Altes Handwerk

Mühlen: Technische Meisterwerke, die heute noch staunen lassen

Der Mühlenbauer war der wichtigste Mann beim Bau einer Mühle. Der Beruf wird seit den fünfziger Jahren in Deutschland nicht mehr ausgebildet, Mühlen aber werden wieder wichtiger.

Von Thomas Skiba
Mühlensteine konnten aus einem Stück bestehen oder waren auch aus mehreren Teilen zusammengesetzt, dann wurden sie durch ein Eisenband zusammengehalten (rechts).
Mühlensteine konnten aus einem Stück bestehen oder waren auch aus mehreren Teilen zusammengesetzt, dann wurden sie durch ein Eisenband zusammengehalten (rechts). Foto: Thomas Skiba

Jerichow

Der Mühlenbauer musste Kenntnisse über alle Werkstoffe besitzen, die in so einem Bauwerk verwendet wurden; Holz, Eisen und Stein. Aus Ersterem stellte er Wellen, Zahnräder und Antriebe her, Eisen kam bei Beschlägen zur Anwendung, und aus Stein war das Herzstück jeder Mühle – der Mühlstein.

Stand das Gebäude, oblag es dem Handwerker, die Mühlsteine regelmäßig zu schärfen. Das Schärfen der Mühlensteine ist eine komplizierte Arbeit. Es ist nämlich nicht damit getan, die Furchen ein wenig zu vertiefen. Die Steine nutzen sich ungleichmäßig ab – außen stärker als im Zentrum der Mahlfläche.

Deshalb wurde der Stein zuerst einmal mit dem sogenannten Streichholz, einer Messlehre markiert. Die Messlehre besteht aus zwei Holzleisten. Eine davon wird in das Loch des unteren Mühlensteins gesteckt, während die andere über die Mahlfläche des Steins streicht und so dem Steinmetz zeigt, wie viel er in der Mitte des Steins abnehmen musste, um die stärkere Abnutzung weiter außen auszugleichen. Die meisten Mühlenbauer legten nach dem Behauen einen Pfennig nahe der Mitte auf den Stein und führten die Messlehre nochmals darüber. Wenn sie den Pfennig herunterlegt, ist der Mühlstein wieder eben.

Die von Wind- oder Wasserkraft angetriebenen Mühlsteine nutzten sich beim Mahlen des Getreides ab. Ein Paar Mühlensteine aus Sandstein, das täglich zehn Stunden in Betrieb war, musste etwa alle zehn Tage neu geschärft werden. Mühlensteine aus quarzähnlichem Stein dagegen waren nur alle drei bis vier Wochen dran, da sie härter sind. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen Steine aus einem härteren Zement-Stein-Gemisch in Gebrauch. Natürlich war ein Müller froh, wenn er die Steine nicht mehr so oft zu behauen brauchte, denn er war ja zum Erwerb seines Lebensunterhaltes auf die Benutzung der Mühlsteine angewiesen. Während sie neu geschärft wurden, konnte er sie jedoch nicht benutzen, und wenn er nicht eigens einen Arbeiter zum Schärfen der Steine anstellte, musste er diese Arbeit selbst verrichten.

In einer großen Mühle mit vier Paar Mühlensteinen waren selten mehr als drei davon gleichzeitig einsatzbereit. Im Prinzip wurde also in der Mühle immer geschliffen, füllte das Schärfen eine Arbeitskraft voll aus. Ein ständig benutzter Mühlstein hält etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre. Der obere Mühlstein, der sich dreht, war neu etwa 30 Zentimeter dick, der feststehende Mühlstein 35 bis 40 Zentimeter. Der untere Stein nutzte sich zuerst ab und wurde durch den oberen Stein ersetzt, so dass der Müller nur einen Stein neu kaufen musste.

Obwohl die neuen Mühlensteine aus härterem Zement-Stein-Gemisch nicht so oft geschärft werden müssen, bekommen die Steinmetze in der heutigen Zeit wieder mehr Arbeit, wenn der Trend zu gesundem Brot aus traditionell gemahlenem Mehl weiter anhält.

An der ehemaligen Wassermühle Wolfshagen zeigt Karl-Heinz Sperfeldt Mühlsteine aus härterem Zement-Stein-Gemisch
An der ehemaligen Wassermühle Wolfshagen zeigt Karl-Heinz Sperfeldt Mühlsteine aus härterem Zement-Stein-Gemisch
Foto: Thomas Skiba