Emersleben l Wegen der langen Trockenheit der vergangenen Wochen befürchteten Experten in 2018 weniger Storchennachwuchs. Vielfach hätten Storcheneltern sogar ihren Nachwuchs aus dem Nest geworfen, weil es nicht genug Futter gibt, hieß es ergänzend dazu. Dem kann Georg Fiedler aus Rohrsheim nur bedingt beipflichten. Immerhin bilanzierte der Weißstorch-Beauftragte im Harz-Kreis am Sonnabend die Beringung von 199 Jungstörchen allein durch ihn in den vergangenen Wochen, 13 im Harzkreis und den Rest in Niedersachsen.

Bevor er das Nachwuchs-Quartett in Emersleben mit den metallenen Ringen versah, hatte er das mit drei weißgefiederten Geschwistern in ­Veckenstedt getan. Erfreut berichtete er nach seiner Ankunft im Halberstädter Ortsteil von der „ersten erfolgreichen Brut im Altlandkreis Wernigerode seit den 1980er Jahren“. Es habe schon seit Jahren kein Brutpaar in Ortschaften der Nordharzgemeinde gegeben.

Regelmäßig bewohnte Nester

Anders in Emersleben, dem einzigen Ort im Harzkreis mit regelmäßig zwei bewohnten Nestern und keinen Nachwuchssorgen. Auf dem in neun Metern Höhe auf dem Schornstein der ehemaligen Gärtnerei thronenden Nest waren am 4. und 7. April zwei Rotschnäbel gelandet. Seitdem beobachteten die Grundstückseigentümer Britt und Hagen Godisch das Treiben auf dem Horst und konnten schon bald Nachwuchs vermelden. Neuigkeiten gaben die Vorsitzende des Storchenvereins und ihr Mann gern an die Dorfbewohner weiter. Denn das Interesse an den Störchen sei groß, die „Bewohner auf Zeit“ bezeichnet er als etwas Verbindendes im Ort. „Emersleben ohne Störche kann sich niemand vorstellen“, pflichtet ihm seine Gattin bei.

Storchenpass für junge Adebare

Und so war es nicht verwunderlich, dass wieder einige Dutzend Neugierige auf das Grundstück am Dorfrand gekommen waren, um zu verfolgen, wie den Jungvögeln der „Storchen-Pass“ angelegt wird. Unter ihnen befanden sich etliche Mitglieder des Storchenvereins, der an diesem Tag mit Werner Bockhorst und Katja Kratzius um zwei Mitstreiter gestärkt wurde. Zu den schon langjährig Aktiven zählt Wolfgang Pardeike, der jedes Mal die Aufgabe übernimmt, den Storchenexperten im Korb der Hebebühne der Fa. Stadler in die Höhe zu bringen.

Tiere sehen gesund aus

Zuerst kontrollierte Fiedler den Zustand des Nestes, das immerhin rund 1,50 Meter hoch ist und gut zwei Meter im Durchmesser misst. „Stabil, sauber und gut ausgepolstert“, registrierte er und versicherte, dass daran nichts gemacht werden müsse. Positiv fiel auch seine Bewertung des Jungstorch-Quartetts aus: „Die Tiere machen einen gesunden Eindruck. Eins zeigt sich zwar körperlich etwas schwächer ent­wickelt, doch die Chancen stehen nicht schlecht, dass auch dieses sich so entwickelt, dass es im August mit gen Süden starten kann.“ Um dem etwas nachzuhelfen, versorgte Fiedler den Vogel mit einer vom Tierarzt empfohlenen Vitamintablette. Diese soll helfen, dass der Kleine sich bei der Futterverteilung besser durchsetzen kann und mehr abbekommt.

Die vier Adebare lagen bewegungslos in dem flachen Nest und machten es dem Experten leicht, die Schnäbel und Flügel zu kontrollieren. Dann nahm sich dieser jedes Tier einzeln vor und versah es oberhalb des sogenannten Intertarsalgelenks mit einem metallenen Ring (in ungeraden Jahren links und in geraden Jahren rechts). Dank solcher Kennzeichnung, in diesem Fall mit BO-34 bis BO-37, könne fortan der Lebenslauf der Vögel verfolgt und Erkenntnisse insbesondere zum Brut- und Zugverhalten gewonnen werden. In dem Zusammenhang berichtete der freiberufliche Ornithologe von einem 2009 in diesem Nest geborenen Storch, der derzeit in Hornhausen nistet. Dort ist er seit 2015 alljährlich Brutvogel.

Pflege des Storchenhabitats

Nachdem Fiedler seine Arbeit beendet hatte, präsentierte er dem Publikum einen der Jungstörche und fuhr hinab, um sich den Fragen der Neugierigen zu stellen. Unter diesen befanden sich auch Evelyn Beckmann, Michael Divo, Marlies und Peter Stöhr. Diese Vier sind Teilnehmer einer Arbeits-Gelegenheits-Maßnahme (AGH) zur Pflege des Storchenhabitats an der Holtemme in Emersleben. Sie haben seit Anfang Februar mit sehr viel Fleiß den mit Gehölzaufwuchs und Schilf zugewachsenen Teich wieder in seinen alten Zustand versetzt und unter anderem den Auenwaldrest von Unrat befreit und gemäht. Dank dieser Arbeit, die vom Storchenverein nicht allein geleistet werden kann, können die Störche dort wieder Nahrung finden.

Sylvia Lehnert von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises lobte den vorbildlichen Einsatz, der dank der Koba Harz und dem Aus- und Weiterbildungszentrum (AWZ) Halberstadt unter fachlicher Betreuung ihrer Behörde und des Storchenvereins realisiert wird. Britt Godisch schloss sich dem Lob an und dankte den fleißigen Helfern im Namen der 23 Mitglieder des Vereins, bevor sie sich in den Chor einreihte, welcher die „Hymne für Emersleben“ anstimmte.

Viele Neugierige

Mehrmals musste Wolfgang Pardeike kleine Gruppen Erwachsene und Kinder in die Höhe fahren, um ihnen einen Blick auf den Brutplatz zu ermöglichen. „Viele haben so etwas zum ersten Mal gesehen und gestaunt, vor allem, weil das Nest flach ist wie ein Teller“, berichtete er.

Britt und Hagen Godisch und ihre regelmäßigen Zaungäste werden schon bald die ersten Flugversuche der schnell wachsenden Jungtiere beobachten können. In der zweiten Augusthälfte machen sich die Jungen auf den Weg in den Süden, Anfang September folgt das Elternpaar ins Winterquartier.