Genthin l „Die Flüchtlinge kriegen das Geld ja nachgeschmissen, und für uns ist nichts da!“, zetert eine Person. „War vor der Flüchtlingskrise mehr Geld für dich da?“, antwortet ihr Gegenüber. Der Schreihals gerät ins Stocken, verstummt dann vollends ...

Provokante Aussagen

Diese Szenerie hat sich im Genthiner Lindenhof abgespielt, aber keineswegs an einem Stammtisch. Es war eine Übung, in der es darum ging, den Gegner mit provokanten Aussagen zu konfrontieren. Dieser wiederum hatte die Aufgabe, ruhig und möglichst sachlich zu antworten, um so dem Gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Ich habe selbst schon einmal an einem solchen Argumentations-Workshop teilgenommen und wollte das auch unseren Ehrenamtlichen ermöglichen“, sagt Elke Förste vom Landesverband Sachsen-Anhalt der Arbeiterwohlfahrt in Genthin (AWO). Sie hat die Veranstaltung im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ mitorganisiert. Als Dozenten wirkten Georg Schütze und Robin Trabert vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Neben Mitgliedern der AWO beteiligten sich auch Erzieher, Sozialarbeiter und andere Menschen mit sozialen Berufen, in denen man häufig in Diskussionssituationen gerät.

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Argumentieren gegen Fremndenfeindlichkeit

Hauptthema war das Argumentieren gegen flüchtlingsfeindliche Aussagen. Auch wenn die Anzahl der Flüchtlinge in Genthin wieder stark abgenommen hat. Ende 2015 gab es in Genthin mehrere hundert Flüchtlinge, die auf ihre Anerkennung warteten. „Aktuell leben in Genthin 92 Personen mit einer Flüchtlingsanerkennung“, heißt es seitens des Landkreises. Dennoch seien Ressentiments nach wie vor häufig zu hören. Beispielsweise bei Gesprächen auf dem Marktplatz, weiß Stadtsenior Ernst Börner aus eigener Erfahrung zu berichten.

Doch sind die Orte, an denen die Teilnehmer mit solchen Diskussionen konfrontiert werden, bei Weitem vielfältiger: Bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Sport, bei Partys, in sozialen Medien – „eigentlich also überall“, lautete das Fazit.

Diskussionen an der Festtafel

Das führte direkt zum nächsten Punkt: Was hemmt die Teilnehmer beim Argumentieren? Dabei wurden unter anderem persönliche Beziehungen genannt. „Man möchte mit der Diskussion ja nicht die Weihnachtsfeier sprengen“, wurde ein Beispiel angebracht. Auch Hierarchiedenken wurde erwähnt. So gehe man einer Diskussion lieber aus dem Weg, wenn man weiß, dass der Vorgesetzte anders denkt, als man selbst.

Bei der Frage, was mit einer Diskussion erreicht werden soll, waren sich die Teilnehmer einig: Toleranz, Fairness, sozialer Frieden und weniger Sozialneid. Ebenso, was beim Argumentieren hilft: Lebenserfahrung und Hintergund- sowie Faktenwissen waren zentrale Punkte.

Auch Selbstbewusstsein wurde als Voraussetzung genannt. Dieses zu stärken war ein wesentlicher Bestandteil des Workshops und wurde unter anderem mit der Übung „Kugellager“ trainiert. Dabei ging es darum, trotz harscher Vorwürfe Haltung zu wahren und sachlich dagegen zu argumentieren. Auch weitere Übungen und der konstruktive Austausch untereinander gaben den Teilnehmern Hilfsmittel zum Argumentieren an die Hand.

Offenes Ohr für Argumente

Zudem sei es wichtig, ein offenes Ohr für die Argumente der Gegenseite zu haben. Auch wenn schnell deutlich wurde, dass Fakten beim Argumentieren unerlässlich sind, mussten sich die Teilnehmer eingestehen, damit nicht bei allen Diskussionsgegnern durchdringen zu können. Versuchen müsse man es dennoch, herrschte Einigkeit.

Der Workshop sei bei allen Teilnehmern gut angekommen, resümiert Elke Förste. So gut, dass eine Folgeveranstaltung im Herbst geplant ist.