Altenklitsche l Was signalisiert dem Brautpaar vor der Kirche, dass es Zeit ist, sich auf den Weg zum Altar zu machen? Der volle Klang der Orgel. „Da muss ordentlich was kommen, das müssen die unten hören, sonst heiraten die nie“, sagt Dr. Wieland Meinhold und zeigt aus dem Fenster in den Garten vor dem Altenklitscher Gotteshaus.

Instrument der Superlative

Am Sonntagnachmittag wartet dort kein Brautpaar, dafür ist Organist Wieland Meinhold auf die Empore gestiegen. Er präsentiert ein Instrument der Superlative. Sie ist nicht nur das größte, sondern auch das lauteste und imposanteste.

Diese Komponenten verdankt sie es, dass man sie die Königin unter den Musikinstrumenten nennt. Dabei sei das Altenklitscher Exemplar eher zierlich und doch „größer als jedes Klavier“. Zu einer Königin gehört natürlich auch ein Kleid, das der Altenklitscher Orgel ist in repräsentativem Gold gehalten.

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Fast wie ein Familienmitglied

Wieland erklärt seinen Zuhörern das Instrument oft vor oder nach Konzerten. Auch die Altenklitscher Besucher, knapp 100 sind am Sonnabend gekommen, hören ihm gerne zu, wenn er über die Orgel spricht, als sei sie ein Familienmitglied. Bildhaft, humor- und liebevoll beschreibt er, was sie zum Klingen braucht.

Elementar sei Luft. „Die Orgel ist ein Blasinstrument. Sie muss atmen“, sagt Meinhold und veranschaulicht das Prinzip mit Hilfe der menschlichen Lunge. Die Luftversorgung der Orgel gewährleistet der Blasebalg. Der wird elektronisch betrieben, durch das Einschalten eines Knopfes springt der Motor an. „Beruhigend zu wissen, dass es auch bei einem Stromausfall funktionieren würde, dann müsste jemand den Blasebalg mit Körperkraft oben halten“, erklärt Meinhold. Ob mit Beinen, Armen oder dem Motor - wichtig ist, dass die Luft sich in der Orgel verteilt.

Register gezogen

„Dann müssen noch die Knöpfe gedrückt werden“, sagt ein Junge und zeigt auf die Register. „Richtig“, antwortet Meinhold. Doch würden diese nicht wie bei Smartphone oder Tablet gedrückt, sondern gezogen. Daher käme auch das Sprichwort „er zieht alle Register“. Zum Beispiel das Prinzipal. Oder „das klangliche Rückgrat der Orgel“, wie Meinhold es nennt.

In Altenklitsche hat sich Orgelbauer Gottlieb Scholtze bei der Errichtung des Instruments 1780 für ein Vier-Fuß-Prinzipal entschieden. Die größte Pfeife ist 1,20 Meter lang. Mehr würde den Rahmen der Dorfkirche sprengen. Zum Vergleich: Im Magdeburger Dom findet sich ein 32-Fuß-Prinzipal.

Spektrum von Tönen

Beeindruckend ist das Spektrum an Tönen, das Wieland Meinhold der Orgel entlocken kann. So hoch wie das Gezwitscher eines Vogels und so tief, dass man es eher im Bauch als im Ohr wahrnimmt. „Eben eine Königin und kein Flötenschrank“, sagt der Organist, der in Halle geboren und in Thüringen aufgewachsen ist. Mit seiner Frau ist er in Weimar zu Hause, seit 2001 arbeitet er als Universitätsorganist in Erfurt und Weimar.

In seinem Vortrag widmet er sich nun den Pfeifen der Orgel. Sie erzeugen übrigens den Klang, indem sie durch einen Orgelwind genannten Luftstrom angeblasen werden. Sie sind aus Metall, im Inneren aus einem Zinn-Blei-Gemisch, außerdem finden sich unter den etwa 600 Pfeifen auch Exemplare aus Holz. So eine hält der Organist nun in der Hand. „Sie sieht aus wie ihre metallenen Geschwister, ist aber gedeckelt. Wenn man den Deckel löst, bekommt man einen viel höheren Ton.“ So ließen sich Platz und Material sparen.

Mit Händen und Füßen

Die Orgel wird mit Händen und Füßen bedient. Wieland lässt seine Finger über die Manuale fliegen, während er in die Pedale tritt, um einen tiefen Ton zu spielen. „Lingualstimmen hat diese Orgel übrigens nicht“, erklärt er. Die Altenklitscher lieben sie trotzdem.

Vom Publikum gut angenommene Konzerte gibt es hier immer wieder, Hochzeiten sind eher die Ausnahme. Für Mitte August hat sich aber doch ein Paar angemeldet. Dass es die Altenklitscher Orgel vermag, Frau und Mann den Weg zum Altar zu weisen, hat sie am Sonntag eindrucksvoll unter Beweis gestellt.