Genthin l Besucherzahlen in Kulturveranstaltungen, könnten um 75 Prozent gesteigert werden – zu diesem Schluss kommt eine Studie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle. Er hat eine „Nicht-Besucher-Forschung“ durchgeführt, bei der Menschen mit einem Fragebogen befragt worden sind, warum sie bestimmte Veranstaltungen nicht aufsuchten. Einige Nicht-Besucher bekamen Freikarten für Opernhäuser in Berlin und wurden vor und nach dem Besuch befragt.

Zuviel Distanz zur Kultur

Am Ergebnis sieht Tröndle, dass nicht mangelnde Freizeit oder fehlendes Geld den Besuch von Veranstaltungen verhinderten, sondern eine Distanz zu den Veranstaltungen. Durch das Elternhaus, die Schule, die eigene Bildung, müsste auf der einen Seite Nähe erzeugt werden, auf der anderen Seite aber auch durch die Veranstalter.

Was sagen lokale Akteure zu diesen Ergebnissen? Marina Conradi vom Veranstaltungsmanagement der Stadt Genthin sieht die Studie durchaus als Bestätigung ihrer Erfahrungen. „Bestimmte Interessen werden schon im Kindesalter geweckt, das heißt, wenn sich die Eltern für Musikrichtungen interessieren oder selbst ein Instrument spielen, werden die Kinder neugierig und beschäftigen sich damit.“ Zusätzlich kommen die Kinder in der Schule mit Musik in Kontakt, wenn gleich dies weniger werde.

Klassische Konzerte schwer vermarktbar

„Leider lernen die Kinder nicht mehr zu schätzen, dass handgemachte Musik wertvoller ist, als alles was aus den Medien kommt“, zieht Conradi eine durchaus kritische Bilanz. Klassische Konzerte seien besonders schwer zu vermarkten. „Es fehlt die Bindung zur Musik und der Gedanke, dass jeder Ton ein Gefühl ausdrückt.“

 Sie sei dazu übergegangen, Menschen persönlich anzusprechen, um sie für Veranstaltungen zu interessieren. Der Aspekt der persönlichen Nähe ist daher gegeben. „Während des Konzertes kommt das Feeling, ob es zur Balance zwischen Musiker und Publikum kommt.“ Conradi sieht daher auch die Erfahrungen eines Konzertbesuches als Ausschlaggebend für weitere Veranstaltungsbesuche.

Nähe ist keine "Wunderwaffe"

Dirk Ballarin, Genthiner Musiker und Tourmanager von Künstlern wie David Knopfler und Ray Wilson, meint: „Die Nähe von einem Künstler zu seinem Publikum kann viel beeinflussen, die meisten meiner Musiker geben nach jedem Konzert Autogramme oder bieten die Chance ein gemeinsames Foto zu machen.“ Für nicht wenige Besucher sei dies das „Sahnehäubchen“ an dem Abend. Allerdings schränkt der Tourmanager auch ein: „Ich würde sagen, dass die Nähe zum Künstler keine Wunderwaffe ist, um die Besucherzahlen um 75 Prozent zu steigern.“ Letztlich komme es auf das Programm an.

Warum viele Veranstaltungen unter Besuchermangel leiden, könne man nicht allgemein sagen. „Nach meiner Erfahrung sind die Gründe der Menschen so unterschiedlich und so vielseitig, dass man schon fast keine allgemeingültige Faustregel ableiten kann.“ Ballarin widerspricht der Studie jedoch in einem Punkt: „Bei vielen spielt das Thema Zeit und Geld doch eine Rolle, ob sie etwas vom kulturellen Angebot wahrnehmen oder nicht.“

Aufmerksamkeit ist begrenzt

Der aus Genthin stammende Autor Torsten Rohde, der mit seinem Büchern über die fiktive Seniorin Renate Bergmann bekannt geworden ist, befindet sich dieser Tage sich gemeinsam mit der Schauspielerin Anke Siefken auf Tournee und sagt zu der Studie: „Heute konkurrieren die Freizeitangebote um die Aufmerksamkeit und um die Zeit der Menschen. Die ist begrenzt, jeder hat nur eine kleine Anzahl von Stunden am Tag zur Verfügung.“

Die könne er mit lesen, Sport, Fernsehen, im Internet surfen oder mit dem Besuch von Veranstaltungen verbringen. „In diesem Wettbewerb hat man es mit einer reinen „Wasserglaslesung“, wie ich es nenne, wenn ein Autor mit einem Stapel Bücher und einem Glas Wasser vor dem Publikum sitzt, schwer.“

Auch Rohde setzt bei der Inszenierung der Veranstaltungen auf etwas Besonderes. Nicht zuletzt deshalb ist seine Romanfigur Renate Bergmann zu einer Bühnenfigur umgeschrieben worden.

Mehr einfallen lassen

„Man muss sich heute ein bisschen mehr einfallen lassen, um das Publikum zu gewinnen; es muss lebendig sein und mehr als einfach nur eine Lesung. Wir legen immer viel Wert auf ein paar Kulissen, ein Bühnenbild und ein bisschen drumherum.“ Da komme dann wieder eine Nähe zum Publikum ins Spiel: „Bei uns bekommt jeder Besucher einen Eierlikör zur Begrüßung und auf Wunsch ein Selfie und eine Signatur ins Buch.“

Mit Nähe zum Publikum arbeitet auch der Rathenower Sänger Joe Carpenter, der seine Wurzeln in Genthin hat: „Ich bin so wie ich bin und ich rede so wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Das sei ein Punkt, durch den eine Verbundenheit entstehe. „Ich bin sehr gern näher am Publikum und wenn dieses nicht unmittelbar vor der Bühne steht, gehe ich gern zu ihnen. Auf die Bühne gehen, die Show machen und dann sofort nach Abgang still und heimlich verschwinden könnte ich nicht.“

Kontakt zu Fans

Es gehöre zum Auftritt kommunikativ zu sein: „Ich möchte eher gern noch zwei oder drei Worte mit den Leuten reden.“ Carpenter, der sich als Künstler und seine Konzerte nach wie vor selbst organisiert, erlebt durch diese Offenheit gegenüber dem Publikum immer wieder eine große Nachhaltigkeit: „Bei einem Konzert in Lübben im Spreewald, kam ein Ehepaar zu mir und berichtete, dass sie mich im vergangenen Jahr in Ahlbeck/Usedom gesehen haben.

Weil es ihnen gefallen hat, seien sie extra hergekommen.“ Eine andere Dame sei mit ihrer Freundin extra aus Dresden angereist, um das Konzert zu besuchen. „In Bad Freienwalde traf ich auf ein Pärchen, die in den letzten Wochen irgendwie immer hinterher gereist kommen. Und wir sind zwischenzeitlich miteinander befreundet.“

Ausstellungen mit Bezug zu Besuchern

Persönliche Nähe sei auch etwas, was im Genthiner Kreismuseum oft eine Rolle spiele. „Viele regelmäßige Besucher kennen wir und sprechen diese auch direkt an, wenn wir neue Ausstellungen oder Veranstaltungen planen“, berichtet Museumsleiterin Antonia Beran. Heute sei es oft so, dass Ausstellungen besonders dann funktionieren, wenn die Besucher einen persönlichen Bezug zum Thema finden.

So sorgt derzeit die Wanderausstellung „Aus dem Rahmen gefallen“ über starke Frauen aus dem Jerichower Land für Interesse, da viele der dort porträtierten Frauen wie Brigitte Reimann, Lotte Ballarin, Elisabeth von Ardenne oder Elsa von Bonin bekannt sind. Ein lokaler Bezug, eine Verbindung zum Erleben der Menschen sei einem erfolgreichen Ausstellungsverlauf durchaus förderlich.

Das Museum greift immer wieder lokale Themen auf, so gab es im vergangenen Jahr etwa eine Schau, die sich mit der Flut 2013 beschäftigte, auch wurden für eine Adventskalenderausstellung zahlreiche private Leihgaben verwendet. Dadurch stieg auch das Interesse an der Schau. Beran verweist aber auch darauf, dass Museumsarbeit heute wesentlich mehr und komplexer ist und sich nicht nur auf einzelne Programmpunkte reduzieren lasse.