Heimatfotorätsel

Leser über die Brandenburger Straße in Genthin

Die heutige Brandenburger Straße ließ die Volksstimme-Leser in nostalgische Rückschauen abtauchen. Sie erzählen beim Heimatfotorätsel von Erlebnissen im Café Hahn, der Notenbank und der Apotheke in Genthin.

Von Natalie Preißler 09.08.2021, 19:15 • Aktualisiert: 10.08.2021, 12:14
Die Brandenburger Straße, zur Zeit der Nationalsozialisten Adolf-Hitler-Straße und zu DDR-Zeiten in die Ernst-Thälmann-Straße umbenannt, ist bis heute Mittelpunkt der Genthiner Innenstadt.
Die Brandenburger Straße, zur Zeit der Nationalsozialisten Adolf-Hitler-Straße und zu DDR-Zeiten in die Ernst-Thälmann-Straße umbenannt, ist bis heute Mittelpunkt der Genthiner Innenstadt. Foto: Natalie Preißler

Genthin - „Eine besondere Geschichte hat das erste Gebäude auf der rechten Seite. Hier eröffnete 1846 die Witwe Börsch die erste Konditorei der Stadt“, schildert Falk-Holger Schmidt seine ersten Gedanken beim jüngsten Heimatfotorätsel. Café Hahn wurde an gleicher Stelle später zum Treffpunkt so manchen Damenkränzchens. „Legendär waren nicht nur die Hahnschen Windbeutel, sondern war auch die Fülle von Torten und Kleingebäck, erinnert sich der Volksstimme-Leser aus Dretzel.

Gar zur Poesie ließ sich Alfred Jansky hinreißen. In seinem Zehnzeiler heißt es unter anderem: „Tischlerei Sörensen und Schlossermeister Fritz Kapuhn hatten damals viel zu tun, Tribünenvorbeimarsch am 1. Mai, Erinnerungen werden wach! Ich war dabei!“

Adler-Apotheke und Hotel Mewes

Genauso gern erinnerte sich Ingrid Illies aus Genthin ans Damals. „Bei der Notenbank haben wir den Lohn für die Mitarbeiter abgeholt und dann erstmal eine Tasse Kaffee getrunken.“ Angst vor einem Überfall hatten die Damen nicht, trotz dessen dort eine ordentliche Summe mehr oder weniger zwischengeparkt wurde.

Jede Menge Kindheitserinnerungen flimmerten auch vor den Augen von Leserin Christiane Riesicke aus Genthin beim Anblick der historischen Aufnahme. „Über der heutigen Adler-Apotheke hatte die Schwester einer Großmutter eine Pension für Lehrer, die sehr beliebt war“, erinnert sich die Genthinerin. Sie selbst lernte und arbeitete in der Apotheke. Nahe dem Hotel Mewes, gab es einst eine kleine Bühne, auf der Theater gespielt wurde. „Mit knapp fünf Jahren bin ich einmal völlig aufgelöst aus der Vorstellung nach Hause gelaufen, weil der Teufel im Stück gesagt hat, dass er Menschenfleisch rieche“, so Riesicke, Jahrgang 1942. Eine Begebenheit, die bis heute im Gedächtnis präsent geblieben ist.

Hoflieferant Schloss Sanssouci in Potsdam

Als wenn er von der Schwärmerei der anderen Anrufer angelockt worden wäre, griff auch Gert-Uwe Hahn, Sohn der Konditorfamilie, selbst zum Telefonhörer. „Als Frau Börsch noch Inhaberin der Konditorei war, war man stolz darauf, sich als Hoflieferanten des Schlosses Marly in Potsdam bezeichnen zu dürfen“, erzählt Hahn junior. Noch bis in die 1930er-Jahre kam Süßes aus Genthin in das zum berühmten Schlosspark Sanssouci gehörende Gebäude. Urkunden und Wappen werden bis heute wie ein Schatz gehütet.

Von der Adolf-Hitler-Straße zur Ernst-Thälmann-Straße

Die Leser schwärmen vor allem von den Eclairs und der Vier-Jahreszeiten-Torte. Letztere war eine Buttercremetorte, die optisch mit den Farben der Jahreszeiten verziert wurde. „Und dazu kam eine sehr schöne Atmosphäre“, lobt auch Annegret Schenk aus Brettin. Die 69-Jährige liebte vor allem die Eclairs und die Mohrenköpfe.

Die Brandenburger Straße, in der NS-Zeit Adolf-Hitler-Straße  und der angrenzende Markt als Hindenburgplatz, wie Falk-Holger Schmidt aus Dretzel noch ergänzen konnte, ist aber nicht nur für verführerisches Hüftgold und Kaffeekränzchen bekannt gewesen, wie die Erinnerungen von Arita Drap belegen. „In dem einst dort gelegenen Einrichtungshaus habe ich 1953 meine erste Anbauwand gekauft. Und 14 Jahre später die zweite, die bis heute in meinem Wohnzimmer steht“, so die Leserin, die 1974 von Karow nach Genthin zog.

Zwei Jahre zuvor, 1972, schloss das Café Hahn seine Türen. Sohn Gert-Uwe Hahn wurde Kfz-Meister und hatte mit kalorienreichem Gebäck eher wenig am Hut. „Ich bin eher noch beim Kochen begabt“, sagt der Genthiner Inhaber einer Autowerkstatt. Die alten Rezepte der Eltern bäckt allenfalls noch eine Tante ab und an nach.

Über Jahre Zweigstelle der Sparkasse

„Im hinteren Gastraum, auf dem Plüschsofa sitzend und eine der hier für die Gäste bereithängende Zeitung lesend, trank ich manche Tasse Kaffee und wartete darauf, dass mein Bus mich nach Hause bringt“, schließt Dretzeler Schmidt den Reigen der besonderen Momente mit süßen Sünden im Herzen Genthins. Aber nicht ohne zu erwähnen, dass Hausherr Hahn zur Mittagszeit  von Tisch zu Tisch ging und seine Gäste persönlich begrüßte. Eine Wertschätzung, wie sie heute eher selten anzutreffen sei.

Das Haus wurde auch nach dem Auszug des Cafès viele Jahre weitergenutzt. Vor der Wende war hier in Nachbarschaft von Café Hahn eine Filiale der DDR-Notenbank untergebracht. * Später befand sich im Gebäude eine Zweigstelle der Sparkasse. Diese gibt es heute auch nicht mehr.

* In einer vorherigen Version des Textes, hieß es, dass sich die Sparkasse noch im Gebäude befinde. Dies ist nicht so. Bereits 2016 ist die Sparkasse ausgezogen.

Die heutige Brandenburger Straße in Genthin in einer historischen Ansicht von 1929.
Die heutige Brandenburger Straße in Genthin in einer historischen Ansicht von 1929.
Foto: Stadtarchiv Genthin