Lackfabrik

Aufschwung am ältesten Standort

Die Lackfabrik ist der älteste Betrieb in Osterwieck und heute auch wieder einer der größten.

Von Mario Heinicke

Osterwieck l "Lack ist dreckig, stinkt und klebt." Der Satz kam von Geschäftsführer Dr. Leo Rokeach. Und er sollte beschreiben, dass die Lackherstellung von Vorurteilen behaftet und selbst innerhalb der Chemiebranche nicht so beliebt ist. Fachleute seien eher rar. "Wir holen Leute deutschlandweit her", berichtete er. Vor allem fürs Labor. Denn in Osterwieck werden viele Lacke entwickelt. Zum Beispiel für den Hochgeschwindigkeitszug in China, wie die Gäste um André Schröder erfuhren.

Das Gehalt sei jedenfalls nach Rokeachs nicht "der Knackpunkt" fürs Fachpersonal, in Osterwieck zu arbeiten oder auch nicht, antwortete er auf die Frage des CDU-Landtagsabgeordneten Bernhard Daldrup. Seine Firma sei Mitglied im Arbeitgeberverband und zahle den Chemietarif. "Der hat in den letzten Jahren stark zugelegt." Eher sei die ländliche Region hier ein Nachteil gegenüber anderen Chemiezentren.

Gegenüber den Politikern mahnte Rokeach daher, dass die Schulen erhalten werden müssten. "Die Attraktivität durch Schulen ist nicht zu unterschätzen." André Schröder merkte dazu an, dass die Landespolitik nach den jüngeren Schulschließungen viel Kritik von der Wirtschaft erhalten habe. Die CDU strebe an, Grundschulverbände zu ermöglichen, um die kleinen Standorte zu erhalten. "Sonst bekommen wir eine zweite Schließungswelle."

Stammhaus in Berlin

Lankwitzer Lackfabrik heißt die Firma im Osterwiecker Industriegebiet, die heute 110 Mitarbeiter beschäftigt. An diesem Standort war bereits 1847 eine Bleiweißfabrik gegründet worden. Zu DDR-Zeiten hatte die Lackfabrik um die 150 Mitarbeiter. Die Lankwitzer Lackfabrik übernahm den Osterwiecker Standort 1992. Lankwitz liegt in Berlin, im Westteil der Stadt hatten die Eltern von Leo Rokeach 1952 eine Lackfabrik gegründet.

Seit 1978 war auch viel für die Sowjetunion produziert worden, und zwar spezielle Lacke für Atomkraftwerke, wie Rokeach den Gästen aus der Firmengeschichte erzählte. Die Lankwitzer Lackfabrik kaufte nach der Wende vier ehemalige Lacufa-Kombinatsbetriebe, von denen Osterwieck und Leipzig heute noch bestehen. Darüber hinaus übernahm man 2000 noch einen Betrieb in Hannover, der inzwischen geschlossen ist, dessen Technologie für superschnell trocknende UV-Lacke aber in Osterwieck fortgesetzt wird.

320 Beschäftigte in 16 Ländern

"Wir hatten alle möglichen Überlegungen", berichtete Rokeach über den riesigen Neubau in Osterwieck. 1999 hatten auf dem Gelände lediglich noch 17 Leute gearbeitet. 2006 ist der Bau fertig geworden. "Hier gab es einen Landrat und eine Stadt, die uns massiv unterstützt haben", erinnerte der Firmenchef. "In einer überraschend kurzen Zeit ist alles genehmigt worden." Gebaut wurde auch mit Fördergeld.

Heute ist die Lankwitzer Lackfabrik international aufgestellt, erläuterte Leo Rokeach. 320 Leute arbeiten in 16 Ländern. Produziert werde in Berlin, Leipzig und Osterwieck, aber auch in Weißrussland und China. Als äußerst vielfältig stellt sich die Verwendung der Lacke dar. Von Autos, Zügen, Erdölförderung bis zur Kosmetikverpackung. Das Leipziger Werk zum Beispiel sei spezialisiert auf Lacke für Aluminiumfelgen. Mitentwickelt habe man einen Lack für Auto-Dieselpumpen, aber auch für Batteriezellen von Elektroautos.

Als Vorteil, dass sich die Lackfabrik als Mittelständler auf dem Markt behauptet, sieht Rokeach die Flexibilität. "Sie zeigen uns, dass ein Mittelständler international und innovativ ist", stellte André Schröder fest. Eigenschaften, die im Land laut Wirtschaftsexperten eher schwächer entwickelt seien. "Es ist zunächst eine Frage des Sich-Trauens und dann der Erfahrung", sagte Leo Rokeach über seine internationalen Aktivitäten. "Der Ruf der deutschen Produkte ist im Ausland phänomenal gut. Das muss man sich zunutze machen." Die Basis sei die gute Ausbildung der jungen Leute.

Ein wirkliches Hemmnis in Osterwieck sei aber die Internetanbindung. "Die ist eine Katastrophe", urteilte Rokeach. Die Firma habe die Videotechnik für Konferenzen der Labore installiert, könne sie aber mangels Breitband nicht nutzen. "Wir sind da dran", sagte Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko). André Schröder berichtete von einem Breitband-Programm, mit dem 90 Prozent der Kosten gefördert werden, was aber auch einen kommunalen Anteil erfordere. In einem vorherigen Förderprogramm sei es dagegen nur um eine Grundversorgung gegangen.