Vom Schmelzen bis zum Gießen

Glockenguss als sehr altes Handwerk war auch einst im Mittelalter im Elbe-Havel-Winkel beheimatet

Glockengießen ist eine sehr aufwendige Handarbeit. Die seit Jahrhunderten fast unveränderte Produktion kann nicht durch moderne Fertigungsmethoden oder Billigimporte aus Fernost ersetzt werden. Auch im Elbe-Havel-Winkel war dieses Handwerk einst zu Hause.

Von Thomas Skiba
Glocken wurden ab einer bestimmten Größe vor Ort gegossen, die Transportwege erlaubten früher keine schweren Lasten. Aus diesem Grund wanderten die Glockengießer dorthin, wo ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, um dann weiterzuziehen.
Glocken wurden ab einer bestimmten Größe vor Ort gegossen, die Transportwege erlaubten früher keine schweren Lasten. Aus diesem Grund wanderten die Glockengießer dorthin, wo ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, um dann weiterzuziehen. Foto: Thomas Skiba

Jerichow - „Festgemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt.“ Lange bevor Friedrich Schiller mit seinem Lied von der Glocke Ende des 18. Jahrhunderts ein altes Handwerk literarisch verewigte, hat man in unserer Region schon Glocken gegossen. Von der Jerichower Klosterkirche gehen besondere Impulse aus, heißt es in einem älteren Gemeindebrief für den Pfarrbereich Jerichow. Warum? Im nördlichen Turm der Jerichower Klosterkirche hängen zwei bedeutende mittelalterliche Glocken. Doch es waren einmal vier. Die kleinere der heute noch vorhandenen Glocken hat die Form eines Zuckerhuts und stammt aus der Zeit um 1300. Sie trägt eine bemerkenswerte Inschrift: „Tamo me fecit“ (Tamo hat mich gemacht). Mit diesen Worten tritt ein Glockengießer selbstbewusst aus der Anonymität des Mittelalters heraus und bringt sein Werk zum Sprechen. Wer war dieser Tamo? Auf jeden Fall ein Mann, der sich mit dem Schmelzen, Verbinden und Gießen von Metall auskannte.

Zweiundzwanzig Teile Zinn und achtundsiebzig Teile Kupfer, so lautete die optimale Zusammensetzung der „Glockenspeise“ genannten Bronze. Um Kirchenglocken herzustellen, muss man zunächst ein Wachsmodell anfertigen, welches auf einen Kern aus Lehm und Ziegelsteinen geformt wird. Über die Wachsschicht wird eine weitere Lehmschicht aufgetragen. Nun wird das Wachs geschmolzen und in den Hohlraum Bronze gegossen. Nachdem die Glockenbronze ausgekühlt ist, wird die Lehmform zerstört und man erhält die gegossene Glocke. Glocken werden traditionell freitags um 15 Uhr gegossen, was an die Sterbestunde Jesu Christi erinnern soll. Bereits morgens in aller Frühe wird der Schmelzofen angefeuert, damit die Glockenspeise schmilzt. Hat die Bronze eine Temperatur von zirka 1100 Grad Celsius erreicht, kann der Guss beginnen. Wenn die rot glühende Glockenspeise aus dem Ofen fließt, Rauch aufsteigt und Gase abbrennen, hat der Glockenguss seinen Höhepunkt erreicht. Die gegossenen Glocken müssen in der ausgehobenen Glockengrube noch einige Tage auskühlen, bis sie aus ihrem Mantel befreit werden können. Dann wird mit der Stimmgabel geprüft, ob der Guss gelungen ist und die Glocke wie gewünscht erklingt.

Eine Glocke hat 50 Klangfarben

Der Klang einer Glocke wird durch die Form beim Guss festgelegt. Entscheidend für den Ton einer Glocke sind ihre drei Parameter: Durchmesser, Höhe und Wandstärke, die sogenannte Rippe. Je nach Größe dieser drei Parameter verändert sich der Ton. Der Klöppel sollte dabei immer den vierzigsten Teil des Gewichts der Glocke betragen. Eine Glocke hat etwa 50 Klangfarben, einen Grund-, Unter-, Prim-, Terz-, Quint- und Oberton, die in ihrer Gesamtheit den hörbaren Ton der Glocke bestimmen. Bei jedem Klöppelschlag lobt die Glocke den Meister, denn der Text schwingt verschlüsselt im hellen Klang mit, sind sich die Freunde des liturgischen Musikinstruments sicher.

Mitteldeutschland mit dem Großraum Harz gilt als die Wiege des deutschen Glockengusses. Hier fanden ab dem 8. Jahrhundert verstärkt Klostergründungen statt, und es stand das Fachwissen der Mönche und die Bodenschätze des Harzes und Mansfelder Landes, Kupfer und Zinn, zur Verfügung. Erst ab dem 12. Jahrhundert traten verstärkt Wandergießer auf, die die inzwischen auch größer werdenden Glocken vor Ort gossen. Tamo muss so ein Handwerker gewesen sein, der sein Werk verrichtete und dann weiterzog.

Wenig über den Meister bekannt

Von der zweiten erhaltenen Glocke ist nur der Name bekannt: Osanna. Der Meister, der sie goss, verliert sich im Nebel der Geschichte. Der Dreißigjährige Krieg bedeutete einen ganz tiefen Einschnitt in der Kunst des Glockengusses. Es wurden nicht nur viele Glocken vernichtet und zu Kanonen gegossen, sondern die Kunstfertigkeit und das Wissen, von Generationen von Glockengießern immer vom Vater zum Sohn weitergegeben, wurde jäh unterbrochen. Das hatte seinen Grund – die Glockengießer mussten jetzt Bronzekanonen gießen.

In die Glockenform wurden Sprüche, Heiligenfiguten oder Ornamente eingearbeitet.
In die Glockenform wurden Sprüche, Heiligenfiguten oder Ornamente eingearbeitet.
Foto: Skiba
Dieses Glockenjoch hat ausgedient. In der Redekiner Kirche kann die Aufhängung samt Klöppel besichtigt werden.
Dieses Glockenjoch hat ausgedient. In der Redekiner Kirche kann die Aufhängung samt Klöppel besichtigt werden.
Foto: Skiba