Jerichow l „Mit zwölf Motorrädern sind wir unterwegs“, sagt Anke Kemnitz und mit dabei sind nur Maschinen, die früher in der DDR gebaut wurden. Zur Strecke sagt Vereinsvorsitzender Gerold Giese, dass sie fernab der Schnellverkehr-Straßen verläuft. „Autobahnen und bestimmte Fernstraßen schließen wir bewusst aus, denn das Reisen ist das Ziel“, so der Oldtimerfreund.

Über Ziesar, Jüterbog, Hoyerswerda streben die Frauen und Männer auf ihren heißen Öfen Bautzen an. Hier dient ein Ferienhaus als Stützpunkt für die täglichen Ausflüge, so Giese weiter. „Das ist ja auch ein Dreiländereck – Deutschland, Polen, Tschechien und wir wollen überall mal vorbeischauen.“

Museen mit Oldtimer-Schwerpunkt

Warum in diesem Jahr Bautzen, so die Frage an die Mitglieder: wegen der Museumslandschaft. So gebe es in Cunewalde, Großschönau und Kirschau, allesamt nur eine halbe Stunde von Bautzen entfernt, Technikmuseen mit Schwerpunkt Oldtimer. Das sei der ausschlaggebende Punkt gewesen, so Giese, in das Sorbenland zu reisen.

Bilder

Zu Himmelfahrt Tour mit Einschränkungen

In den Jahren zuvor fanden die gemeinsamen Ausfahren zu Himmelfahrt über ein verlängertes Wochenende statt. Im Sommer, zur Urlaubszeit, schloss sich eine Wochentour ins Ausland an. „Doch dieses Mal mussten wir notgedrungen alles umwerfen“, sagt Fred Lücke schon bei den Vorbereitungen. Himmelfahrt gab es nur mit Einschränkungen: Keine Fahrten über Sachsen-Anhalt hinaus und Unterkünfte waren auch geschlossen.

Also blieb den Oldtimerfreunden nur abzuwarten. „Das hinderte uns ja nicht zu planen und innerlich ließen wir uns schon den Wind ums Gesicht wehen“, schwärmt Lücke. Mit der Aussetzung der Reisebeschränkungen wollten die Frauen und Männer starten, nur eben eine ganze Woche, um dafür die Auslandstour ausfallen zu lassen. „Da sind zu viele Unbekannte, die das Planen erschweren“, sagt Vereinschef Giese. In gemeinsamer Runde erinnern sie sich an ihre bisher längste Tour – nach Polen und Masuren. „Mit der Fähre ging es erst nach Danzig und von da aus mit ihren Motorrädern und dem Werkstatt-Bus plus Anhänger von Allenstein, Lyck bis Rastenburg.“ Die heutigen polnischen Orte Gdansk, Olsztyn, Elk und Ketrzyn.

Rast in Pasym

In der masurischen Kleinstadt Pasym am Großen Kalbensee hielten sie auf dem rechteckigen Parkplatz im Zentrum und machten Rast. „Nach und nach kamen immer mehr Menschen zusammen und bestaunten uns und unsere Motorräder“, sagt Lücke.

Da dauerte es nicht lange, so der Oldtimerfreund weiter, und der Bürgermeister erschien, um sie in das Rathaus einzuladen. „Wir erlebten hier großartige Gastfreundschaft und schöne Stunden.“

Unterwegs wird nicht lange geschraubt

Bei ihren Touren, ob In- oder Ausland, gelten für die Motorradfreunde mehrere selbst aufgestellte Regeln. Zum einen fahren die Frauen und Männer immer mit Warnwesten und zum anderen wird bei einen Defekt an einer Maschine nicht lange geschraubt. „Bei uns gibt es den klaren, praktischen Grundsatz“, sagt Andreas Fromm, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig: Was nicht innerhalb einer Zigaretten-Pause repariert werden könne, komme auf den Anhänger! „Dann wird es an der Unterkunft wieder fit gemacht.“

Die Übereinkunft habe sich bei den Ausfahrten bewährt, betont Fromm und so komme die Truppe immer pünktlich ans Ziel. Der Werkstattbus mit Anhänger mache auch anderweitig Sinn, erklärt Gerold Giese, „nicht, weil die Motorräder ständig kaputt gehen“, sondern um Nachzüglern das Mitfahren zu ermöglichen.

Nicht nur Club für Motorradfans

So auch bei der aktuellen Tour. Ein Vereinsmitglied reist nach und stößt erst in Bautzen zur Truppe. Also schnallen Fromm und Giese das Motorrad desjenigen auf den Anhänger und übergeben es vor Ort an den Nachzügler. „Wir haben den Ruf, ein Motorradclub zu sein, dabei sind wir Oldtimerfreunde ohne eine Spezialisierung.“ Doch bei der Ausfahrt haben Räder der Marken MZ ES, Java und ETZ Vorrang vor ihren vierrädrigen Altersgenossen. Denn Mopeds und Motorräder gelten bei den Jerichowern – und nicht nur bei ihnen – als fahrende Erinnerungen ihrer Jugendzeit. Daran denken die Mitglieder um Giese, Fromm und Lücke gern zurück.

Dass der Verein in der Szene als motorradlastig gilt, ist purer Zufall, so Giese, „es ist einfach so gewachsen.“ Der Verein wurde 2013 gegründet, sein Stützpunkt befindet sich auf dem Domänenhof der Klosteranlage Jerichow. Hier schrauben und fachsimpeln die insgesamt 25 Mitstreiter des Vereins, „von 19 bis 79“. Der jüngste, erzählt Fred Lücke, baue gerade seinen ersten Trabant auf, „zusammen mit seinem Opa.“

In diesem Jahr falle zudem das mittlerweile überregional bekannte „Oldtimertreffen am Kloster“ leider aus, informiert Gerold Giese und hofft, dass aber im Jahre 2021 wieder alles seine normalen Bahnen nehmen kann.