Schierke l Gerhard Bürger hat ein Ziel vor Augen und macht dafür auch Druck. In ziemlich genau einem Jahr, am 16. Dezember 2016, sollen zwischen dem Großen und dem Kleinen Winterberg die Skifahrer nach Schierke hinab wedeln können. Mit diesem Ziel ist der Investor, der 70 Prozent der Winterberg-Schierke GmbH hält, vor wenigen Monaten an die Öffentlichkeit gegangen. Offen ist freilich, ob Mitte Dezember 2016 genug Schnee auf der Piste liegen wird. Hängt dies allein vom Wetter ab, ist die Antwort auf eine zweite Frage viel komplexer: Gibt es rechtzeitig Baurecht, um diesen Termin zu halten? Nach einem Scooping-Termin, der Mitte Oktober Investoren, Behörden und Umweltverbände an einen Tisch brachte, beantwortet die Chefin im Bauordnungsamt der Kreisverwaltung Harz die Frage so: „In meinen Augen ist das definitiv unrealistisches Wunschdenken.“

Prüfumfang abgesteckt

Es gebe, so Amtsleiterin Katharina Wendland, zu viele Aspekte, um ein so umfangreiches Projekt in einem so kurzen Zeitraum zu prüfen und ihm – gegebenenfalls – den grünen Genehmigungsstempel aufzudrücken. Im Scooping-Termin (übersetzt sinngemäß: Schöpfungsveranstaltung) sei es darum gegangen, mit allen Beteiligten den Prüfumfang abzustecken. Ein Ziel dabei: Dem Investor zeigen, welche Unterlagen er beibringen müsse.

Auf eine Kernfrage, die schon beim Scooping heiß diskutiert worden ist, gibt es frühestens im Januar eine Antwort: Bedarf es eines großen Raumordnungsverfahrens (ROV) oder sind auch Prüfverfahren im kleinen Maßstab ausreichend? Verbände wie der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) setzen nicht zuletzt wegen der Nähe zum Wurmberg-Skigebiet im wenige Meter entfernten Niedersachsen auf ein ROV.

BUND fordert Raumordnungsverfahren

Es gehe schließlich auch darum, länderübergreifend zu planen, sagt Friedhart Knolle vom BUND-Regionalverband Westharz. Bislang, so seine Überzeugung, hätten die Niedersachsen rund um den Wurmberg in Braunlage agiert und die Sachsen-Anhalter am Brocken und eben in und rund um Schierke. „Für diese Harzregion muss endlich in der Gesamtheit gedacht und geplant werden“, stellt Knolle klar.

Ob es zu einem länderübergreifenden ROV kommt, ist laut Sachsen-Anhalts Bau- und Verkehrsministerium noch offen. Aktuell, lässt ein Ministeriumssprecher wissen, würden die Planungsunterlagen weiter optimiert. Wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, soll die Entscheidung pro oder kontra ROV fallen – voraussichtlich Mitte bis Ende Januar, heißt es.

Bestandsaufnahme bis zum Spätsommer

Dessen ungeachtet gab es im Scooping eine weitere Erkenntnis: „Wir haben mehr als drei Monate Vegetation“, sagt Amtschefin Wendland. Analoges gilt für die Tierwelt. Konsequenz: Es bedarf bei der Bestandsaufnahme einer deutlich längeren Betrachtungszeit. Das bestätigt Andreas Meling, im Wernigeröder Rathaus gewissermaßen verwaltungsseitig Chefkoordinator für das Projekt: „Wir werden nicht vor Spätsommer 2016 alle Fakten auf dem Tisch haben.“

Die Bestandsaufnahme rund um Fauna und Flora ist nur eine Baustelle, mit der sich die städtischen Mitarbeiter gerade beschäftigen. Sie müssen auch für rund 20 Hektar Waldflächen, die für Seilbahn und Pisten gerodet werden sollen, Ersatzflächen finden. „Dies scheint möglich, nicht nur auf städtischen Liegenschaften“, so Meling. Hier sei man ebenfalls in Zeitverzug. Soll heißen: Ein Start zum 16. Dezember 2016 ist auch deshalb illusorisch. „Ein ambitioniertes Ziel wäre jetzt Dezember 2017“, so Meling.

Gleichwohl erledige die Stadt ihre Hausaufgaben. Nach dem Ja des Stadtrates zum Projekt würden Flächennutzungs- und Bebauungspläne angepasst.

Merkwürdiges Angebot gemacht

Parallel dazu versucht die Investorengruppe – allen voran Gerhard Bürger – offenbar, Vorarbeit zu leisten und Weichen zu stellen, wo immer es möglich ist. Vorige Woche traf er sich nach Recherchen der Volksstimme vor Ort mit Vertretern von Umweltverbänden. Dem Vernehmen nach agierte Bürger auch dort pragmatisch. Oliver Wendenkampf, seines Zeichens BUND-Geschäftsführer in Sachsen-Anhalt und kritischer Begleiter des Projektes, soll er dabei ein interessantes Angebot gemacht haben.

„Herr Bürger hat mir angeboten, gegen Bezahlung in seinem Team mitzuarbeiten“, sagt Wendenkampf. Was Bürger damit genau gemeint habe, sei ihm unklar. Fest stehe aber, dass er und der BUND nicht käuflich seien. Wobei Wendenkampf betont, sich fachlich ins Verfahren einbringen zu wollen – allerdings als Vertreter der Umweltverbände.

BUND sieht keinen Spielraum

Aus dieser Position sieht er einige Schwierigkeiten. „Die Moor- und Feuchtgebiete dort oben sind sicher nur schwer auszugleichen.“ Auch mit Blick auf Kompromisse zeigt sich Wendenkampf wenig nachgiebig: „Wir wollen nichts aufhalten, pochen aber darauf, dass Verfahren rechtskonform ablaufen.“ Und: „Ich bin offen für Kompromisse, sehe dafür aber keinen Spielraum. Gesetze sind einzuhalten.“ Es gehe um die Kernfrage, ob das Projekt mit deutschen und europäischen Gesetzen vereinbar sei.

Ein erster Knackpunkt sei besagtes ROV, das Wendenkampf „für geboten hält. Kommt es nicht dazu, wäre das schon der erste Punkt, um das Verfahren rechtlich prüfen zu lassen“, stellt er klar.

Behörde will Gang vor Gericht verhindern

Den Gang vor Gericht will auch Amtsleiterin Wendland vermeiden. „Niemand will ein Verfahren, das angreifbar ist. Deshalb schauen wir so genau drauf, wie wir meinen, dass es für einen rechtssicheren Bescheid nötig ist.“ Daher werde nicht leichtfertig und auch nicht auf Terminwünsche des Investors hin entschieden, unterstreicht die Amtschefin.

Was aktuell bleibt, sind Fragen wie diese: Wie bewertet Gerhard Bürger die Situation? Wie hat er sein Angebot an Oliver Wendenkampf gemeint? Und wie lange hält er mit Blick auf das Genehmigungsverfahren sein Investitionsangebot aufrecht? Fragen, die vorerst offen bleiben. Ein von Bürgers Management in Aussicht gestelltes Gespräch kam bislang nicht zustande. Eine Antwort gibt indes Andreas Meling: Der Investor halte an seinen Absichten weiter fest.