Genthin l Umgekippte Teelichter, herausgedrehte Batterien von LED-Leuchten, umgestoßene Laternen, ausgeschüttetes Kerzenwachs, zerrissener Grabschmuck: Auf den beiden Genthiner Friedhöfen häufen sich solche Vorfälle blinder Zerstörungswut. Selbst zum Weihnachtsfest.

Während Angehörige sonst stillschweigend Schäden beseitigen und den Diebstahl von Blumen irgendwie verschmerzen, wollen Dorthe Steuer und ihr Ehemann Sandy Meißner das nicht länger hinnehmen. Beide trauern ihren einzigen Sohn Enno, der vor einigen Wochen bei einem tragischen Verkehrsunfall um Leben kam. Die Anteilnahme am Verlust ihres Sohnes, die die Eltern aus dessen Freundes- und Bekanntenkreis während ihrer Trauer erfahren, ist bis auf den heutigen Tag überwältigend. Da passt es nicht ins Bild, dass bisher Unbekannte das Grab des jungen Mannes immer wieder verwüsten. Bereits vier Mal, letztmalig am ersten Weihnachtsfeiertag. „Ich gehe jeden Tag zum Grab meines Sohnes. Mittlerweile vergeht nach diesen Vorfällen kein Gang zum Friedhof, an dem ich nicht unter negativer Spannung stehe“, sagt Dorthe Steuer.

Missachtung des Menschen

Die Genthiner Trauerbegleiterin Annemarie Büttner kann das gut nachvollziehen. Wer Gräber zerstöre, verletze etwas, was für die Trauernden heilig sei. Er missachte aber auch den Menschen, der dort seine letzte Ruhe gefunden habe.

Das Entsetzen über die Vorfälle ist deshalb auch unter den Freunden des Verstorbenen, darunter viele Jugendliche, besonders groß. „Wir sind tief betroffen, wir verurteilen das, was hier passiert ist, aufs Schärf- ste. So etwas macht man einfach nicht“, hieß es von der Genthiner Ortsgruppe der DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) und der Burger Ortsgruppe des THW (Technische Hilfswerk), in denen der Verstorbenen mit großem Engagement organisiert war.

Mehrere Vorfälle

Die Zerstörungswut, das haben die Eltern auch beobachtet, beschränke sich allerdings nicht nur auf die Grabstelle ihres Sohnes, sondern erstrecke sich stets über größere Grabstellen-Bereiche. Ähnliche Vorfälle habe es in jüngster Zeit auch auf dem Altenplathower Friedhof gegeben. Anders als andere Betroffene, die dem zerstörerischen Treiben tatenlos zusehen, drängen Dorthe Steuer und Sandy Meißner auf eine Aufklärung der Taten. „Wir haben zwei Anzeigen bei der Polizei erstattet und möchten alle Betroffenen ermuntern, dies auch zu tun, um dem Treiben endlich ein Ende zu setzten“, sagt Dorthe Steuer.

Friedhof nachts offen

Ein erster Schritt wäre aus Sicht der Eltern, die beiden städtischen Friedhöfe zukünftig über die Nachtstunden abzuschließen. Nach Bekanntwerden von Verwüstungen an Kindergräbern hat dies die Stadtverwaltung offensichtlich in Erwägung gezogen. Dies müsse allerdings, darauf machte Peter Knobel als zuständiger Sachgebietsleiter Immobilienwirtschaft aufmerksam, mit einer Änderung der Friedhofsatzung einhergehen. Darüber müsse der Stadtrat entscheiden. „Ich hoffe sehr, dass der Stadtrat dazu Einigkeit erzielt“, sagte Sandy Meißner.

Die Zahl der Vorfälle, die wegen Störung der Totenruhe jährlich im Landkreis Jerichower Land zur Anzeige gebracht werde, bewegt sich Angaben der Polizei zufolge im mittleren ein- bis zweistelligen Bereich.