Musiktheater

Akrobatik in einer aktuellen Theaterinszenierung in Halberstadt

Beifall über Beifall schon während der Vorstellung. Minutenlange Standing Ovations und Bravorufe am Ende. Die Premiere von „Im weißen Rössl“ am Nordharzer Städtebundtheater ist ein Abend der perfekten Interaktion zwischen den Sängern auf der Bühne und den Menschen im Zuschauerraum.

Von Renate Petrahn 09.06.2021, 07:44
Szenenfoto  aus der Operette ?Im weißen Rössl" mit Maximiliane  Schünemann und Max An.
Szenenfoto aus der Operette ?Im weißen Rössl" mit Maximiliane Schünemann und Max An. Foto: Ray Behringer

Quedlinburg/Halberstadt - Vom ersten Couplet an springt der Funke von der Bühne ins Publikum über. Höhepunkt: das gemeinsame Singen von „Zuschaun kann I net“. Diese Premiere ist wie ein Befreiungsschlag von der mehrmonatigen Kulturabstinenz.

Die bleibenden Erkenntnisse nach dieser Abend: Wer Zweifel hatte, dass Kunst ein verzichtbarer Luxusartikel und somit nicht systemrelevant sei, wurde am Sonnabend in Quedlinburg eines besseren belehrt. Weiter, dass das Nordharzer Städtebundtheater stark in der Region verwurzelt ist.

Leichtigkeit mit nachdenklichen Noten

Birgit Kronshage hat mit Esprit und Augenzwinkern die Kultoperette von Ralph Benatzky (mit musikalischen Einlagen von Robert Stolz, Bruno Granichstaedten und Robert Gilbert, Text: Hans Müller, Eric Charell) inszeniert. Mit leichter Hand ist ihr eine charmant-subtile Mischung aus der historischen „Revue-Operette“ und witzigen Bezügen auf die Gegenwart gelungen.

Die Faszination, die für die Regisseurin vom „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ ausgeht, sieht sie „in der pointiert geschriebenen witzigen Mischung aus Wiener Schmäh und Berliner Schnoddrigkeit neben der wunderschönen Musik, Ohrwürmer vorprogrammiert“.

Die Operette von Ralph Benatzky lädt in erster Linie zum herzhaften Lachen aber auch zum Nachdenken ein“, sagt Kronshage. Sabine Lindner hat das Bühnenbild mit einem herrlich verkitschten östereichischen Lokalkolorit wie die Kostüme entworfen. Julia Morawietz sorgt mit ihrer Choreografie für die tänzerische Leichtigkeit des Lebens im Urlaubsland Östtereich.

Fabelhafter Gesamteindruck

Das weibliche Powertrio wird durch Fabrice Parmentier ergänzt, der die Harzer Sinfoniker sicher durch diesen musikalisch-facettenreichen Urlaubstrip im Salzkammergut leitet und dafür vom Publikum gefeiert wird.

Der auch in dieser Inszenierung viel beschäftigte Chor des Nordharzer Städtebundtheaters (Leitung Jan Rozehnal) komplettiert den fabelhaften Gesamteindruck. Die Damen und Herren des Chores sorgen auf der Bühne für das typische touristische – und durch die Pandemie lang entbehrte - Leben und Treiben an einem Urlaubsort.

Drei Liebespaare und einiges Wirrwarr

Das gesamte Ensemble zeigt sich gesanglich und spielerisch in Bestform, akrobatische Überraschungen eingeschlossen, etwa der Spagat von Maximiliane Schünemann, die Überschläge vorwärts von Bénédicte Hilbert, die Stuhlakrobatik von Michael Rapke. Schließlich Max An, der mit E-Scooter in der Idylle auftaucht.

Es heißt zwar, dass im Weißen Rössl am Wolfgangsee das Glück vor der Tür steht, doch bevor es zum Happyend kommt, sind so manche Hürden zu nehmen; insbesondere für den Zahlkellner Leopold Brandmayer, der zunächst chancenlos in die Hotelwirtin Josepha Vogelhuber verliebt ist. Diese wiederum hat ihr Herz an den jahrelangen Stammgast, den Rechtsanwalt Dr. Siedler aus Berlin verloren, der stets das beste Zimmer bekommt. Eigentlich.

Denn in diesem Jahr vergibt Leopold das Zimmer Nr. 4 mit Balkon - zunächst - an den Trikotagenfabrikanten Giesecke und dessen Tochter Ottilie. Der Grantler, der lieber am Müggelsee als am Wolfgangsee wäre, wird noch in seinem Urlaub mit seinem Zivilprozess konfrontiert, da in Person von Sigismund Sülzheimer der Sohn seines Gegners Quatier im Hotel nimmt.

Als noch Professor Hinzelmann – reisefreudig, aber stets knapp bei Kasse - und seine Tochter Klärchen auftauchen, sind alle Plätze im Liebeskarussell vergeben. Als es wieder zum Stehen kommt, haben sich drei glückliche Paare gefunden.

Der Mann zweiter Wahl

In Bewegung gesetzt wird es vom liebeskranken Leopold. Michael Rapke in charmanten österreichischen Tonfall sängerisch wie schauspielerisch überaus überzeugend. Mit dem berühmten Lied „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“ bringt er das eine oder andere Zuschauerherz zum Schmelzen. Nur das nicht von seiner angebeteten Josepha. Da muss erst Kaiser Franz Joseph I. (welterfahren verkörpert von Gijs Nijkamp) kommen, um mit „S’ist nun einmal so“ der „Rössl“-Wirtin den Weg zu Leopold zu weisen. Josepha Vogelhuber ist bei Bettina Pierags sehr gut aufgehoben in ihrem Spagat zwischen Geschäftstüchigkeit und Liebesnöten und ihrer Entscheidung für den „Mann ihrer zweiten Wahl“.

Die Rolle des Textilfabrikanten Wilhelm Giesecke scheint KS Klaus-Uwe Rein auf den Leib geschrieben zu sein. In Lederhose und Berliner Kodderschnauze nörgelt er sich zum Entzücken des Publikums durch die Handlung, macht Reklame für seine Erfindung - „die Hemdhose Apollo, vorne zu knöpfen“ - und wäre am liebsten wieder in Berlin, vielleicht auch noch in Ahlbeck.

Dass der Piefke dennoch bleibt, liegt an seiner selbstbewussten Tochter Ottilie, liebenswert-flott verkörpert von Maximiliane Schünemann, in die sich Rechtsanwalt Dr. Siedler beziehungsweise Max An, immer eine sichere Bank mit tenoralem Schmelz, verliebt.

Spürbare Spielfreude bei allen Akteuren

Den stimmschönen Paarreigen vervollständigen die reizend lispelnde Bénédicte Hilbert als Klärchen und Tobias Amadeus Schöner, als der „schöne Sigismund“. Für beide eine tolle Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent zu zeigen.

Norbert Zilz gibt überzeugend den durchreisenden, etwas vertrottelten Professor Hinzelmann. Thea Rein rundet als bühnenpräsenter Piccolo das spielfreudige Ensemble eindrucksvoll ab.

Ähnlich wie es 1930 in Berlin nach der Uraufführung hieß, dass jeder nach dem Besuch des „Weißen Rössl“ das Theater als „Optimist“ verlassen müsse, ergeht es den (leider in Quedlinburg nur zugelassenen 75) Zuschauern, die das Glück hatten, die Premiere zu erleben.

Alles in allem: Ein Abend des geteilten Glücks zwischen der eigens angereisten und angesichts der Resonanz beim Publikum sichtlich bewegten Regisseurin, dem beeindruckenden Ensemble des Städtebundtheaters und dem begeisterten Publikum.