstädte mit vielen Krankenhäusern gleicher Funktion der richtige ist, so muss man aber eindeutig feststellen, dass diese Idee im ländlichen Raum nur Schaden und Vertrauensverlust in die Gesundheitspolitik gebracht hat.“ In Genthin sei sogar eine Tradition der Gesundheitsversorgung verloren gegangen. Von Tradition werde man zwar nicht gesund, „aber ein kleiner Standort im ländlichen Raum bringt vor allen Dingen älteren Bürgern, Familien mit Kindern Sicherheit und Vertrauen in die Medizin.“ Er findet, dass die zuständigen Landesminister handeln müssten, anstatt immer wieder von Neuem zu diskutieren.