Halberstadt/Harz l Vorbildwirkung – ist die gegeben, wenn sich Führungskräfte vordrängeln in der Impfreihenfolge? Nicht nur in Halle wird das debattiert, auch am Ameos-Klinikum in Halberstadt. Hier hatte sich Krankenhausdirektor Stefan Fiedler laut Volksstimme-Information bereits zum Start der Impfkampagne am 26. Dezember das Serum spritzen lassen.

Auf konkrete Nachfrage heißt es dazu vom Klinikum, dass man sehr wohl die Vorgaben der Impfverordnung, den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, der Ständigen Impfkommission und des Paul-Ehrlich-Instituts folge. Die Belegschaft erhalte individuelle Impfangebote „in exakt der Reihenfolge, wie sie aus der in der Verordnung und allen bekannten Empfehlungen genannten Priorisierung hervorgeht“, heißt es. Und weiter: „Diese Priorisierung ist in einer detaillierten Liste abgebildet, der eine ausführliche Bewertung jedes einzelnen Arbeitsplatzes und des individuellen Expositionsrisikos zu Grunde liegt. Die Reihenfolge der Impfungen folgt konsequent der so festgelegten Priorisierung.“

Wie passt da der Krankenhausdirektor rein? Auch dafür hat der Medizinkonzern eine Antwort: Es seien „punktuell und in Einzelfällen Mitglieder der Krankenhausleitung gewollt öffentlichkeitswirksam geimpft“ worden. Wegen der Vorbildwirkung, um „die anfangs sehr niedrige Impfbereitschaft zu erhöhen“. Dies sei gar von Mitarbeitern gefordert worden, „als Voraussetzung, um sich selbst impfen zu lassen“, so eine Ameos-Sprecherin.

Impfquote von 80 Prozent bei Ameos

Mittlerweile liege die Impfbereitschaft der „priorisierten Mitarbeitenden“ bei über 80 Prozent. Rund 70 Prozent „der impfwilligen und priorisierten Mitarbeitenden“ seien inzwischen geimpft.

Dass der Chef sich „vorgedrängelt“ habe, spiele indes innerhalb der Belegschaft keine Rolle, berichtet Anette Blume-Erl, Betriebsratsvorsitzende im Ameos-Klinikum Halberstadt auf Nachfrage. Beim Betriebsrat seien keine Fragen oder Kritiken diesbezüglich geäußert worden. Allerdings sei ihr der Fakt, dass der Verwaltungschef bereits geimpft ist, auch nicht bekannt gewesen. „Einige Ärzte haben gepostet, dass sie geimpft sind, das hat sicher eine Vorbildwirkung, viel diskutiert wird über das Thema in der Belegschaft unseres Wissens nicht.“

Kein Problem mit Vorbildwirkung

Für Blume-Erl ist die aktuelle Debatte um Halles parteilosen Oberbürgermeister Bernd Wiegand, der sich auch schon im Dezember hatte impfen lassen, unpassend. „Auf der einen Seite wird eine große Werbekampagne mit bekannten Leuten gefahren, und wenn dann ein bekannter Mensch sich impfen lässt, wird ihm das zum Vorwurf gemacht.“

Im Fall des Krankenhausdirektors sehe der Betriebsrat zudem, dass die Klinikleitung viele Kontakte zu dem Mitarbeitern habe, im Haus oft unterwegs sei. Von daher sei auch die Hausleitung einem Risiko ausgesetzt. Und dass vom Pflegepersonal deshalb jemand nicht geimpft werden konnte, sei ihr nicht bekannt.

Im Harzklinikum ist Chef zuletzt dran

Und wie sieht es im Harzklinikum „Dorothea Christiane Erxleben“ aus? Dort halte man sich strikt an die deutschlandweit geltende Impfverordnung, sagt Kliniksprecher Tom Koch. Entsprechend der Vorgaben hätten Teams in Quedlinburg und Wernigerode Rang- und Reihenfolge der zu Impfenden festgelegt. Krankenschwestern und Pfleger, Ärzte sowie Mitarbeiter in patientennahen Bereichen seien diejenigen, die bislang geimpft worden sind. Mit Stand gestern hätten an den Häusern in Blankenburg, Quedlinburg und Wernigerode 586 Mitarbeiter die erste Impfung bekommen, 406 seien zum zweiten Mal geimpft und 248 warteten noch auf ihre erste Spritze.

Man wolle sich eigentlich nicht an öffentlichen Debatten zu diesem Thema beteiligen, so Koch. „Nur soviel: Leitende Mitarbeiter der Verwaltungsdirektion und der Geschäftsführer werden zuletzt geimpft werden.“

Harz-Landrat wartet auf Impftermin

Letztlich stellt sich – nachdem bundesweit immer mehr Impfvordrängler – bekannt werden, beispielsweise auch die Frage, wie es der Harzer Landrat Thomas Balcerowski damit hält. Ist er schon geimpft? „Natürlich nicht“, betont der CDU-Politiker. „Ich bin 48 Jahre alt, gesund und warte darauf, dass mich meine Stadtverwaltung irgendwann zum Impfen einlädt.“ Alles andere komme für ihn nicht in Frage.

Das Impfen selbst sei im Halberstädter Ameos-Klinikum hervorragend organisiert, so Betriebsrätin Blume-Erl. Jeder, der wolle, könne sich die erforderlichen Unterlagen wie Einwilligungserklärung und Anamnesebogen im Intranet herunterladen und abgeben. Er erhalte dann seinen ersten und zweiten Impftermin und werde dann auch geimpft.

Viele Fragen rund um Impfzentren

Derweil werden mit Blick auf die individuellen Impftermine auf kreislicher und künftig lokaler Ebene immer wieder Fragen laut. So kritisierte ein Leser aus Wernigerode die aus seiner Sicht widersprüchliche Berichterstattung in der Volksstimme. Anfang Februar sei unter der Überschrift „Alles klar fürs dezentrale Impfen“ über das Prozedere samt Terminvergabe in den Kommunen informiert worden. Jetzt wiederum sei berichtet worden, dass ab sofort dienstags ab 18 Uhr über die zentrale Hotline 116 117 und das Internet wieder 600 Termine für das Kreis-Impfzentrum in Quedlinburg vergeben würden. „Was ist denn nun richtig“, so die Frage des Wernigeröders, der sich nach eigenen Worten um Termine für seine betagten Nachbarn kümmert.

„Beides ist richtig“, lautet die Antwort von Karsten Fischer, dem Chef des Kreis-Impfzentrums in Quedlinburg. Menschen der aktuell zu impfenden Prioriätsgruppe I (über 80-Jährige sowie medizinisches und pflegerisches Personal) hätten faktisch die Wahlmöglichkeit. „Entweder sie versuchen bereits jetzt, sich individuell einen Termin für unser zentrales Impfzentrum in Quedlinburg zu besorgen oder sie warten, bis die dezentralen Aktionen in ihren jeweiligen Kommunen anlaufen.“ Ersteres sei mit Blick auf den Ansturm auf die Impfungen und begrenzte Impfstoffmengen immer noch schwierig und logistisch aufwendig, weil die Immunisierungen allein in Quedlinburg verabreicht würden. Letzteres sei bequemer, aber noch mit Wartenzeiten verbunden, weil die lokalen Impfzentren frühestens im März am Start seien.

Beim Impfen selbst macht Fischer aktuell neue Probleme aus: Während die Gabe der Seren von Biontech/Pfizer und Moderna problemlos laufe, gebe es beim AstraZeneca-Impfstoff sehr große Zurückhaltung. „Hier werden nur rund zehn Prozent der Impftermine vergeben, weil die Leute verunsichert sind.“ Und im Schnitt machten 20 Prozent der Menschen auf der Schwelle kehrt, wenn sie hörten, dass in der Spritze das AstraZeneca-Serum aufgezogen sei.

Krankmeldungen bei AstraZeneca-Vakzin

Hintergrund seien unter anderem Berichte über verstärke Impfreaktionen. „AstraZeneca wird in der Altersgruppe 18 bis 65 verimpft und hier registrieren auch wir verstärkte Krankmeldungen. Die Leute haben ein bis zwei Tage lang grippeähnliche Symptome und fallen aus“, so Fischer. „Das muss man einfach einplanen, wenn man beispielsweise in Arztpraxen und Pflegeheimen impft.“

Das sei gewiss nicht schön, letztlich aber auch nicht mit einer Corona-Infektion vergleichbar. Wobei Fischer klarstellt: Aktuell gebe es für Impfwillige keine Wahl, welches Mittel sie bekommen. Aber: Während im Quedlinburger Impfzentrum die Mittel von Moderna und AstraZeneca verabreicht würden, gehe später ausschließlich das Serum vom Biontech in die lokalen Impfstationen.