Genthin l Weihnachten ist Reisezeit, titelte der Genthiner Rundblick vor einigen Tagen und rief seine Leser auf, jenen Heimreisenden ausfindig zu machen, der die längste Strecke zurücklegen musste, um zuhause im Kreise der Familie die Lichter am Weihnachtsbaum anzünden zu können. Keiner hatte zwar so eine lange Anreise wie Katja Mewes aus Auckland zu bewältigen, doch alle, die weite Wege nach Hause zum Fest auf sich nehmen, werden sehnlichst erwartet.

Besuch aus Kairo

„Ihr wollt wohl Kilometerboni vergeben?“, meldete sich Eckhard Neumann, Chef des Genthiner Amateurtheaters, telefonisch zu Wort. Er erwartet seine Tochter aus Osnabrück zum Fest. Weihnachten sei jedes Jahr in Genthin gesetzt, sagt Neumann. Am Nachmittag zieht es die Familie zum Weihnachtsmärchen in das Stadtkulturhaus, bei dem Mutter Uta als Souffleuse zum Einsatz kommt und Vater Eckhard den Part des Chefkochs übernimmt. Eckhard und Uta Neumanns Freude auf den Besuch der Tochter verbindet sie mit Familie Wenzlau aus Jerichow. Wer wieviele Kilometer für die Heimattour auf sich nimmt, steht da nicht im Vordergrund. Hauptsache, der langersehnte Besuch kommt wohlbehalten an. Tochter Elise reiste schon am Donnerstag aus dem 550 Kilometer entfernten Aachen an, wo sie im zweiten Jahr am Uniklinikum studiert. Sie war mit dem Zug und dem Flixbus fast zehn Stunden unterwegs, bis sie in Magdeburg eintraf. Von dort war es nur noch ein Katzensprung bis nach Jerichow.

Besuch aus der Ferne gab es auch beim Genthiner Blasorchester. Die Genthinerin Britta Unglaub war zum Konzert des Ensembles auf dem Marktplatz 250 Kilometer aus Hamburg angereist. Natürlich nicht nur um ihre Kollegen musikalisch zu unterstützen, sondern auch um Familie und Freunde in der Heimat zu besuchen. „Zu Weihnachten kommen alle in die Heimat“, sagte Orchesterchef Gunnar Köppen während des Auftritts an das Publikum gerichtet. Er selbst erwartete Besuch von seiner Nichte aus Frankfurt und musste sich gedulden. „Meine Nichte nahm an, dass es am Adventssonntag schneller geht als sonst, jetzt ist sie auf der Autobahn mit dem Pkw mit Tempo 50 bis 70 km/h unterwegs.“

Warten auf Schnee

Ein beträchtliches Konto an Kilometerboni kommt bei Familie Raudszus aus Jerichow zusammen. Elke und Volker Raudszus haben am Sonnabend ihre Tochter Christin, die 2009 nach Kairo auswanderte, und ihren sechsjährigen Enkelsohn vom Flughafen Schönefeld abgeholt. Die Tochter ist in Kairo glücklich verheiratet und arbeitet dort als Physiotherapeutin. Im Hause Raudszus verbindet sich mit Weihnachten stets eine besonderen Wiedersehensfreude: „Jedes Weihnachten zieht es unsere Tochter nach Hause! Und unser Enkel Adam wartet jedes Jahr auf Schnee! Meist vergebens!“, sagt Elke Raudszus. Den weitesten Anreiseweg zum Fest hatte aber Katja Mewes. Sie kam 20.000 Kilometer aus Auckland in Neuseeland mit dem Flugzeug nach Berlin und dann mit dem Auto in die alte Heimat Güsen. Nachdem sie bereits lange Jahre im Ausland tätig war, lebt sie seit 2011 in Neuseeland. „Eigentlich bekomme ich über Weihnachten keinen Urlaub, da derzeit unsere Hauptsaison ist“, meint die Reisefachfrau. Sonst besuche sie die Familie immer im Juli/August. Doch in diesem Jahr kann Familie Mewes zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder gemeinsam Weihnachten feiern. Schnee gibt es zwar nicht, gemütlich wird es trotzdem, sagt Katja Mewes. Für die beiden aus Auckland und Kairo zum Fest angereisten Leserinnen gibt einen kleinen Preis der Volksstimme.