Halberstadt l Zum Schutz der Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen vor dem Coronavirus durften jegliche Alten- und Pflegeeinrichtungen in den vergangenen Wochen nicht mehr von Besuchern betreten werden. Nach der besuchte die Volksstimme das Seniorenzentrum Krüger in der Erich-Bordach-Straße in Halberstadt und begleitete Christel Franzke beim Besuch ihrer Mutter Ilse Gaffling. Die 94-Jährige wohnt seit drei Jahren im Seniorenzentrum. Ihre Tochter besucht sie dort normalerweise regelmäßig alle zwei Tage. Das Virus machte damit abrupt Schluss. Mutter und Tochter litten, wie sie berichten, darunter sehr.

„Ich bin so froh, dass ich meine Mutter wieder besuchen darf“, sagt Christel Franzke sichtlich erleichtert. Seit Kurzem sind die Türen auch dieses Seniorenheims für Angehörige nicht mehr verschlossen. Allerdings sind sie nur unter Auflagen geöffnet, um die Bewohner vor dem Virus zu schützen. Diese Auflagen nimmt Christel Franzke freilich gern in Kauf, um ihre Mutter überhaupt wieder sehen und sprechen zu können.

„Acht Wochen und drei Tage hat der Ausnahmezustand gedauert“, erinnert sich die Halberstädterin an diese schwere Zeit. Ihre Mutter, die eine mittelschwere ­Altersdemenz habe, habe nicht zu 100 Prozent verstanden, warum die Tochter plötzlich nicht mehr ins Seniorenzentrum kam. Andere Angehörige hätten versucht die Trennungszeit mit Kontakten von außen zu überbrücken. Bedeutet, sie stellten sich vor das Haus und die Senioren kamen ans Fenster. „Das funktionierte bei uns nicht, weil meine Mutter schwerhörig ist“, bedauert Christel Franzke.

Verluste bei Erinnerung und Aufmerksamkeit

Die achtwöchige Zwangs­trennung habe ihrer Mutter nicht gut getan, so die besorgte Tochter. Sie habe bei ihrer Mutter große Verluste festgestellt. Vor allem die kognitiven Fähigkeiten wie das Erinnern, die Aufmerksamkeit und die Orientierung hätten spürbar nachgelassen. Außerdem hätten ihr die Umarmungen der Tochter gefehlt. Dieses beieinander und nah zu sein, die Liebe des anderen hautnah zu spüren. Dadurch, dass es während der Einschränkungen auch keine Beschäftigung im Haus gab, fehlten die Herausforderungen für die Seniorin.

„Ein dickes Lob verdienen die Mitarbeiter im Team von Liane Kissau“, sagt Christel Franzke. Sie hätten sich in dieser schweren Zeit rührend, zugewandt und engagiert um die Bewohner des Seniorenzentrums gekümmert.

Christel Franzke berichtet, dass sie auch Kontakte zu Vertretern aus der Politik gesucht habe, um die strengen Besuchsregelungen wieder zu lockern. Tobias Krüger, Geschäftsführer des Pflegedienstes Krüger, sei auf ihre Sorgen um die Mutter eingegangen, habe Verständnis gezeigt. Bei anderen sei sie auf Ignoranz gestoßen. „Ein Brief an unsere Sozialministerin ist bis heute unbeantwortet geblieben.“ Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe sie ernst genommen und geantwortet, berichtet die Halberstädterin. „Der CDU-Landtagsabgeordnete Daniel Szarata engagierte sich ebenfalls für eine Lockerung der Besuchsregelungen.“

Eine gemeinsame Stunde mit Mundschutz

Mittlerweile sind Mutter und Tochter wieder vereint. Die strengen Einschränkungen wurden vorsichtig ­gelockert, Besuche bei der geliebten ­Mutter sind damit wieder möglich. Zwei bis dreimal pro Woche besucht Christel Franzke Ilse Gaffling jeweils für eine Stunde. Dabei tragen beide natürlich Mundschutz.

„Vorsicht wird trotz der ­Lockerungen im Seniorenzentrum immer noch groß geschrieben“, betont Liane Kissau, die das Haus, in dem 59 Menschen leben, seit 2015 leitet. Das Desinfizieren der Hände beim Betreten des Gebäudes und das Tragen eines Mundschutzes seien Pflicht. Nach der Lockerung seien feste Zeitfenster für Besuche eingeführt worden. „Vormittags von 9 bis 10 Uhr und von 10 bis 11 Uhr, nachmittags von 14.30 bis 15.30 Uhr und von 15.30 bis 16.30 Uhr. Fünf Angehörige können dann jeweils die Bewohner besuchen.“ Natürlich nur mit vorheriger Anmeldung. Außerdem dürfen nur immer dieselben Besucher ins Haus, betont Liane Kissau. Die Gäste dürfen mit ihren Angehörigen auch auf die Zimmer gehen.

In einigen Seniorenheimen im Harzkreis sind die Besuchsbedingungen indes weniger angenehm und erinnern – nach Schilderung von Besuchern – fast schon an Szenen, die man eher dem Gefängnis zuordnet. Die Gäste müssen Vollschutz tragen und zwischen ihnen und den Angehörigen befindet sich eine Plexiglasscheibe. Obendrein behält eine Aufsicht das Treffen im Auge. Private Gespräche sind damit so gut wie unmöglich. Letztlich geben Politik und Gesundheitsamt die Rahmenbedingungen vor – für die Umsetzung aller Vorgaben sind im Detail die jeweiligen Häuser verantwortlich.

Furchtbare Zeit der Quarantäne

Für Liane Kissau sind solche Szenen ein Graus. Die Zeit der Quarantäne sei für die Bewohner furchtbar gewesen. „Wir sahen, wie sie immer trauriger wurden. Es gab keine Kontakte untereinander oder zur Außenwelt, und im Haus waren die Beschäftigungsprogramme ausgesetzt“, erinnert sich die Leiterin des Seniorenzentrums. Ihre Mitarbeiter hätten versucht, die Ängste mit guter Laune zu vertreiben. Das hätten sie sehr gut gemacht.

Bislang habe man im Seniorenzentrum Krüger noch keine schlechten Erfahrungen mit den Besuchsauflagen gemacht. „Die Angehörigen sind verständnisvoll und akzeptieren wie wir entscheiden.“