Halberstadt/Wernigerode l „Ein Cent-Produkt ist plötzlich Gold wert.“ Mit diesem Satz hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)  beschrieben, wie wertvoll in der Corona-Krise  Schutzmasken geworden sind. Die Lieferanten können die vielen Anfragen nicht erfüllen, seit Wochen steht bei vielen Harzer Apotheken im Schaufenster das Schild „Schutzmasken ausverkauft“.

Um diesen Mangel zu kompensieren, rüsten immer mehr Unternehmen um, um hangenähte Mund-Nase-Masken herzustellen, auch im Harz. Die Volksstimme hat drei in Wernigerode und Halberstadt besucht:

Anleitung via Handy-Chat

Nicole Marchwinski muss gar nicht mehr fragen, warum Kunden sie anrufen. Und das tun viele. Ihr Handy steht selten still. Zurzeit gäbe es nur ein Thema. „Mundschutz. Für mehr interessiert sich momentan kaum jemand“, berichtet die Inhaberin der „verNÄHbar“, einem Stoffgeschäft in Halberstadt.

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Sie trägt die Masken selbst zum Schutz, hat Freunde und Familie damit ausgestattet, welche an Edeka Bienek in Halberstadt gespendet. „Die Mitarbeiter dort haben jeden Kontakt zu vielen unterschiedlichen Menschen und sollten sich vor Viren schützen können.“

Aber, so betont die Selbstständige, ihre Masken sind „ein Hygieneschutz, kein Medizinprodukt“. Dennoch sind die farbenfrohen Bedeckungen für Mund und Nase sehr gefragt, besonders von Berufsgruppen, in denen Abstandhalten schwer möglich ist. Ergo- und Physiotherapiepraxen, Zahnärzte, Mitarbeiter aus Pflegeberufen und Privatleute hätten bereits angefragt. „So lange sie öffnen durften auch Kosmetiker“, so Nicole Marchwinski. Die meisten bestellen nicht nur für ihre Mitarbeiter, sondern auch für Patienten und Kunden. „Jeder bekommt am Eingang eine, nach der Behandlung wird sie gewaschen.“

Baumwollstoff und Moltoneinlage

60 Grad Celsius seien für das Material kein Problem. Die Masken bestehen aus Baumwollstoff und einer Moltoneinlage. „Die werden auch als Saugeinlage zum Beispiel in Windeln verwendet“, erläutert der Näh-Profi. Nicht nur die fertigen Masken sind gefragt, sondern auch alles, was man zur Herstellung benötigt. „Damit allein kann man einen Laden aber nicht halten“, sagt Nicole Marchwinski ernst.

Erst im Ausgust hat die 36-Jährige aus Badersleben das 130 Quadratmeter große Geschäft eröffnet. Sie habe sich gut etabliert und Stammkunden gewinnen können, vor allem dank ihrer Näh-Kurse und Wochenend-Workshops, berichtet Nicole Marchwinski. „Ich habe gehofft und erwartet, ab März, April Plus zu schreiben.“ Nun bangt die junge Frau um ihre Existenz. „Wir haben Umsatzeinbußen von gut 90 Prozent“, sagt sie.

Aufgeben sei jedoch keine Option. Um ihren Laden und die Arbeitsplätze für ihre beiden Angestellten zu sichern, wird sie kreativ. „Ich bin QVC und Amazon in einem“, erläutert sie lachend. Via Videokonferenz und Postings auf Facebook zeigt sie ihre neuen Angebote, bietet den Kunden einen Abholservice an. „Sie können mir ihre Einkaufsliste zusenden, ich packe alles zusammen und bringe es ihnen an Tür.“ Stoff to go. Alles unter Beachtung von Abstandregelungen. Hilfe beim Nähen gibt sie derzeit per Handy-Chat.

Hoffen auf Lockerung der Corona-Regeln

Sie sei froh, so etwas zu tun zu haben und nicht die gesamte Krise über untätig zu Hause sitzen zu müssen. Gleichzeitig befürchte sie, dass ihr der Tatendrang zum Verhängnis werden könnte. „Vielleicht bekomme ich keine Förderung, weil mein Umsatz ja nicht komplett fehlt“, sagt sie. „Aber zehn Prozent? Damit können wir uns nicht lange halten.“ Deshalb hoffe sie auf Lockerungen der strengen Corona-Regeln für ihre Branche.

„In Tschechien stehen die Menschen gerade Schlange vor Stoff- und Handarbeitsgechäften, die auf stattliche Anordnung geöffnet sein müssen.“ Grund dafür ist der Regierungsbeschluss, dass jeder zur Eindämmung des Coronavirus in der Öffentlichkeit eine Mund- und Nasenbedeckung tragen muss. Da diese aber auch in unserem Nachbarland Mangelware sind, ist Handarbeit gefragt.

Solidarität im Nordharzer Theater

So still ist es selten im Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt. Kein Stimmengewirr mehr von Schauspielern, die ihre Texte üben, keine einziges Instrument erklingt. Während der Corona-Krise müssen alle Vorstellungen und Proben ausfallen, Premieren werden verschoben. Das Haus ist verwaist – zumindest fast. Im Obergeschoss des Gebäudes wird gewerkelt, wie das Rattern der Nähmaschinen verrät. „Das Nordharzer Städtebundtheater zeigt sich solidarisch, und macht sich in der Krise nützlich“, berichtet Theater-Sprecher Daniel Theuring. Statt aufwendiger Kostüme für die große Bühne sind es aktuell schlichte, kleine Stücke, die die Frauen anfertigen. „Ab sofort werden Atemschutzmasken für unsere Alltagshelden, die sich nicht im Homeoffice vor dem Virus schützen können, sondern für uns alle noch öffentlich tätig sind, aus Baumwollstoff-Resten gefertigt“, erläutert Theuring. „Ein Symbol für Solidarität und Einigkeit in dieser schweren Zeit.“

Und ein gefragtes. Mehr als 1000 Vorbestellungen liegen laut Theater bereits vor. Abnehmer sind die Stadt Quedlinburg, die Gemeinde Huy, die NOSA in Halberstadt, das Dienstleistungs-Centum (DLC) in Wernigerode, die Harzsparkasse und der Edeka Bienek in Halberstadt.

Etwa 60 Masken können die Theater-Schneider am Tag fertigen. „Deshalb bitten wir, erst einmal von weiteren Bestellungen abzusehen“, so Theuring. „Sobald wir wieder Bestellungen annehmen können, werden wir das auf Facebook kommunizieren.“

Schwiegermutter ist gefragt

Der Verkaufsschlager im Geschäft von Ina Kruschel sind momentan nicht etwa das Bastelzubehör, Stoffe oder Wolle, sondern der selbst genähte Mundschutz der Schwiegermutter. Ob gestreift, gepunktet, mit Flamingos oder mit Kakteen. In vielen Varianten liegen die Mundschutzmasken aus buntem Baumwollstoff auf ihrem Tisch.

Normalerweise näht die Schwiegermutter von Ina Kruschel Stoffbeutel, jetzt habe sie einfach angefangen den Mundschutz zu nähen. „Die Nachfrage nach Schutzmasken in den Märkten ist so groß, und zurzeit ist alles vergriffen. Das Selbernähen ist eine Möglichkeit, weiteren Personen Sicherheit zu geben, die sich schützen wollen“, so Kruschel.

Stoffmasken sind keine Garantie

Auch ihr ist bewusst, dass ein selbst gebastelter Mundschutz nicht unbedingt vor einer Infektion schütze. „Aber vielleicht lässt sich das so ein wenig eindämmen. Außerdem wissen viele Leute vielleicht gar nicht, dass sie infiziert sind.“ Tragen diese einen Mundschutz, könne man die Verbreitung des Virus eventuell weiter verhindern. Zwar könne ein Mundschutz der Marke Eigenbau mögliche Speicheltröpfchen abhalten, die das Coronavirus übertragen. Allerdings nur einen Teil. Und: Nach kurzer Zeit wird der Stoff durch die kondensierte Atemluft feucht und verliert seine Schutzwirkung so komplett.

Die Maske schützt also nicht unbedingt vor dem Virus, sondern höchstens davor andere Menschen mit dem Virus anzustecken. Außerdem sollte man ihn nach dem Gebrauch in der Waschmaschine bei 60 Grad waschen - kann ihn dann aber wieder benutzen.