Elbingerode (bfa) l So manch ein Besucher im Grenzmuseum Sorge zieht verwundert die Augenbrauen hoch, wenn sich der Erklärer Frank Lorenz bei seiner Führung zu erkennen gibt: Er selbst war der letzte Kommandeur der Grenzeinheit dieses kleinen Oberharzortes an der bis 1989 stark bewachten deutsch-deutschen Grenze.

Heute gehört Frank Lorenz zu den emsigen Mitgliedern im Verein Grenzmuseum Sorge, hält Kontakt zum einstigen „Feind“, Manfred Gille, damals Bundesgrenzschutz, und will mithelfen, die Geschichte der Teilung im Harz ehrlich aufzuarbeiten. Das „ehrlich“ betont er. Damit die Leute besser Bescheid wüssten und „sowas wie diese Grenze“, wie er sagt, nicht wieder passiere.

Verantwortung für Grenz-Kilometer

Was die Besucher seiner Führungen nicht wissen: Frank Lorenz war einst der jüngste Grenzkommandeur der DDR, hatte mit 23 Jahren Verantwortung für Soldaten und 13 Kilometer „Nahtstelle zwischen Warschauer Vertrag und NATO“, wie es damals hieß.

„Ich hatte Glück, in der Spätphase der DDR dort zu dienen“, blickt der heute 59-Jährige zurück. Manches sei, bei aller Diensteifrigkeit, lockerer gewesen. In den Jahren zuvor waren an der Grenze bei Sorge sechs DDR-Bürger bei der sogenannten Republikflucht erschossen worden. Unter dem Kommando von Lorenz keiner - bis auf einen aus Quarmbeck entwichenen Sowjetsoldaten. Der bewaffnete Mann wurde in einer Notwehrsituation, wie sich später ergab, erschossen.

Grenzöffnung ohne Befehl

Frank Lorenz Grenzerkarriere war beendet, als er am 17. November 1989 die Grenze in seinem Abschnitt für die demonstrierenden Bürger öffnete. Ohne dass er einen Befehl dafür hatte.

„Es kommt darauf an, die Geschichte richtig zu erzählen“, sagt Lorenz heute. Für das Grenzmuseum Sorge engagiert er sich schon lange. Nach 1989 fragten die Besucher vor allem nach dem Was und Wie der Grenzöffnung, berichtet er. Heute gehe es Besuchern mehr um Details wie Postenablösung und Funktionsweise des Grenzzaunes. Das Interesse sei nach wie vor da. Leider seien die geführten Wanderungen von Hohegeiß/Niedersachsen über die Grenze eingestellt worden.

Flucht als Tourismus-Angebot

„Es wäre gut, diese Touren wieder anzubieten, aber richtig herum, von Ost nach West, wie eine ‚Flucht‘ damals ablief“, sagt Lorenz. Dann ließe sich das Grenzregime nachvollziehbarer erklären. Vielleicht könne der Tourismusbetrieb Oberharz das Angebot organisieren, schlägt der Elbingeröder vor. Er stehe zur Verfügung.

Bei all dem Engagement für die Grenzgeschichte - in der Vergangenheit lebt der einstige Kommandeur nicht. Sein berufliches Metier ist die Finanzberatung. In den 1990-er Jahren qualifizierte er sich, schloss später ein Hochschulstudium für Finanzfragen in München erfolgreich ab. Er ist Mitglied im deutschlandweit agierenden Verein der Geldlehrer. Der kümmert sich um Aufklärung in Sachen Kredit, Zins und Zinseszins, Altersvorsorge etc.

Schulden-Aufklärung in Schulen

Frank Lorenz geht dazu in Schulen und Gymnasien, hilft Bürgern auf Anfrage. „Das Problem ist, es rechnet keiner genauer nach, wenn ihm in Gelddingen etwas erzählt wird“, weiß er aus Erfahrung. Und dann gibt es „plötzlich“ viele Schulden. Für viele, vor allem auch junge Leute, sei die Funktionsweise von Banken, Sparkassen, Börse ein Buch mit sieben Siegeln. Nachrechnen zu können, sei aber wichtig, genauso wichtig wie die Aufarbeitung der Grenzgeschichte.

„Letztlich geht es immer darum, aus Fehlern zu lernen, ob in Finanzfragen oder aus der Geschichte der DDR-Grenze“, sagt Lorenz, und ist gerade in punkto Grenze skeptisch: „Man muss sich nur umschauen, heute werden wieder Zäune in Europa gebaut, wird vielerorts in der Welt geschossen.“