Halberstadt l Auf Grund der bestehenden Corona-Auflagen durften zum Wahlforum im Saal des Halberstädter Rathauses nur 70 Gäste Platz nehmen. Volksstimme-Redakteurin Sabine Scholz und Dr. Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses, moderierten die fast zweistündige Fragestunde.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

  • Denis Schmid (Buko): „In der Kommunalpolitik und auch im Sport ist das Henning Rühe.“
  • Andreas Henke (Die Linke): „Gregor Gysi, schon seit vielen Jahren. Ich schätze an ihm seine Eloquenz, seinen tiefsinnigen Geist und seine Fähigkeit, globale Komplexe gut zu vermitteln.“
  • Christian Hecht (AfD): „Es war mal Angela Merkel, das hat sich 2015 verändert. Für mich ist Jörg Meuthen ein Vorbild, der die AfD als Kapitän durch schweres Fahrwasser steuert.“
  • Daniel Szarata (CDU): „Kommunal ist das Harald Hausmann. Er verstand es, in seiner kurzen Amtszeit die Halberstädter zu begeistern, zusammenzubringen und stolz auf ihre Stadt zu machen.“
  • Jan-Peer Hartig (Einzelbewerber): „Ich habe kein direktes politisches Vorbild. Viele Menschen inspirieren mich auf meinem Weg. Ich gehe meinen eigenen Weg.“
  • Andreas Gottschalt (Einzelbewerber): „Bei politischen Vorbildern bin ich zwiegespalten. Aber Leute, die ehrenamtlich im sozialen und kulturellen Bereich aktiv sind, leisten wirklich eine tolle Arbeit.“

Wenn Sie OB werden oder bleiben - welche drei Punkte wären es, vor denen Sie Respekt haben?

  • Hartig: „Ich habe überhaupt vor den Menschen der Stadt und vor ihrer Arbeit Respekt, die viele Dinge mit Ruhe annehmen. Vor der Arbeit und der Leistung der Herren hier, die schon lange in der Politik tätig sind.“
  • Henke: „Ich habe großen Respekt vor denen, die sich alle fünf Jahre ehrenamtlich in der Stadt oder den Ortschaftsräten zur Wahl stellen, weil sie mit uns gemeinsam, mit der Verwaltung gemeinsam schwierige Dinge und Herausforderungen meistern wollen. Ich habe auch großen Respekt vor den Erwartungen der Menschen an der Politik und Verwaltung, weil ich daraus meine eigenen Erwartungen und Ziele ableite.“
  • Gottschalt: „Wie anfangs schon erwähnt, habe ich unglaublichen Respekt vor der Bürgerschaft, die viel bewegt in der Stadt, und viel Respekt vor den politischen Akteuren, die uns trotz Krise noch ein bisschen zusammenhalten.“
  • Schmid: „Als OB gilt es unheimlich komplexe Fragen zu erfüllen. Da es dabei kein richtig oder falsch beim Abwägen mehr gibt, habe ich großen Respekt davor, das richtige Verhältnis zu finden. Man muss auch das richtige Verhältnis zwischen Wünschen und Zielen finden, die man sich selbst gestellt hat und da die Realität, was auch wirklich machbar ist.“
  • Szarata: „Die Aufgabe, den Haushalt der Stadt wieder in den Griff zu bekommen. Das wird in jedem Fall eine Kraftanstrengung, vor der man großen Respekt hat, denn das ist in den letzten Jahren nicht wirklich gelungen. Zweite Aufgabe ist, wieder mehr Leben in die Stadt zu bringen, man könnte ein bisschen das Gefühl haben, es wird ruhiger in der Stadt. Das müssen wir ändern. Und die Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Man hört immer, dass es hakt. Ich glaube, das stimmt nicht, und ich will das beweisen.“
  • Hecht: „Ich kann die ersten beiden Punkte von Herrn Szarata direkt übernehmen. Ich habe Respekt vor der Aufgabe, die Finanz- und Wirtschaftskrise, in die die Bundesrepublik in den nächsten Jahren hineinschlittert, in unserer Stadt gemeinsam zu meistern. Die Größenordnung ist überhaupt noch nicht absehbar. Davor habe ich Respekt und ich würde mich ihr auf jeden Fall stellen.“

Wie würden sich die Kandidaten engagieren, um den Wirtschaftsstandort Halberstadt zu stärken?

  • Szarata: „Wir müssen aufhören, Fehler zu machen. Einer war zum Beispiel, die Gewerbegebiete Halberstadts viel zu spät an die neue Ortsumfahrung Halberstadt-Harsleben anzubinden. Wir benötigen außerdem ein vernünftiges Konzept, in welche Richtung Halberstadt sich entwickeln soll. Wir sind bald hoffentlich am Ende der Corona-Krise, dann wird es viele Fördergelder geben, um zum Beispiel die Medizintechnik-Branche zu entwickeln. Wir haben eine gute Medizintechnik Basis, die mit voller Kraft weiter ausgebaut werden muss. Wir müssen Schwerpunkte bei der Wirtschaftsentwicklung setzen und alle Akteure, auch die ansässigen Firmen an einen Tisch holen und sehen, wie es weiter gehen soll.“
  • Gottschalt: „Wir sollten Jobs der Zukunft schaffen. Vor allem im digitalen Bereich angesiedelt. Werden in Zukunft viele Menschen in der IT-Branche arbeiten sehen. Man muss Unternehmen stärken, damit sie sich weiterentwickeln und ­solche Jobs zur Verfügung stellen können und auch attraktiv für junge Menschen machen. Da sehe ich eine große Chance.“
  • Henke: „Halberstadt hat sich 2010 ein Leitbild gegeben, darauf aufbauend haben wir 2013 ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept auf den Weg gebracht, dass die ganzheitliche Entwicklung, die nachhaltige Entwicklung der Stadt, in vielen Bereichen der Wirtschaft mit Maßnahmen umreißt. Es gilt, dieses Entwicklungskonzept für den Zeithorizont 2035 fortzuschreiben. Darauf sollte auch die Arbeit des Stadtrates fokussiert sein, auch die Fortschreibung des Stadtentwicklungskonzeptes auf den Weg zu bringen. Das betrifft auch Fragen der Digitalisierung, die wir als Stadtverwaltung aktiv auf den Weg bringen. Die wirtschaftliche Schwerpunktsetzung erfolgt schon seit vielen Jahren. Sind schon Schwerpunkt der Medizintechnik. Wir haben dieses Cluster, ein Alleinstellungsmerkmal in Sachsen-Anhalt, auf 25 Unternehmen ausgedehnt.“
  • Hecht: „Diese Frage ist Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft unserer Stadt. Der Medizintechnik-Cluster zieht mittlerweile von allein andere Unternehmen an. Wir müssen Arbeitsplätze schaffen. Wie schaffen wir das? In dem wir Halberstadt zu einer Zukunftsstadt machen. Zum Beispiel für Nano-Technologien, Wasserstoffantriebe, die sich alle entwickeln, von denen Halberstadt aber noch nichts hat. Es wäre eine Aufgabe, Unternehmer direkt anzusprechen. Bekommen wir neue Arbeitsplätze, bekommen wir neue Familien, die bekommen Kinder, die Schulen werden wieder voll und wir haben bessere Steuereinnahmen und die Stadt entwickelt sich wieder nach vorne. Schaffen wir das nicht, bleiben wir dabei, dass wir betreutes Wohnen bauen, das wir immer ältere Leute haben und Abzug qualifizierter Arbeitskräfte. Das möchte ich nicht.“
  • Hartig: „Wir haben in der Stadt schon etliche Konzepte in vielen Bereichen erstellt, die auch in den nächsten Jahren nach der Wahl Bestand haben. Darüber sollte sich jeder Bürger im Klaren sein. Da wird sich nach der Wahl erst einmal wenig ändern. Es gilt auch mit den Unternehmen zu reden, ob es Potenzial gibt, auch um Startups nach Halberstadt zu holen. Also junge Leute, die Mut haben, etwas auf die Beine zu stellen, sollten wir hierher holen. Denen müssen wir eine Chance geben. Die vorhandenen Firmen benötigen Rückendeckung, dass wir sie weiterhin unterstützen, damit sie weiterhin im Wettbewerb bestehen.“
  • Schmid: „Wichtig ist die ganzheitliche städtebauliche Entwicklung Halberstadts. Die Erhöhung der Attraktivität der Stadt als Standort für Wirtschaft und Investitionen. Dafür zählt für mich die konsequente Ausnutzung der gesetzlichen Möglichkeiten zur Vergabe städtischer Aufträge an regionale Unternehmen. Die Stadt muss gemeinsam mit den Firmen schauen, an Fördermittel zu gelangen, um sich weiter entwickeln zu können."

Wie stellen Sie sicher, dass Sie ein guter Chef für die mehreren hundert Mitarbeiter der Stadtverwaltung werden?

  • Hecht: „Ich stelle sicher, ein guter Chef zu werden, indem ich immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte meiner Mitarbeiter habe und das ich darauf achte, dass die Zusammenarbeit mit der Verwaltung gut ist. Gibt es Probleme, dann werden sie ausgeräumt, ohne dass man Leute ausgrenzt oder diskriminiert. Dann werden wir eine gute Basis haben, um eine gute Arbeit für die Bürger und die Stadt leisten zu können.“
  • Schmid: „Als Offizier der Bundeswehr ist Menschenführung für mich ein tägliches Geschäft. Momentan bin ich für 1500 Soldaten verantwortlich, da kennt man die ­Herausforderungen einer guten Verwaltung, um gute Ergebnisse zu erzielen. Was ich gelernt habe und in Halberstadt gern umsetzen möchte, ist eine klare Linie mit klaren Vorgaben, wohin man geht und trotzdem den Mitarbeitern Gestaltungsspielraum zu geben. Ein guter Chef ist dafür ­verantwortlich, die Linie vorzugeben, ­konsequent darauf zu achten, dass Kompetenzen genutzt werden, aber auch ihre Grenzen ­haben. Wenn man das vorgibt, als Chef authentisch bleibt, ist das eine gute Zukunftsbasis.“
  • Gottschalt: „Ich denke in Teamstrukturen, versuche alle einzubinden und versuche alle Möglichkeiten auch im Team umzusetzen.“
  • Szarata: „Ein guter Chef sollte in der Lage sein, in der ersten Linie seine Mitarbeiter zu begeistern. Nicht nur für die Stadt, für die sie arbeiten, sondern auch für die Arbeit, die sie leisten und ihnen das Gefühl zu geben, dass jede Arbeit wichtig ist, damit die Stadt funktioniert. Diese Wertschätzung muss von oben bei den Mitarbeitern ankommen. Und wenn dann jeder weiß, was er zu tun hat, dann denke ich, kann man als guter Chef durchstarten.“
  • Hartig: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, den Mitarbeitern der Stadt mal ein Dankeschön auszusprechen. Egal, wo man im Rathaus unterwegs ist, alle sind freundlich. Sie versuchen alles, um die Anliegen der Bürger zu erfüllen. Ich möchte, dass sie selbstbestimmt arbeiten können, das Zufriedenheit im Haus herrscht.
  • Henke: „Ich habe in den zurückliegenden fast 14 Jahren einen kooperativen Führungsstil praktiziert. Ich hoffe, dass ich meinen Mitarbeitern auch ein guter Chef war. Jeder kann mit seinen kritischen Anliegen zu mir kommen, wir reden immer auf Augenhöhe, losgelöst von hierarchischen Strukturen. Das möchte ich auch so beibehalten.“

Was glauben Sie, was in Halberstadt und den Ortsteilen gut läuft? Was sollte Ihrer Meinung nach geändert werden? (Diese Frage wurde zu Beginn der Veranstaltung gestellt und die Kandidaten sollten sich dazu ein paar kurze Notizen machen, um sie am Ende vorzulesen).

  • Hecht: "Ich könnte jetzt eine populistische Antwort geben und sagen, alles wird gut. Es wird natürlich nicht alles gut." (Dann wird Hecht von den Moderatorinnen gestoppt und darauf hingewiesen, dass er sich Notizen machen sollte. Das tat Christian Hecht nicht und wurde daher gestoppt.) „Ich schreibe hier nichts auf, sondern gebe Ihnen die Antworten, wie sie mir in den Kopf kommen.“ Zur Frage, was geändert werden sollte, kommt Hecht dann doch zu Wort. „Wir müssen zusehen, dass die Bevölkerung in unserer Stadt wächst. Dafür müssen wir alles tun, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“
  • Schmid: „Was läuft gut? Wir dürfen stolz sein auf das Ehrenamt in sehr vielen Vereinen, in der Kultur und im Sport. Wir können stolz sein auf unsere Sehenswürdigkeiten, die Entwicklung des Tourismus und können darauf, die Kreisstadt des Harzes zu sein. Vielleicht dürfen wir uns auch mal wieder Hauptstadt des Harzes nennen. Ändern? Das Leitbild 2035 muss auf den Weg gebracht werden. Verbesserung der Transparenz und eine belebtere Gastronomie in unserer Stadt."
  • Szarata: „Bürgerschaftliches Engagement in der Stadt ist positiv und das politische Interesse und auch der Wunsch, politisch mitzubestimmen, ist groß. Ordnung, Sauberkeit und Grünflächenpflege müssen verbessert werden, insbesondere durch eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Stala und Stadt. Wir müssen auch aufhören, über die knappen Kassen zu jammern und endlich die Ärmel hochkrempeln und arbeiten. Wir benötigen einen genauen Plan für die Wirtschaft und müssen anfangen, aktiv und sichtbar auf Investoren zuzugehen, am besten gleich mit der entsprechenden Investitionsidee. Die Kommunikation mit den Bürgern muss verbessert werden. Und als letzten Punkt, Halberstadt als Kreisstadt benötigt eine Stadthalle."
  • Hartig: „Es ist gut, dass wir so viele Mitgestalter in Halberstadt und den Ortsteilen haben.Ebenso, dass wir sechs Kandidaten für die OB-Wahl haben. Ich denke, das spricht für die Stadt, für die Zukunft der Stadt. Ändern? Wir müssen versuchen, dass die Bevölkerung bleibt und sich nicht anders orientieren muss. Wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben, hierzubleiben."
  • Henke: „Die Antworten ­zeigen mir, dass wir trotz ­verschiedener Parteizugehörigkeiten doch in vielen Punkten auf einer gemeinsamen Linie liegen. Auch bei mir steht an erster Stelle, das breitangelegte bürgerschaftliche Engagement läuft sehr gut. Es gibt eine große Anzahl Menschen, die sich mit Leidenschaft für Halberstadt und die Ortsteile einsetzen. Jetzt muss noch etwas besser werden, ein besseres Marketing nach innen, dass wir auch noch die Letzten erreichen, die sich noch nicht so mit dieser Stadt identifiziert haben, die noch zu viel meckern - die müssen wir auch noch mitnehmen."
  • Gottschalt: „Absolute Zustimmung zu meinen Vorrednern. Ich möchte noch mal ein Augenmerk auf den sozialpädagogischen Bereich legen. Vor allem, was da im ländlichen Gegenden passiert, ist wirklich einzigartig. Die Angebote, die es gibt, müssen mehr nach außen getragen werden, sodass wir auch noch mehr Leute von außerhalb begeistern können, hier ansässig zu werden.“