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Ausstellung Meisterin des Schönschreibens

Anspruchsvolle Kalligrafie von Renate Braun ist im Genthiner Wasserturm zu sehen.

Von Thomas Skiba 07.05.2018, 08:00

Genthin l „Schön schreibe der Mensch, leise und gut…“ – frei nach Goethe lässt sich das künstlerische Schaffen von Renate Braun beschreiben. Die Kalligrafin hat ihre Neigung für das Schöne zum Hobby, zur Profession, gebracht. Am Sonnabend wurde im Genthiner Wasserturm eine Ausstellung ihrer Werke durch den Kunstverein eröffnet. Zahlreiche Gäste drängten sich in den engen Räumen, um die kalligrafischen Arbeiten in Augenschein zu nehmen.

Kunstliebhaber und Freunde von Renate Braun staunten über die filigranen Arbeiten. „Wir sind Nachbarn. Im Alltag haben wir nicht die Zeit, uns die Schriften näher anzuschauen“, so Heike und Gerald Scholz.„Doch heute bei der Ausstellung, nehmen wir sie uns.“ Sie beschreiben Renate Braun als ruhige und immer agile Nachbarin, die sehr viel Zeit mit Feder und Kiel verbringe. Vielen Kindern war es ein Graus, doch Renate Braun entdeckte schon als Abc-Schütze ihre Liebe zur Schönschrift – und die sollte sie ein ganzes Leben begleiten. Ihre Familie wohnte gegenüber einer Apotheke, ihr gefielen die geschwungenen Aufschriften der Kräutertöpfe und Pillengläser. Ihr Vater führte einen Blumen- und Gemüseladen. Dort schrieb sie die ersten Preisschilder und Blumennamen. So entwickelte sich aus der Berührung mit dem Praktischen eine Leidenschaft, die sie nie wieder los ließ. Dann erging es ihr wie so vielen Menschen. Alltag, Kinder, Beruf, Pflichten und Sorgen bestimmten die Mitte ihres Lebens. Die Kinder wurden groß und so war auch die Zeit da, um das freizulegen, was in ihr schlummerte.

Ende der 80er Jahre besuchte Renate Braun einen Kalligrafie-Kurs an der Genthiner Abendschule: „Wir absolvierten Schreibübungen auf Millimeterpapier. Erst als wir das beherrschten, durften wir etwas freier schreiben“, erinnert sich Renate Braun. Das war der Start in ein künstlerisches Universum, das sie bis heute voller Schaffenskraft durchschreitet. Ihr Gestaltungsraum ist ein Arbeitszimmer unter dem Dach ihres Hauses in Jerichow. „Dorthin ziehe ich mich zurück, nur meine Katzen sind bei mir - ja, ab und zu bringt mir mein Mann eine Tasse Kaffee.“

Wenn Renate Braun mit der Feder kratzt, geht sie auf in der Vielfalt der Farben, in der Eleganz jedes Wortes, selbst jedes Buchstabens. „Es erfüllt mich mit Zufriedenheit und Ruhe, wenn ich mich über mein Papier beuge“, so Renate Braun. Sie sagt, es habe für sie schon etwas Meditatives, Körper und Seele gelangen so in Einklang. Mit ihren Werken möchte sie auch immer Botschaften vermitteln. Nichts wird einfach „mal so“ geschrieben.

Renate Braun beobachtet das Leben genau. Ein Werk gibt ihr besonders zu denken. Auf ihm ist Zerbrochenes zu sehen, in schwarz und ein wenig rot gehalten. Dazu steht in Großbuchstaben: „Wir haben gerade genug Religion, um einander zu hassen, aber nicht genug, um einander zu lieben.“ Ein Satz, eigentlich viel zu groß für die engen Räume des Wasserturms.

Renate Brauns Mann Gunther kümmert sich liebevoll darum, dass sie ihrem schöpferischen Tun nachgehen kann: „Als ich Rentner wurde, sagte ich zu ihr: „Du schreibe – ich koche und mache den Haushalt“. Die Aufgabenverteilung funktioniert bei den Brauns.

Die Kalligrafie war im weitesten Sinne der Vorläufer des Buchdrucks. Vor dessen Erfindung war das Abschreiben von Texten und Büchern die einzige Form der Weitergabe von Literatur. Bücher wurden wortgetreu abgeschrieben und mit Verzierungen geschmückt. Später entwickelte sich daraus eine Kunstform, bei der es nicht so sehr auf die Lesbarkeit, sondern mehr auf Ästhetik und Ausdruck von Emotionen ankam. Bei den Werken von Renate Braun kann man jedoch Dreierlei erkennen und bewundern: Lesbarkeit, Schönheit und Gefühl.