Genthin l „Ich bringe euch noch einen Text vorbei“, dieser Satz von Otto Schulze ist Volksstimme-Redakteuren immer noch im Ohr. Bis ins hohe Alter verfasste der Altenplathower Zeitungsartikel zur Geschichte Genthins. Sein Einstieg als Schreiber im Jahr 1952 gab er mit einem Beitrag unter der vieldeutigen Überschrift „Das kann doch wohl kein Spaß sein“.

Interesse an Geschichte

Der damals 17-Jährige, dessen Eltern in der Genthiner Großen Schulstraße ein Geschäft betrieben, hatte beim Besuch seiner Großeltern in Kleinwulkow ein Kind beobachtet, wie es mit Steinen nach einem Storchenhorst mit Jungen warf. In den folgenden mehr als sechs Jahrzehnten lernten Generationen von Redakteuren die Arbeit und das Wissen Otto Schulzes zu schätzen. „Ich habe schon als 15-, 16-jähriger Junge Artikel und Postkarten von Genthin gesammelt und aufgehoben“, berichtete Schulze nach seinem 75. Geburtstag.

Techniker und Naturforscher

In seiner späteren Zeit in der Station Junger Techniker und Naturforscher, nach einer Gärtnerlehre setzte er sich noch einmal im Fernstudium für das Grundschullehrer-Staatsexamen auf die Schulbank, habe er immer wieder auf diesen Karton voller „alter Sachen“ zurückgreifen können.

Für viele war er so etwas wie Genthins wandelndes Geschichtslexikon. „Ein Stichwort zu seiner Heimatstadt und er konnte eine Abhandlung erzählen“, berichtet Sebastian Kroll, der für den Stadtförderverein bereits zwei Publikationen mit Schulze-Artikeln zusammengestellt hat. „Ein dritter Band ist in Arbeit und wird nun leider posthum veröffentlicht.“ In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kam auch kaum eine heimatgeschichtliche Ausstellung im Kreismuseum ohne die Zuarbeit von Otto Schulze aus.

Eigene Erfahrung wertvoll

Fakten, Exponate oder auch nur die Beratung zu zeitlichen Abläufen, auf den Heimatforscher war immer Verlass. „Er gehörte zu den alten Genthinern, die viele geschichtliche Zusammenhänge noch aus der eigenen Erfahrung kannten“, erinnert sich Museumsleiterin Antonia Beran. Der Heimatforscher sei immer ein ergiebiger Informationslieferant gewesen.

Schulze gehörte zudem vor zehn Jahren zu den Mitbegründern des Stadtfördervereins und wurde bis ins hohe Alter auch gern für Stadtführungen gebucht. Gäste aus Berlin, Potsdam oder Brandenburg konnten sich dann von der verschmitzt ironischen Wissensvermittlung überzeugen, die dem Altenplathower immer zu eigen war. Seine Genthiner wussten schon lange, was sie an ihrem „Otto“ hatten. So bekam er im Jahr 2013 den ersten von der Stadt Genthin vergebenen Bürgerpreis inklusive Eintrag in das Goldene Buch der Stadt.

Zusammenhänge erläutert

Die Vorsitzende des Stadtfördervereins Lisa Wolf lobte damals: „Otto Schulze ist nicht nur ein Sammler von Fakten und Dokumenten, sondern er versteht es darüber hinaus, Ereignisse aus der Geschichte und der Gegenwart der Stadt Genthin stets mit Lebensweise der Bürger zu verknüpfen und Zusammenhänge herzuleiten.“ Das blieb auch so, als er längst die 80 überschritten hatte. Für die Sonderausstellung zu „Handel und Gewerbe“ im Jahr 2016 ergänzte der Heimatforscher die industriellen Anfänge der Stadt und vermittelte damit, wie sehr sich Handel und Gewerbe innerhalb eines Jahrhunderts gewandelt haben.

Für die Schau über die „Schulgeschichte in der Region“ lieferte er im vergangenen Jahr einen Fachtext für die Begleitbroschüre. Bürgermeister Thomas Barz würdigt das lange Schaffen Otto Schulzes: „Als engagierter Bürger hat er wesentlich zur Aufarbeitung und Fortschreibung der Genthiner Stadtgeschichte beigetragen.“ Schulze habe damit die Heimatverbundenheit gestärkt. „Die Einwohner unserer Stadt werden ihn in ehrenden Gedenken bewahren.“ Zuletzt lebte Otto Schulze mit seiner Familie auf seinem Hof auf der Insel in Altenplathow.