Hier finden Menschen, die sich aktuell in einer psychischen Notlage befinden, Hilfe:

● Die Corona-Epidemie kann neben gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen auch zu erheblichen psychischen Belastungen führen, das wissen die Mediziner aus ihrer täglichen Praxis. Die Blankenburger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Harzklinikum bietet ab sofort verunsicherten Menschen zur Beratung eine „Telefon-Sprechstunde“ an. Chefarzt Dr. Christian Algermissen: „An unsere telefonische Sprechstunde können sich Betroffene mit wachsenden Sorgen, Ängsten, familiären Konflikten sowie in der Isolation, bei Vereinsamung wenden. Diplom-Psychologin Martina Schulz steht dafür montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 15.30 Uhr unter der Rufnummer (0 39 44) 96 21 07 zur Verfügung.“ Zugleich warb der Chefarzt dafür, dass in der Telefon-Sprechstunde keine Therapie angeboten werden könne.

● Der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Harz ist telefonisch montags bis freitags von 8 Uhr bis 12 Uhr für Bürger des Landkreises Harz erreichbar. Nach Absprache können außerhalb dieser Sprechzeiten Termine vereinbart werden.

Kontakt:

- Halberstadt: (0 39 41) 59 70 44 84, -44 92

- Blankenburg: (0 39 41) 59 70 29 31, -29 32

- Quedlinburg: (0 39 41) 59 70 66 28, -66 23, -66 01

- Wernigerode: (0 39 41) 59 70 23 29, -23 27

● Die Telefonseelsorge ist unter der Telefonnummer (08 00) 11 01 111 erreichbar. Aktuell wird die Seelsorge auch via Internet, per E-Mail und Chat, angeboten unter www.telefonseelsorge.de

● Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ erreichen Sie rund um die Uhr und kostenfrei telefonisch unter (80 00) 11 60 16 oder online unter www.hilfetelefon.de. „Im Zuge der Corona-Epidemie setzt das Hilfetelefon ‚Gewalt gegen Frauen‘ alles daran, das Beratungsangebot rund um die Uhr aufrechtzuerhalten. Gerade in diesen Zeiten ist eine telefonische und online-Beratung für Betroffene von Gewalt wichtig“, heißt es auf der Internetseite,

Zudem gibt es den Appell: „Bitte sehen Sie von Anrufen zum Coronavirus bei uns ab. Unsere Beraterinnen können diese Fragen nicht beantworten.“

● Das Seele-Fon des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat seine Sprechzeiten ausgeweitet: montags, dienstags, freitags von 10 bis 20 Uhr, donnerstags von 10 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 21 Uhr sowie samstags von 14 bis 16 Uhr. Die Rufnummer lautet: (02 28) 71 00 24 24.

● Die Telefon-Seelsorge richtet sich an alte und junge Menschen, Berufstätige, Hausfrauen, Auszubildende oder Rentner, Menschen jeder Glaubensgemeinschaft und Kirchenzugehörigkeit. Die Hotline ist kostenfrei und rund um die Uhr unter Telefon (08 00) 111 0 111 oder (08 00) 111 0 222 erreichbar.

● Die Mitarbeiter der Hotline „Silbertelefon“ wollen älteren Menschen in der Coronakrise beistehen. Sie ist täglich von 8 bis 22 Uhr geschaltet. Die kostenlose Telefonnummer lautet (08 00) 470 80 90.(sr/jn)

Volksstimme: Herr Dr. Krause, wird sich die Corona-Krise auf die Psyche der Menschen auswirken? Und wenn ja, ab wann wird das spürbar sein?
Wolf-Rainer Krause:
Die Corona-Krise, die beinahe weltweit Ausgangs- und Kontaktverbote verursacht hat, hat sich bereits ausgewirkt. Patienten reagieren vermehrt mit Ängsten auf die Pandemie. Die Isolation trifft vor allem Menschen, die bereits vorher depressiv erkrankt waren. Mein Eindruck ist, dass Angst und Depressionen seit Corona zugenommen haben. Hinzu kommt, dass aus Vorsicht unsere Tageskliniken geschlossen wurden. Nicht alle Patienten dürften zu diesem Zeitpunkt bereits ausreichend stabilisiert sein.

Sind Ängste und Sorgen in einer solchen Ausnahmesituation, in der wir uns gerade befinden, nicht normal?
Ängste an sich sind wichtig. Sie erfüllen eine überlebenswichtige Funktion, ohne die es Menschheit nicht gäbe. In unserem Gehirn ist die Amygdala das Angstzentrum und verantwortlich für instinktive Verhaltensweisen wie Kampf oder Flucht. Schwierig wird es, wenn Amygdala und der präfontale Cortex, der Bereich hinter unserer Stirn, nicht richtig zusammenarbeiten. Der präfrontale Cortex beurteilt, wie akut die Gefahrensituation tatsächlich in diesem Moment für mich ist oder auch nicht. Arbeiten diese beiden Akteure des Hirns nicht richtig zusammen, kann uns die Angst beherrschen und das wird dann zu einem Problem. Die Angst behindert uns, dass wir einen Alltag leben können. Man kann aber lernen, seine Ängste zu steuern.

Wie geht das?
Zum Beispiel mit Autogenem Training, eine von dem Psychotherapeuten Johannes Heinrich Schultz entwickelte Form der Selbsthypnose. Die Übungen tragen zur körperlichen und geistigen Entspannung bei. Viele haben das Autogene Training bereits schon einmal erlernt, auch bei mir. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern. Meditation und Yoga sind im weitesten Sinne mit dem Autogenen Training verwandt und können einen ähnlichen Effekt erzielen.

Welche Möglichkeiten gibt es, Ängsten und depressiven Gedanken vorzubeugen?
Wichtig ist es, sich Strukturen zu schaffen, auch wenn Schulen und Arbeitsstelle gerade geschlossen sind. Es ist ratsam, sich an feste Zeiten zu halten und sich selbst Aufgaben zu setzen. Nachbarschaftshilfe etwa ist in unserer überalterten Gegend gerade jetzt wichtig. Außerdem ist es wichtig, sich trotz Abstandsregel nicht zu isolieren. Wenn Sie einen Nachbarn auf der Straße treffen, sprechen Sie ihn an, fragen Sie ihn, wie es ihm geht. Damit tun Sie ihm und sich selbst etwas Gutes. Nehmen Sie Kontakt zu Freunden und der Familie auf, dank moderner Technik geht das auch zurzeit. Akzeptieren Sie, dass es zum Schutz Schwacher gerade Besuchsverbote in Altenheimen und Krankenhäusern gibt und finden Sie andere Wege, um in Verbindung zu bleiben. Und das Wichtigste: Beschränken Sie sich auf ein, maximal zwei Fernsehsendungen zu Corona am Tag, von einem seriösen Sender. Das reicht. Ohnehin sollte man das Fernsehen vielleicht auf die Abendstunden verlegen und sich tagsüber andere Aktivitäten suchen.

Welche zum Beispiel?
Raus gehen. Die Frühlingssonne tut gut und im schönen Harz bieten sich uns viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. Sportliche Aktivitäten – drinnen wie draußen –halte ich für die Prophylaxe für sehr wichtig. Regionale Fitnessstudios bieten zum Beispiel gerade Livestreams im Internet an. Ein Pfarrer aus Blankenburg streamt auch Gottesdienste und Gedanken zum Tag. Für den einen oder anderen ist sicher auch so etwas wichtig, um Ängste und Trübsal zu vertreiben.

Wie merke ich, dass Angehörige zu sehr in Ängste und trübe Gedanken versinken?
Wenn sie sich überhaupt nicht mehr melden. Oder wenn sie über kein anderes Thema als ihre aktuelle Angst sprechen wollen. Das können Anzeichen sein.

Wie sollte man sich dann verhalten?
Die Menschen direkt darauf ansprechen sollte der erste Schritt sein. Es gibt viele Stellen, an die man sich wenden kann, vielleicht ist es hilfreich, Kontakt dorthin zu vermitteln. Wenn die Person schon einmal therapiert wurde – auch wenn es schon lange her ist, kann man auch den damaligen Therapeuten um Unterstützung bitten.

Befürchten Sie, dass es einen Anstieg der Suizid-Rate aufgrund der Corona-Krise geben wird?
Etwa 10.000 Personen im Jahr begehen in Deutschland bedauerlicherweise Suizid. Einige Kollegen gehen davon aus, dass es im Zuge von Corona mehr sein werden. Ich denke nicht, dass die Zahl deutlich steigen wird. Da sprechen Erfahrungen, die wir zum Beispiel in der Wendezeit gesammelt haben, dagegen. Mittlerweile haben wir ein dichtes Netz an Anlaufstellen.

Was ist mit häuslicher Gewalt, wird die Fallzahl Ihrer Ansicht nach steigen?
Ja, das ist zu erwarten. Wann sonst verbringt eine Familie so viel Zeit auf engstem Raum miteinander? Solchen Belastungen wie jetzt – Arbeit und Beschulungen der Kinder zu Hause, finanzielle Probleme aufgrund von Kurzarbeit, die Unsicherheit, wie lange diese Phase dauern wird – sind Familien normalerweise nicht ausgesetzt. Sport, Vereine, Treffen mit Freunden, all das fällt weg und fehlt. Das kann zu Streit und Aggressionen, im schlimmsten Fall zu Gewalt, führen.

Was kann man tun, um deeskalierend auf die Situation einzuwirken?
Trotz der Enge sollte sich eine Familie gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten geben und nicht nur aufeinanderhängen. Und es ist wichtig, sich Aktivitäten zu suchen.

Birgt eine solche Krise wie die jetzige auch Vorteile?
Aus rein psychologischer Betrachtung – unabhängig von den Folgen für die Wirtschaft, das ist nicht mein Gebiet – kann ich mir vorstellen, dass diese aktuelle Entschleunigung der Gesellschaft guttun kann. Sie bietet Gelegenheit, über grundsätzliche Verhaltensweisen, Zwischenmenschliches, nachzudenken. Muss ich immer und überall der Beste und Schnellste sein oder geht es nicht auch anders und mir geht es damit besser? Das setzt aber voraus, dass man die gerade vorgegebenen Maßnahmen für sich akzeptiert und annimmt, nicht für die, die gegen die Vorgaben rebellieren und verstoßen.

Ist es nicht menschlich, gegen Regeln verstoßen zu wollen und trotz Verbot den Kontakt zu Freunden zu suchen, Stichwort Corona-Partys?
Nachvollziehbar ist ein solches Verhalten vielleicht, aber im Moment absolut nicht zu tolerieren. Ich bin selbst Großvater und es fällt mir natürlich schwer, meine Enkel im Moment nicht sehen zu können. Zur Überbrückung, bis das wieder möglich ist, helfen Videoanrufe.

Können Sie während der Krise normal arbeiten?
Unsere Sprechstunde ist weiterhin offen, natürlich unter Berücksichtigung der verstärkten Hygiene- und Abstandsregeln. In diesem und im nächsten Quartal ist es uns erlaubt, auch telefonisch zu behandeln. Für langjährige Patienten ist das eine Möglichkeit,. Aber Patienten, die ich bisher noch nie behandelt habe, muss ich sehen. Ein Erstgespräch über das Telefon ist nicht möglich.

An wen können sich Menschen wenden, die aktuell nicht in einer Therapie sind?
Wir haben im Harz eine gute personelle Besetzung, was den ambulanten Bereich angeht. Das war vor Jahren noch anders, hat sich mittlerweile aber gebessert. Außerdem gibt es zahlreiche Anlaufstellen wie den Hausarzt, die Telefonseelsorge, die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet in der aktuellen Situation auch Therapiemöglichkeiten über das Internet an.