Ballenstedt l Erst rund 35.000 Euro privates Vermögen vernichtet, dann etwa 120.000 Euro aus der Kirchenkasse veruntreut und dies schließlich den Gliedern der katholischen Kirchengemeinde Ballenstedt gebeichtet: Das Entsetzen war riesengroß, als der 64 Jahre alte Geistliche Mitte November vorigen Jahres seine Taten gestand. Fassungslosigkeit und Kopfschütteln, aber auch Empörung, weit über die Grenzen der Harzstadt hinaus. Gut drei Monate später werden die Bilder immer klarer.

So scheint der Pfarrer tatsächlich mit maximaler Gutgläubigkeit bösen Betrügern aufgesessen zu sein. Zumindest hat die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Halberstadt nach Angaben von Behördenchef Hauke Roggenbuck bislang keinerlei Hinweise auf eine private Bereicherung seitens des Geistlichen. „Im Moment spricht nichts dafür, dass er das Geld für private Zwecke abgezweigt hat“, so der Oberstaatsanwalt. Vielmehr habe sich in den bisherigen Ermittlungen all das bestätigt, was der Mann damals gestanden hatte. „Er hat das Geld dafür genutzt, um an einen großen Lottogewinn in Spanien zu kommen“, so Roggenbuck.

Pfarrer hätte stutzig werden müssen

Genau so hatte der 64-Jährige den Sachverhalt damals dargestellt – erst gegenüber den Gläubigen der Gemeinde und wenig später gegenüber der Volksstimme. Eine Mail, in der ein Lottogewinn von knapp einer Million Euro in Aussicht gestellt wurde. Schon da hätte der damalige Pfarrer eigentlich stutzig werden müssen, schließlich habe er gar nicht gespielt oder an einer Lotterie teilgenommen, so berichtete er später. Dann täuschend echt wirkende Zertifikate und schließlich die Forderung, vor der Auszahlung des vermeintlichen Gewinns, Zahlungen für Gebühren, Steuern und Online-Transfers zu leisten.

Der Mann überwies die geforderten Beträge – scheibchenweise auf Konten in Spanien. Mal 1200 Euro, dann 5000 Euro und zum Schluss sogar 20.000 Euro auf einmal. Erst habe er so sein privates Vermögen abgeräumt – wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Als das weg war, griff er auf zwei kirchliche Konten zu und plünderte die für Bauprojekte geplanten Rücklagen.

Erst als rund 120.000 Euro gen Spanien transferiert waren und der Lottogewinn noch immer nicht greifbar war, schöpfte der Mann Verdacht. Mitte November zeigte er sich selbst an und beichtete den Gemeindegliedern im Gottesdienst den Griff in die Kasse.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft spricht im Moment alles für einen Untreue-Verdacht zu Lasten der Kirche. „Unsere Ermittlungen laufen aktuell aber noch“, so Roggenbuck. Mittlerweile lasse sich der Verdächtige anwaltlich vertreten, das Verfahren laufe. Das Strafgesetzbuch sieht bei Untreue eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe vor.

Schuld minimieren

Unabhängig von den Ermittlungen und einer strafrechtlichen Ahndung der bereits gebeichteten Taten versucht der Geistliche, seine Schuld gegenüber der Kirche zumindest zu minimieren. Nachdem er seinen Posten als Pfarrer in Ballenstedt verloren hat, ist er weiter im kirchlichen Dienst tätig. „Er nimmt dabei aber rein seelsorgerische Tätigkeiten wahr und hält in seiner polnischen Muttersprache landesweit Gottesdienste ab. Er hat keinerlei Verantwortlichkeiten mit Zugriff auf Finanzen mehr“, berichtet Susanne Sperling, Sprecherin des Bistums Magdeburg.

Daneben versuche der Mann, seine finanzielle Schuld abzustottern, so die Bistumssprecherin. Konkret: Er habe den gesamten Teil seines nicht pfändbaren Gehaltes an die Kirche abgetreten. Zudem versuche er, die Verbindlichkeiten mit privaten Mitteln abzutragen. Ob es ihm so jemals gelingt, den veruntreuten Betrag zurückzuzahlen, ist unklar. Im kirchlichen Dienst liege das Ruhestandsalter bei 70 Jahren.