Halberstadt l Said Tadjek ist in die Mühlen der Bürokratie geraten. Der Afghane ist 2015 vor Krieg und Zerstörung nach Deutschland geflüchtet. Er lebt seitdem in einem Wohnheim in Rübeland. Said will sich in Deutschland integrieren. Dafür hat er sich erfolgreich um eine Lehr­stelle beworben und möchte nach Halberstadt ziehen. Ein Vorhaben, mit dem er an Grenzen stößt. Die Ausländerbehörde des Landkreises Harz verzögert die dafür notwendige Genehmigung, so Andre Berei, der den Flüchtling begleitet.

Um seinen Traum von einer Ausbildung leben zu können, hat sich Said Tadjek die Sprache seines Gastlandes selbst beigebracht – ohne Sprachkurs. Obwohl er in seinem Heimatland nie eine Schule besucht hat. „Wenn ich mich erfolgreich integrieren möchte, muss ich die Sprache des Gastlandes sprechen“, betont der Afghane. Jetzt soll der nächste Schritt folgen – eine Lehre.

Vertrag in der Tasche

Said Tadjek besitzt eine Duldung und benötigt eine Ausbildungs-Duldung, um nicht abgeschoben zu werden. Den Vertrag hat er bereits in der Tasche. Trotzdem lässt die Ausländerbehörde des Landkreises Harz den jungen Mann zappeln. „Die Behörde muss den Start in die Ausbildung absegnen. Tut es aber nicht und verhindert damit die Integration von Said“, kritisiert Andre Berei. Und sie verunsichert damit auch den Arbeitgeber. Viele Handwerker in der Region würden händeringend Nachwuchs suchen. Said würde endlich gern seine Lehre beginnen. „Ich weiß nicht, wo das Problem ist“, fragt der 21-Jährige verständnislos.

Andre Berei engagiert sich seit drei Jahren in der Flüchtlingshilfe und begleitet Said Tadjek auf seinem schweren Weg durch den Bürokratie-Dschungel. Immer wieder schinde man in der Behörde Zeit. Das sei aber nichts ­Neues, sondern offenbar Politik, vermutet der Halberstädter. Er kenne ­viele dieser Fälle, wo man Flüchtlinge, die sich ­integrieren wollen, hinhält und verun­sichert. So habe man dem jungen Afghanen gesagt, dass er in den ersten sechs Monaten nach der Ausbildung abgeschoben werden könne. „Absoluter Blödsinn. Darauf würde sich doch kein Arbeitgeber einlassen, der viel Geld in die Ausbildung investiert“, unterstreicht Berei. „Lieber unterstützt die Behörde Flüchtlinge, die sich nicht integrieren und auch nicht arbeiten wollen, dafür aber in Deutschland Geld erhalten. Und genau diese Fälle pickt sich die AfD heraus, um gegen Flüchtlinge zu hetzen.“ Daher sei die Haltung der Ausländerbehörde in Halberstadt nicht nachvollziehbar. „Hier will sich jemand integrieren, dem Staat nicht länger auf der Tasche liegen, und man verhindert das.“

Said Tadjek bewarb sich erfolgreich bei einer Halberstädter Maler-Firma um eine Ausbildungsstelle. Dort sei er offen und warmherzig empfangen worden. Bereits einen Tag nach dem Vorstellungsgespräch lag der Vertrag auf dem Tisch. Um alles perfekt zu machen, kümmerte er sich um eine Wohnung in Halberstadt. Die kann Said Tadjek beziehen, wenn die Behörde endlich grünes Licht gibt.

Betrieb steht zu Zusage

Bis jetzt steht der Ausbildungsbetrieb zu seiner Zusage, obwohl der offizielle Ausbildungsstart am 13. August bereits verstrichen ist. „Wir hatten bei unserem Kennlern-Gespräch mit Herrn Tadjek das Gefühl, dass dieser um eine Ausbildungsstelle kämpft und sich unbedingt integrieren möchte. Seine Deutsch-Kenntnisse sind ausreichend gut, um sich mit den Mitarbeitern zu verständigen. Dass er ein Flüchtling ist, stellt für uns kein Problem dar“, bestätigt der Geschäftsführer gegenüber der Volksstimme. Er möchte allerdings anonym bleiben.

Auf eine Volksstimme-Anfrage beim Landkreis Harz, warum die Ausländerbehörde dem jungen Mann die Aufnahme einer Ausbildung verwehrt und wann er mit einem positiven Bescheid rechnen kann, antwortete Pressesprecherin Ingelore Kamann: „Unter Berücksichtigung des Datenschutzes kann ich Ihnen mitteilen, dass im vorliegenden Fall durch den Antragsteller die Antragsunterlagen am 8. August 2018 vollständig in der Ausländerbehörde eingereicht wurden. Der Antrag wird gegenwärtig geprüft und entschieden.“

„Ich unterstelle der Behörde, dass sie auf Zeit baut, die Said nicht hat. Für ihn droht seine Zukunft wie ein Kartenhaus einzubrechen. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Maler-Firma den Vertrag noch aufrecht hält“, hat Andre Berei Bedenken.